Der Weg zur Gleichberechtigung
Die Geschichte von Ceija Stojkas künstlerischem Schaffen und ihrem gesellschaftlichen Engagement ist ein sehr persönliches Zeugnis – nicht nur ihrer eigenen Erfahrungen, sondern auch der Erfahrungen und Schicksale vieler Roma in Europa: vom fahrenden Leben über den Völkermord bis hin zum Kampf um Erinnerung und die Rechte dieser Minderheit. Ceija war eine der ersten Überlebenden, die sowohl für die Erinnerung an den Roma-Holocaust als auch für die Gleichberechtigung der Roma und Sinti in ihrer Heimat Österreich kämpften. Der ursprünglich von Zeitzeugen initiierten Bewegung für Bürger- und Menschenrechte schlossen sich im Laufe der Zeit auch Angehörige der zweiten und nachfolgender Generationen von Nachkommen von NS-Opfern an. Diese Bewegung führte 1993 zur rechtlichen Anerkennung der Roma als Volksgruppe und ethnische Minderheit in Österreich [9]. Ceija kämpfte auch für den Erhalt der Kultur der österreichischen Roma: So sang sie zum Beispiel mit einer Band Roma-Lieder und sprach in ihren Auftritten sowie in Karin Bergers Dokumentarfilm Ceija Stojka – Portrait einer Romni (1999) über die Bedeutung der Roma-Traditionen und die Erfahrungen der Roma.
[9] Mirjam-Angela Karoly, Dikh He Na Bister! Patrz i nigdy nie zapomnij! [in:] Taras Gembik, Małgorzata Kołaczek, Joanna Talewicz (Hrsg.), Ceija Stojka. Mam wolność. I have freedom, Fundacja W Stronę Dialogu, Warschau 2024, S. 84, https://fundacjawstronedialogu.pl/wp-content/uploads/2025/07/Ceija-Stojka-Mam-wolnosc-I-have-freedom.pdf.
Feminismus
Ceija war eine der ersten Romnja, die öffentlich für die Rechte ihrer Gemeinschaft kämpften. Indem sie die Diskussion über die Rechte von Sinti und Roma sowie über das generationenübergreifende Trauma anstieß, gab sie auch anderen Romnja eine Stimme und ebnete den Weg für Feminismus und Empowerment in der Roma-Gemeinschaft. Sie ist zweifellos eine Heldin und ein Symbol des Roma-Feminismus. Die Street-Art-Künstlerinnen und Aktivistinnen Trinidad Reyerta und Noelia Muriana schufen 2023 in der Straße Pedro Martín Zermeño (Cartagena, Spanien) ein Wandbild, auf dem sie aus verschiedenen Ländern stammende Romnja verewigten, die sich durch besonderes künstlerisches oder politisches Engagement ausgezeichnet haben [13]. Das Wandbild wurde am 16. Mai 2023 enthüllt, dem symbolischen Jahrestag des aktiven Widerstands der Roma gegen die Nationalsozialisten und deren Versuch, das „Zigeunerlager“ im KZ Auschwitz-Birkenau 1944 zu liquidieren. Neben Ceija Stojka würdigten die Künstlerinnen in ihrem Mural: Bronisława Wajs (Papusza), eine Roma-Lyrikerin; Lita Cabellut, eine Roma-Malerin, deren Werke zu den teuersten unter den Werken zeitgenössischer spanischer Künstler zählen; Miryam Amayi, eine transsexuelle Roma-Aktivistin, die sich für Menschenrechte und die LGTBIQ+-Community einsetzt; Carmen Amaya, eine der besten Flamenco-Tänzerinnen der Welt; Franciska Méndez Garrido, eine bekannte Roma-Sängerin, die fast schon als Symbol des Flamencos bezeichnet werden kann [14] .
[13] Siehe auch: Trinidad Reyerta y Noelia Muriana recuerdan a destacadas mujeres gitanas en un mural en Cartagena, 29.09.2023, http://murciavisual.com/trinidad-reyerta-y-noelia-muriana-recuerdan-a-destacadas-mujeres-gitanas-en-un-mural-en-cartagena/. [14] Siehe auch: Un mural destaca la valentía de las mujeres gitanas en Cartagena, 29.09.2023, https://www.cartagena.es/detalle_noticias.asp?id=74687.
Ceija Stojka (1933–2013) war eine Roma-Aktivistin, Künstlerin, Malerin, Schriftstellerin und Dichterin.
Die interaktive Arbeitskarte wurde als didaktisches Hilfsmittel für den Schulunterricht entwickelt. Anhand von zehn ausgewählten Informationen über das Leben und Werk von Ceija Stojka können Lehrkräfte die Geschichte der Roma im 20. Jahrhundert vermitteln – von den Erfahrungen des Holocaust bis zum Kampf um Erinnerung und Anerkennung in der Nachkriegszeit.
Texte: Dr. Joanna Talewicz, Dr. Małgorzata KołaczekGrafikdesign: Adriana OmylakKoordination Urszula BijośUnterstützung: Cecylia Jakubczak
Quellen:
1. Ceija Stojka International Association, http://ceijastojka.org.
2. Dikh He Na Bister, https://2august.eu.
3. Taras Gembik, Małgorzata Kołaczek, Joanna Talewicz (Hrsg.), Ceija Stojka. Mam wolność. I have freedom, Fundacja W Stronę Dialogu, Warschau 2024, https://fundacjawstronedialogu.pl/wp-content/uploads/2025/07/Ceija-Stojka-Mam-wolnosc-I-have-freedom.pdf.
4. Tímea Junghaus, Ceija Stojka. Auschwitz tylko śpi, Übersetzung: Małgorzata Kołaczek, „Dialog-Pheniben“ 2014, Nr. 16, https://fundacjawstronedialogu.pl/wp-content/uploads/2022/12/16_DIALOG_WEB.pdf.
5. Sławomir Kapralski, Milczenie, pamięć, tożsamość. Fantazmat „Cygana“ i ambiwalencja nowoczesności, „Ethos“ 2016, Nr. 1(113), S. 185–202.
6. Trinidad Reyerta y Noelia Muriana recuerdan a destacadas mujeres gitanas en un mural en Cartagena, 29.09.2023, http://murciavisual.com/trinidad-reyerta-y-noelia-muriana-recuerdan-a-destacadas-mujeres-gitanas-en-un-mural-en-cartagena/.
7. Un mural destaca la valentía de las mujeres gitanas en Cartagena, 29.09.2023, https://www.cartagena.es/detalle_noticias.asp?id=74687.
Familie
Die Stojkas, die der Gruppe der Lovara-Roma angehörten, sind ein Beispiel für eine Roma-Gemeinschaft, die durch den Krieg auseinandergerissen wurde. Ceija war das fünfte von sechs Kindern von Karl Wackar Horvath und Maria Sidonie Rigo Stojka [4]. Obwohl ihr bürgerlicher Name Margarete Horvath lautete, wurde die Künstlerin von ihrer ganzen Familie (und von sich selbst – auch in ihren Werken) Ceija Stojka genannt. Ceija hatte drei Brüder – Hans, Karl und Josef – und zwei Schwestern – Maria und Katherina. Alle Geschwister wurden in einer Zeit geboren, in der sich die Politik gegenüber den österreichischen Roma verschärfte: So galt beispielsweise für alle Roma im Burgenland die Verpflichtung, sich in einem speziellen Register, dem sogenannten „Zigeunerregister“, zu registrieren, und es galten eine Reihe von Maßnahmen zur Bekämpfung des „Zigeunerunwesens“, ähnlich wie im nationalsozialistischen Deutschland.
Nach der Annexion Österreichs wurden auch dort die Nürnberger Gesetze eingeführt. Den Roma wurden die Bürgerrechte entzogen, sie wurden zur Sesshaftigkeit gezwungen, und ihre Kinder durften nicht mehr zur Schule gehen. Trotz der erzwungenen Sesshaftigkeit und der zunehmenden Diskriminierung der Roma zeichnete Ceija in ihrem Werk das Bild einer bunten, unbeschwerten und glücklichen Kindheit. Wie ein roter Faden ziehen sich Geschichten über ihre Mutter und Geschwister durch die aus verschiedenen Lebensabschnitten stammenden Werke der Künstlerin – sie selbst betonte, dass familiäre Bindungen für sie und viele andere Roma die Grundlage des Überlebens waren. Ceija selbst hatte drei Kinder.
[4] https://www.ceijastojka.org/theassociation
Holocaust
Nach der Annexion Österreichs im Jahr 1938 galten alle im nationalsozialistischen Reich für Sinti und Roma geltenden Bestimmungen nun auch für das an Deutschland angegliederte Gebiet. Im Jahr 1939 wurde Ceijas Familie zur Sesshaftigkeit gezwungen. 1941 wurde ihr Vater verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Die Mutter begann, sich zusammen mit ihren sechs Kindern zu verstecken. 1942 wurde Ceijas Vater in der Gaskammer von Schloss Hartheim ermordet. Im darauffolgenden Jahr, nach dem Erlass vom 29. Januar 1943, der die Deportation aller Roma-Familien in das sogenannte „Zigeunerlager“ in Auschwitz-Birkenau anordnete, wurde die gesamte noch lebende Familie in Wien inhaftiert und später in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Dort bekam Ceija die Nummer Z6399 eintätowiert. Im „Zigeunerlager“ starb ihr jüngster Bruder Josef, genannt Ossi. Später wurden Ceija, ihre Mutter und ihre Schwestern nach Ravensbrück gebracht, während ihre zwei Brüder in die Lager Buchenwald und Flossenbürg kamen. Das letzte Lager, das Ceija und ihre Mutter vor der Befreiung durch die britische Armee im April 1945 durchliefen, war Bergen-Belsen. Nach der Befreiung machten sich Mutter und Tochter zu Fuß auf den Heimweg nach Wien – sie waren vier Monate unterwegs. Dort kam es endlich zu einem Wiedersehen mit den übrigen Geschwistern, die den Krieg ebenfalls überlebt hatten [5].
Ceija durchlief drei Konzentrationslager: Auschwitz, Ravensbrück und Bergen-Belsen. Nach den Worten von Monika Weychert, der Kuratorin der 2013 in der Nationalen Kunstgalerie Zachęta in Warschau präsentierten Ausstellung „Domy srebrne jak namioty“ (Silberne Häuser wie Zelte) – der ersten dem Völkermord an den Roma gewidmeten Ausstellung in Polen überhaupt –, waren schwarze Vögel ein häufiges Motiv in Ceijas Werken aus dem Zyklus Sogar der Tod hat Angst vor Auschwitz. Auf einer der Zeichnungen geraten die schwarzen Vögel in den Sog eines Stacheldraht-Wirbels, werden von diesem angesaugt und verschlungen. Sie verschwinden in dem Wirbel, verschmelzen miteinander und mit dem Draht, bis nur noch eine schwarze Masse übrigbleibt [6]. Ceijas KZ-Geschichte ist zugleich auch die Geschichte eines Kindes, das den Holocaust überlebt hat und lange nach geeigneten Ausdrucksformen suchte, um von dem unermesslichen Leid, der Angst, dem Schmerz und dem Tod zu erzählen, d.h. von Erfahrungen, die es selbst gemacht oder bei anderen beobachtet hat.
[5] Ceija Stojkas Haftgeschichte wurde anhand der auf der Website der International Association Ceija Stojka verfügbaren Informationen nachgezeichnet. https://www.ceijastojka.org/biography.
[6] onika Weychert, Czarne ptaki niepamięci [in:] Taras Gembik, Małgorzata Kołaczek, Joanna Talewicz (Hrsg.), Ceija Stojka. Mam wolność. I have freedom, Fundacja W Stronę Dialogu, Warschau 2024, S. 33, https://fundacjawstronedialogu.pl/wp-content/uploads/2025/07/Ceija-Stojka-Mam-wolnosc-I-have-freedom.pdf.
Die Kraft der Romnja
1986 traf Ceija die Dokumentarfilmerin Karin Berger, die sie nicht nur davon überzeugte, ihre Geschichte aufzuschreiben, sondern ihr auch dabei half, ihre Erinnerungen in Form eines Buches aufzubereiten. Ceija war die erste Romni, die ihre vom Holocaust geprägte Lebensgeschichte niederschrieb und in ihrem Text schilderte, wie sich diese Erfahrung und dieses Trauma auf die nachfolgenden Generationen auswirkten. In ihrem ersten, 1988 erschienenen Buch Wir leben im Verborgenen. Erinnerungen einer Rom-Zigeunerin, schrieb sie: Als wir herauskamen, waren wir krank, total! Das Herz war verwundet, unser Kopf, unsere Seele waren krank.[…] Die Angst, immer die Angst, mit dieser sind die Kinder aufgewachsen. Und deshalb schauen sie heute noch und drehen sich um, wenn sie auf der Straße gehen, verstehst du, sie drehen sich um. Nur ein Mensch, der sich fürchtet, dreht sich um! Wenn ein Mensch krank aus dem Lager kommt und sein Kopf schmerzt und seine Seele weh tut wegen des Vaters, wegen der Schwester, wegen des Bruders, die dort geblieben sind, kann dieser nur ein in der Seele verwundetes Kind zur Welt bringen. Es kommtauf die Welt, du siehst, wie lieb es ist, wie schön es ist, du ziehst es groß, liebst es, küsst es, umsorgst es. Es wächst auf, aber diese Angst, die in dir war, überträgst du auf es, mit der Muttermilch. Später veröffentlichte Ceija noch drei weitere Bücher und publizierte auch ihre Gedichte.
[9] Vgl.: Tímea Junghaus, Ceija Stojka. Auschwitz schläft nur, Dialog-Pheniben Nr. 16/2014, übers. von Małgorzata Kołaczek, S. 69.
Kunst
Für Ceija Stojka war die Kunst eine Möglichkeit, Zeugnis abzulegen von dem, was sie selbst und was Sinti und Roma während des Zweiten Weltkriegs erlebt hatten – zugleich war sie aber auch eine Form der Selbsttherapie. Obwohl Ceija erst im reifen Alter mit dem Malen begann – sie war fast 56 Jahre alt –, hinterließ sie der Nachwelt rund 1500 Werke, und ihre Bilder wurden zu einer der wichtigsten visuellen Erzählungen über den Roma-Holocaust. Ihre Werke waren in Museen und Galerien zahlreicher europäischer Länder sowie in den USA, Kanada und Japan zu sehen. Bei einer Vernissage in den USA im Jahr 2010 sagte die Künstlerin: Ich versuche immer, meine Gefühle und Erinnerungen darzustellen. Ich möchte den Menschen meine eigene Welt zeigen. Es ist mir wichtig, dass sie verstehen, dass wir alle Menschen sind und dass die Kunst uns ermöglicht, zu leben und zu existieren. Die Kunst stellt uns dar und verbindet uns [7].
Tímea Junghaus, die Direktorin des in Berlin ansässigen Europäischen Roma Instituts für Kunst und Kultur (European Roma Institute of Arts and Culture, ERIAC) und Kuratorin des ersten Roma-Pavillons auf der Biennale in Venedig im Jahr 2007, betonte nachdrücklich, dass Ceija Stojkas künstlerisches Werk nicht nur einen enormen Beitrag zur Gestaltung der Kulturgeschichte der Roma geleistet habe, sondern auch zur Anerkennung der Existenz einer eigenständigen Roma-Kunst beigetragen habe [8].
[7]Nach: Tímea Junghaus, Ceija Stojka. Auschwitz schläft nur Auschwitz tylko śpi, Übersetzung: Małgorzata Kołaczek, „Dialog-Pheniben“ 2014, Nr. 16, S. 68, https://fundacjawstronedialogu.pl/wp-content/uploads/2022/12/16_DIALOG_WEB.pdf. [8] Ebenda, S. 70.
Botschaft des Friedens
Nach dem Krieg wurde Ceija Stojka zu einem Symbol der Versöhnung und des Kampfes für die Rechte von Minderheiten. Mit ihrer künstlerischen, aktivistischen und pädagogischen Tätigkeit lebte sie bis zu ihrem Tod im Jahr 2013 vor, wie wichtig es ist, Räume zu schaffen, in denen Brücken zwischen Menschen gebaut werden und eine Botschaft des Friedens verbreitet wird. Bis heute klingen ihre Worte wie eine Warnung und zugleich wie ein Auftrag, ein Aufruf zum Engagement für den Frieden: Wenn sich die Welt jetzt nicht verändert – wenn die Welt ihre Türen und Fenster nicht öffnet, wenn sie keinen Frieden schafft, keinen wirklichen Frieden –, damit meine Urenkel eine Chance haben, in dieser Welt zu leben, dann werde ich nicht erklären können, warum ich Auschwitz, Bergen-Belsen und Ravensbrück überlebt habe [15].
[15] Zitat von Ceija Stojka, angeführt von den Organisatoren der Ausstellung Ceija Stojka 1933–2013. Nie mogę zapomnieć – Museum der Stadt Lodz und Marek-Edelman-Dialogzentrum https://muzeum-lodz.pl/wystawy_czasowe/ceija-stojka-1933-2013-nie-moge-zapomniec/
Schluss mit dem Schweigen
Ceija Stojka war eine der ersten österreichischen Roma, die das Schweigen über das Schicksal der Roma-Gemeinschaft während des Zweiten Weltkriegs brach. Durch das Veröffentlichen ihrer Lebensgeschichte, ihr gesellschaftliches Engagement und ihre Kunst sprach sie Themen öffentlich an, über die jahrzehntelang nicht gesprochen worden war. In ihrem Kampf um das Gedenken an den Roma-Holocaust und dessen Anerkennung wurde Ceija von ihren Brüdern Hans „Mongo“ und Karl Stojka unterstützt, die sich beide künstlerisch und gesellschaftlich sehr engagierten. Mit ihrem Leben und ihrer Haltung widerlegten die Geschwister – wie viele andere Überlebende – die Behauptung, Roma seien Menschen, die „im Hier und Jetzt, losgelöst von der Geschichte“ lebten. Das mangelnde Interesse an der Thematik des Holocaust an Sinti und Roma wurde – sowohl in der Wissenschaft als auch in Politik und Gesellschaft – damit begründet, dass Roma angeblich in ihrer eigenen Welt lebten, sich nicht erinnern und nicht über die Vergangenheit sprechen wollten.
Auf diese Weise wurde die Verantwortung für das europäische Vergessen auf ein Volk abgewälzt, das während des Zweiten Weltkriegs mindestens die Hälfte seiner Vorkriegsbevölkerung verloren hatte – rund eine halbe Million Menschen starben in Lagern und Ghettos, wurden unterwegs erschossen oder verhungerten. Sławomir Kapralski sieht darin eine Entwertung und Tilgung der historischen Wahrheit. Seiner Meinung nach löschen wir mit der Behauptung Roma lebten losgelöst von der Geschichte und in ihrer eigenen Welt, letztlich auf verdeckte Weise Jahrhunderte von Kontakten zwischen Roma und den europäischen Gesellschaften aus [11]. Der Forscher hat auch eine Antwort darauf, warum das geschehen konnte: Die Mitglieder jener Gesellschaften hatten bei diesen Kontakten Schuld auf sich geladen, weshalb man sie gerne aus den offiziellen historischen Narrativen tilgt [12] . Ceija Stojka und andere Überlebende verschrieben ihr Leben dem Ziel, dieser Tilgung entgegenzuwirken und sie zu verhindern.
[11] Sławomir Kapralski, Milczenie, pamięć, tożsamość. Fantazmat „Cygana“ i ambiwalencja nowoczesności, Ethos“ 2016, Nr 113, S. 189. [12] Ebenda, S. 189.
Wiedergeburt
Ceija Stojka liebte Sonnenblumen, die – als wichtiges Symbol für Leben, Hoffnung und die Rückkehr zur Natur nach dem Trauma des Krieges – immer wieder in ihren Bildern und Texten vorkommen. In ihrem Gedicht E Kamesgi Luludschi (Die Sonnenblume) heißt es: Die Sonnenblume ist die Blume des Rom.
Sie gibt Nahrung, sie ist Leben.
Und die Frauen schmücken sich mit ihr.
Sie hat die Farbe der Sonne.
Als Kinder haben wir im Frühling ihre zarten, gelben Blätter gegessen und im Herbst ihre Kerne.
Sie war wichtig für den Rom.
wichtiger als die Rose,
weil die Rose uns zum Weinen bringt.
Aber die Sonnenblume bringt uns zum Lachen.[1]
Heute ist die Sonnenblume für die Roma-Gemeinschaft auch ein Zeichen des Überlebens und der Wiedergeburt nach dem Holocaust. Im Jahr 2024, anlässlich des 80. Jahrestages der Auflösung des sogenannten „Zigeunerlagers“ im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau am 2. August 1944, erklärte die Initiative zur Erinnerung an den Völkermord an den Roma Dikh He Na Bister [2] (in Romani: „Schau hin und vergiss nicht“) die Sonnenblume – laut Stojka die „Blume des Rom“ – zum Symbol für die Wiedergeburt des Lebens und den Widerstand der Sinti und Roma.
[1] Der Text erschien in einem Sammelband mit Gedichten aus der Feder von Roma-Autorinnen und -Autoren: Die Morgendämmerung der Worte: Moderner Poesie-Atlas der Roma und Sinti, herausgegeben von Wilfried Ihrig und Ulrich Janetzki (Die Andere Bibliothek, Berlin 2018) – nach: Dikh He Na Bister, https://2august.eu/we-are-reclaiming-the-sunflower/.
[2] Dikh He Na Bister ist eine Initiative des seit 2010 bestehenden Internationalen Roma-Jugendnetzwerks ternYpe, das Roma-Organisationen aus neun Ländern vereint: Albanien, Bulgarien, Deutschland, Ungarn, Italien, Nordmazedonien, Slowakei, Spanien und Polen. Bei der Durchführung der alljährlich in Krakau und auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau im Rahmen der Initiative Dikh He Na Bister stattfindenden Veranstaltungen zum 2. August, dem Europäischen Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma, werden die Organisationen des ternYpe-Netzwerks vom Europarat, vom Zentralrat der deutschen Sinti und Roma mit Sitz in Heidelberg sowie von vielen Partnerorganisationen unterstützt.
Nach: Tímea Junghaus, Ceija Stojka. Auschwitz tylko śpi, Übersetzung: Małgorzata Kołaczek, „Dialog-Pheniben“ 2014, Nr. 16, S. 68, https://fundacjawstronedialogu.pl/wp-content/uploads/2022/12/16_DIALOG_WEB.pdf.
Kindheit
Ceija Stojka wurde 1933 in Kraubath in der Steiermark, einem österreichischen Bundesland, geboren. In ihrer Autobiografie schrieb sie über ihre Geburt: Wir fuhren mit unserem Wagen, und meine Mutter sagte zu meinem Vater: ‘Wackar, I palluni rota padschilli’ – das Hinterrad geht kaputt. Das war das Signal, dass die Wehen eingesetzt hatten. Meine Patin blieb die ganze Zeit bei meiner Mutter, bis ich in einem Gasthof das Licht der Welt erblickte. Am nächsten Tag taufte sie mich, und es wurde ein kleines Fest auf einer Wiese veranstaltet. Die Einheimischen, Gadschos (Nicht-Roma – Anm. d. Aut.), schlossen sich uns an, brachten Essen und Trinken mit, und dann wurde zwei Tage und zwei Nächte lang gesungen und getanzt [3]".
Österreich war für Ceija ein sehr wichtiger Ort – es war ihre Heimat. In den warmen Monaten zog die Familie mit ihrem Wagen durch die Gegend, den Winter verbrachte sie in Wien. In ihren Büchern und Bildern zeichnet Stojka trotz der zunehmenden Diskriminierung der Roma in Österreich das Bild einer vergleichsweise glücklichen Kindheit. Nach dem Festsetzungserlass, der den Roma das Umherziehen verbot, wurde der Wohnwagen der Familie auf einem Gelände in der Nähe von Wien zu einem kleinen Häuschen umgebaut. Ceijas Vater und ihre Brüder mussten den Pferdehandel (ein traditioneller Beruf in der Gruppe der Lowara) aufgeben und in Fabriken arbeiten. Nach dem Krieg lebte Ceija bis zu ihrem Tod in Wien.
[3] Nach: Tímea Junghaus, Ceija Stojka. Auschwitz tylko śpi, Übersetzung: Małgorzata Kołaczek, „Dialog-Pheniben“ 2014, Nr. 16, S. 68, https://fundacjawstronedialogu.pl/wp-content/uploads/2022/12/16_DIALOG_WEB.pdf.
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Der Weg zur Gleichberechtigung
Die Geschichte von Ceija Stojkas künstlerischem Schaffen und ihrem gesellschaftlichen Engagement ist ein sehr persönliches Zeugnis – nicht nur ihrer eigenen Erfahrungen, sondern auch der Erfahrungen und Schicksale vieler Roma in Europa: vom fahrenden Leben über den Völkermord bis hin zum Kampf um Erinnerung und die Rechte dieser Minderheit. Ceija war eine der ersten Überlebenden, die sowohl für die Erinnerung an den Roma-Holocaust als auch für die Gleichberechtigung der Roma und Sinti in ihrer Heimat Österreich kämpften. Der ursprünglich von Zeitzeugen initiierten Bewegung für Bürger- und Menschenrechte schlossen sich im Laufe der Zeit auch Angehörige der zweiten und nachfolgender Generationen von Nachkommen von NS-Opfern an. Diese Bewegung führte 1993 zur rechtlichen Anerkennung der Roma als Volksgruppe und ethnische Minderheit in Österreich [9]. Ceija kämpfte auch für den Erhalt der Kultur der österreichischen Roma: So sang sie zum Beispiel mit einer Band Roma-Lieder und sprach in ihren Auftritten sowie in Karin Bergers Dokumentarfilm Ceija Stojka – Portrait einer Romni (1999) über die Bedeutung der Roma-Traditionen und die Erfahrungen der Roma.
[9] Mirjam-Angela Karoly, Dikh He Na Bister! Patrz i nigdy nie zapomnij! [in:] Taras Gembik, Małgorzata Kołaczek, Joanna Talewicz (Hrsg.), Ceija Stojka. Mam wolność. I have freedom, Fundacja W Stronę Dialogu, Warschau 2024, S. 84, https://fundacjawstronedialogu.pl/wp-content/uploads/2025/07/Ceija-Stojka-Mam-wolnosc-I-have-freedom.pdf.
Feminismus
Ceija war eine der ersten Romnja, die öffentlich für die Rechte ihrer Gemeinschaft kämpften. Indem sie die Diskussion über die Rechte von Sinti und Roma sowie über das generationenübergreifende Trauma anstieß, gab sie auch anderen Romnja eine Stimme und ebnete den Weg für Feminismus und Empowerment in der Roma-Gemeinschaft. Sie ist zweifellos eine Heldin und ein Symbol des Roma-Feminismus. Die Street-Art-Künstlerinnen und Aktivistinnen Trinidad Reyerta und Noelia Muriana schufen 2023 in der Straße Pedro Martín Zermeño (Cartagena, Spanien) ein Wandbild, auf dem sie aus verschiedenen Ländern stammende Romnja verewigten, die sich durch besonderes künstlerisches oder politisches Engagement ausgezeichnet haben [13]. Das Wandbild wurde am 16. Mai 2023 enthüllt, dem symbolischen Jahrestag des aktiven Widerstands der Roma gegen die Nationalsozialisten und deren Versuch, das „Zigeunerlager“ im KZ Auschwitz-Birkenau 1944 zu liquidieren. Neben Ceija Stojka würdigten die Künstlerinnen in ihrem Mural: Bronisława Wajs (Papusza), eine Roma-Lyrikerin; Lita Cabellut, eine Roma-Malerin, deren Werke zu den teuersten unter den Werken zeitgenössischer spanischer Künstler zählen; Miryam Amayi, eine transsexuelle Roma-Aktivistin, die sich für Menschenrechte und die LGTBIQ+-Community einsetzt; Carmen Amaya, eine der besten Flamenco-Tänzerinnen der Welt; Franciska Méndez Garrido, eine bekannte Roma-Sängerin, die fast schon als Symbol des Flamencos bezeichnet werden kann [14] .
[13] Siehe auch: Trinidad Reyerta y Noelia Muriana recuerdan a destacadas mujeres gitanas en un mural en Cartagena, 29.09.2023, http://murciavisual.com/trinidad-reyerta-y-noelia-muriana-recuerdan-a-destacadas-mujeres-gitanas-en-un-mural-en-cartagena/. [14] Siehe auch: Un mural destaca la valentía de las mujeres gitanas en Cartagena, 29.09.2023, https://www.cartagena.es/detalle_noticias.asp?id=74687.
Ceija Stojka (1933–2013) war eine Roma-Aktivistin, Künstlerin, Malerin, Schriftstellerin und Dichterin. Die interaktive Arbeitskarte wurde als didaktisches Hilfsmittel für den Schulunterricht entwickelt. Anhand von zehn ausgewählten Informationen über das Leben und Werk von Ceija Stojka können Lehrkräfte die Geschichte der Roma im 20. Jahrhundert vermitteln – von den Erfahrungen des Holocaust bis zum Kampf um Erinnerung und Anerkennung in der Nachkriegszeit. Texte: Dr. Joanna Talewicz, Dr. Małgorzata KołaczekGrafikdesign: Adriana OmylakKoordination Urszula BijośUnterstützung: Cecylia Jakubczak
Quellen: 1. Ceija Stojka International Association, http://ceijastojka.org. 2. Dikh He Na Bister, https://2august.eu. 3. Taras Gembik, Małgorzata Kołaczek, Joanna Talewicz (Hrsg.), Ceija Stojka. Mam wolność. I have freedom, Fundacja W Stronę Dialogu, Warschau 2024, https://fundacjawstronedialogu.pl/wp-content/uploads/2025/07/Ceija-Stojka-Mam-wolnosc-I-have-freedom.pdf. 4. Tímea Junghaus, Ceija Stojka. Auschwitz tylko śpi, Übersetzung: Małgorzata Kołaczek, „Dialog-Pheniben“ 2014, Nr. 16, https://fundacjawstronedialogu.pl/wp-content/uploads/2022/12/16_DIALOG_WEB.pdf. 5. Sławomir Kapralski, Milczenie, pamięć, tożsamość. Fantazmat „Cygana“ i ambiwalencja nowoczesności, „Ethos“ 2016, Nr. 1(113), S. 185–202. 6. Trinidad Reyerta y Noelia Muriana recuerdan a destacadas mujeres gitanas en un mural en Cartagena, 29.09.2023, http://murciavisual.com/trinidad-reyerta-y-noelia-muriana-recuerdan-a-destacadas-mujeres-gitanas-en-un-mural-en-cartagena/. 7. Un mural destaca la valentía de las mujeres gitanas en Cartagena, 29.09.2023, https://www.cartagena.es/detalle_noticias.asp?id=74687.
Familie
Die Stojkas, die der Gruppe der Lovara-Roma angehörten, sind ein Beispiel für eine Roma-Gemeinschaft, die durch den Krieg auseinandergerissen wurde. Ceija war das fünfte von sechs Kindern von Karl Wackar Horvath und Maria Sidonie Rigo Stojka [4]. Obwohl ihr bürgerlicher Name Margarete Horvath lautete, wurde die Künstlerin von ihrer ganzen Familie (und von sich selbst – auch in ihren Werken) Ceija Stojka genannt. Ceija hatte drei Brüder – Hans, Karl und Josef – und zwei Schwestern – Maria und Katherina. Alle Geschwister wurden in einer Zeit geboren, in der sich die Politik gegenüber den österreichischen Roma verschärfte: So galt beispielsweise für alle Roma im Burgenland die Verpflichtung, sich in einem speziellen Register, dem sogenannten „Zigeunerregister“, zu registrieren, und es galten eine Reihe von Maßnahmen zur Bekämpfung des „Zigeunerunwesens“, ähnlich wie im nationalsozialistischen Deutschland.
Nach der Annexion Österreichs wurden auch dort die Nürnberger Gesetze eingeführt. Den Roma wurden die Bürgerrechte entzogen, sie wurden zur Sesshaftigkeit gezwungen, und ihre Kinder durften nicht mehr zur Schule gehen. Trotz der erzwungenen Sesshaftigkeit und der zunehmenden Diskriminierung der Roma zeichnete Ceija in ihrem Werk das Bild einer bunten, unbeschwerten und glücklichen Kindheit. Wie ein roter Faden ziehen sich Geschichten über ihre Mutter und Geschwister durch die aus verschiedenen Lebensabschnitten stammenden Werke der Künstlerin – sie selbst betonte, dass familiäre Bindungen für sie und viele andere Roma die Grundlage des Überlebens waren. Ceija selbst hatte drei Kinder.
[4] https://www.ceijastojka.org/theassociation
Holocaust
Nach der Annexion Österreichs im Jahr 1938 galten alle im nationalsozialistischen Reich für Sinti und Roma geltenden Bestimmungen nun auch für das an Deutschland angegliederte Gebiet. Im Jahr 1939 wurde Ceijas Familie zur Sesshaftigkeit gezwungen. 1941 wurde ihr Vater verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Die Mutter begann, sich zusammen mit ihren sechs Kindern zu verstecken. 1942 wurde Ceijas Vater in der Gaskammer von Schloss Hartheim ermordet. Im darauffolgenden Jahr, nach dem Erlass vom 29. Januar 1943, der die Deportation aller Roma-Familien in das sogenannte „Zigeunerlager“ in Auschwitz-Birkenau anordnete, wurde die gesamte noch lebende Familie in Wien inhaftiert und später in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Dort bekam Ceija die Nummer Z6399 eintätowiert. Im „Zigeunerlager“ starb ihr jüngster Bruder Josef, genannt Ossi. Später wurden Ceija, ihre Mutter und ihre Schwestern nach Ravensbrück gebracht, während ihre zwei Brüder in die Lager Buchenwald und Flossenbürg kamen. Das letzte Lager, das Ceija und ihre Mutter vor der Befreiung durch die britische Armee im April 1945 durchliefen, war Bergen-Belsen. Nach der Befreiung machten sich Mutter und Tochter zu Fuß auf den Heimweg nach Wien – sie waren vier Monate unterwegs. Dort kam es endlich zu einem Wiedersehen mit den übrigen Geschwistern, die den Krieg ebenfalls überlebt hatten [5].
Ceija durchlief drei Konzentrationslager: Auschwitz, Ravensbrück und Bergen-Belsen. Nach den Worten von Monika Weychert, der Kuratorin der 2013 in der Nationalen Kunstgalerie Zachęta in Warschau präsentierten Ausstellung „Domy srebrne jak namioty“ (Silberne Häuser wie Zelte) – der ersten dem Völkermord an den Roma gewidmeten Ausstellung in Polen überhaupt –, waren schwarze Vögel ein häufiges Motiv in Ceijas Werken aus dem Zyklus Sogar der Tod hat Angst vor Auschwitz. Auf einer der Zeichnungen geraten die schwarzen Vögel in den Sog eines Stacheldraht-Wirbels, werden von diesem angesaugt und verschlungen. Sie verschwinden in dem Wirbel, verschmelzen miteinander und mit dem Draht, bis nur noch eine schwarze Masse übrigbleibt [6]. Ceijas KZ-Geschichte ist zugleich auch die Geschichte eines Kindes, das den Holocaust überlebt hat und lange nach geeigneten Ausdrucksformen suchte, um von dem unermesslichen Leid, der Angst, dem Schmerz und dem Tod zu erzählen, d.h. von Erfahrungen, die es selbst gemacht oder bei anderen beobachtet hat.
[5] Ceija Stojkas Haftgeschichte wurde anhand der auf der Website der International Association Ceija Stojka verfügbaren Informationen nachgezeichnet. https://www.ceijastojka.org/biography. [6] onika Weychert, Czarne ptaki niepamięci [in:] Taras Gembik, Małgorzata Kołaczek, Joanna Talewicz (Hrsg.), Ceija Stojka. Mam wolność. I have freedom, Fundacja W Stronę Dialogu, Warschau 2024, S. 33, https://fundacjawstronedialogu.pl/wp-content/uploads/2025/07/Ceija-Stojka-Mam-wolnosc-I-have-freedom.pdf.
Die Kraft der Romnja
1986 traf Ceija die Dokumentarfilmerin Karin Berger, die sie nicht nur davon überzeugte, ihre Geschichte aufzuschreiben, sondern ihr auch dabei half, ihre Erinnerungen in Form eines Buches aufzubereiten. Ceija war die erste Romni, die ihre vom Holocaust geprägte Lebensgeschichte niederschrieb und in ihrem Text schilderte, wie sich diese Erfahrung und dieses Trauma auf die nachfolgenden Generationen auswirkten. In ihrem ersten, 1988 erschienenen Buch Wir leben im Verborgenen. Erinnerungen einer Rom-Zigeunerin, schrieb sie: Als wir herauskamen, waren wir krank, total! Das Herz war verwundet, unser Kopf, unsere Seele waren krank.[…] Die Angst, immer die Angst, mit dieser sind die Kinder aufgewachsen. Und deshalb schauen sie heute noch und drehen sich um, wenn sie auf der Straße gehen, verstehst du, sie drehen sich um. Nur ein Mensch, der sich fürchtet, dreht sich um! Wenn ein Mensch krank aus dem Lager kommt und sein Kopf schmerzt und seine Seele weh tut wegen des Vaters, wegen der Schwester, wegen des Bruders, die dort geblieben sind, kann dieser nur ein in der Seele verwundetes Kind zur Welt bringen. Es kommtauf die Welt, du siehst, wie lieb es ist, wie schön es ist, du ziehst es groß, liebst es, küsst es, umsorgst es. Es wächst auf, aber diese Angst, die in dir war, überträgst du auf es, mit der Muttermilch. Später veröffentlichte Ceija noch drei weitere Bücher und publizierte auch ihre Gedichte.
[9] Vgl.: Tímea Junghaus, Ceija Stojka. Auschwitz schläft nur, Dialog-Pheniben Nr. 16/2014, übers. von Małgorzata Kołaczek, S. 69.
Kunst
Für Ceija Stojka war die Kunst eine Möglichkeit, Zeugnis abzulegen von dem, was sie selbst und was Sinti und Roma während des Zweiten Weltkriegs erlebt hatten – zugleich war sie aber auch eine Form der Selbsttherapie. Obwohl Ceija erst im reifen Alter mit dem Malen begann – sie war fast 56 Jahre alt –, hinterließ sie der Nachwelt rund 1500 Werke, und ihre Bilder wurden zu einer der wichtigsten visuellen Erzählungen über den Roma-Holocaust. Ihre Werke waren in Museen und Galerien zahlreicher europäischer Länder sowie in den USA, Kanada und Japan zu sehen. Bei einer Vernissage in den USA im Jahr 2010 sagte die Künstlerin: Ich versuche immer, meine Gefühle und Erinnerungen darzustellen. Ich möchte den Menschen meine eigene Welt zeigen. Es ist mir wichtig, dass sie verstehen, dass wir alle Menschen sind und dass die Kunst uns ermöglicht, zu leben und zu existieren. Die Kunst stellt uns dar und verbindet uns [7].
Tímea Junghaus, die Direktorin des in Berlin ansässigen Europäischen Roma Instituts für Kunst und Kultur (European Roma Institute of Arts and Culture, ERIAC) und Kuratorin des ersten Roma-Pavillons auf der Biennale in Venedig im Jahr 2007, betonte nachdrücklich, dass Ceija Stojkas künstlerisches Werk nicht nur einen enormen Beitrag zur Gestaltung der Kulturgeschichte der Roma geleistet habe, sondern auch zur Anerkennung der Existenz einer eigenständigen Roma-Kunst beigetragen habe [8].
[7]Nach: Tímea Junghaus, Ceija Stojka. Auschwitz schläft nur Auschwitz tylko śpi, Übersetzung: Małgorzata Kołaczek, „Dialog-Pheniben“ 2014, Nr. 16, S. 68, https://fundacjawstronedialogu.pl/wp-content/uploads/2022/12/16_DIALOG_WEB.pdf. [8] Ebenda, S. 70.
Botschaft des Friedens
Nach dem Krieg wurde Ceija Stojka zu einem Symbol der Versöhnung und des Kampfes für die Rechte von Minderheiten. Mit ihrer künstlerischen, aktivistischen und pädagogischen Tätigkeit lebte sie bis zu ihrem Tod im Jahr 2013 vor, wie wichtig es ist, Räume zu schaffen, in denen Brücken zwischen Menschen gebaut werden und eine Botschaft des Friedens verbreitet wird. Bis heute klingen ihre Worte wie eine Warnung und zugleich wie ein Auftrag, ein Aufruf zum Engagement für den Frieden: Wenn sich die Welt jetzt nicht verändert – wenn die Welt ihre Türen und Fenster nicht öffnet, wenn sie keinen Frieden schafft, keinen wirklichen Frieden –, damit meine Urenkel eine Chance haben, in dieser Welt zu leben, dann werde ich nicht erklären können, warum ich Auschwitz, Bergen-Belsen und Ravensbrück überlebt habe [15].
[15] Zitat von Ceija Stojka, angeführt von den Organisatoren der Ausstellung Ceija Stojka 1933–2013. Nie mogę zapomnieć – Museum der Stadt Lodz und Marek-Edelman-Dialogzentrum https://muzeum-lodz.pl/wystawy_czasowe/ceija-stojka-1933-2013-nie-moge-zapomniec/
Schluss mit dem Schweigen
Ceija Stojka war eine der ersten österreichischen Roma, die das Schweigen über das Schicksal der Roma-Gemeinschaft während des Zweiten Weltkriegs brach. Durch das Veröffentlichen ihrer Lebensgeschichte, ihr gesellschaftliches Engagement und ihre Kunst sprach sie Themen öffentlich an, über die jahrzehntelang nicht gesprochen worden war. In ihrem Kampf um das Gedenken an den Roma-Holocaust und dessen Anerkennung wurde Ceija von ihren Brüdern Hans „Mongo“ und Karl Stojka unterstützt, die sich beide künstlerisch und gesellschaftlich sehr engagierten. Mit ihrem Leben und ihrer Haltung widerlegten die Geschwister – wie viele andere Überlebende – die Behauptung, Roma seien Menschen, die „im Hier und Jetzt, losgelöst von der Geschichte“ lebten. Das mangelnde Interesse an der Thematik des Holocaust an Sinti und Roma wurde – sowohl in der Wissenschaft als auch in Politik und Gesellschaft – damit begründet, dass Roma angeblich in ihrer eigenen Welt lebten, sich nicht erinnern und nicht über die Vergangenheit sprechen wollten.
Auf diese Weise wurde die Verantwortung für das europäische Vergessen auf ein Volk abgewälzt, das während des Zweiten Weltkriegs mindestens die Hälfte seiner Vorkriegsbevölkerung verloren hatte – rund eine halbe Million Menschen starben in Lagern und Ghettos, wurden unterwegs erschossen oder verhungerten. Sławomir Kapralski sieht darin eine Entwertung und Tilgung der historischen Wahrheit. Seiner Meinung nach löschen wir mit der Behauptung Roma lebten losgelöst von der Geschichte und in ihrer eigenen Welt, letztlich auf verdeckte Weise Jahrhunderte von Kontakten zwischen Roma und den europäischen Gesellschaften aus [11]. Der Forscher hat auch eine Antwort darauf, warum das geschehen konnte: Die Mitglieder jener Gesellschaften hatten bei diesen Kontakten Schuld auf sich geladen, weshalb man sie gerne aus den offiziellen historischen Narrativen tilgt [12] . Ceija Stojka und andere Überlebende verschrieben ihr Leben dem Ziel, dieser Tilgung entgegenzuwirken und sie zu verhindern.
[11] Sławomir Kapralski, Milczenie, pamięć, tożsamość. Fantazmat „Cygana“ i ambiwalencja nowoczesności, Ethos“ 2016, Nr 113, S. 189. [12] Ebenda, S. 189.
Wiedergeburt
Ceija Stojka liebte Sonnenblumen, die – als wichtiges Symbol für Leben, Hoffnung und die Rückkehr zur Natur nach dem Trauma des Krieges – immer wieder in ihren Bildern und Texten vorkommen. In ihrem Gedicht E Kamesgi Luludschi (Die Sonnenblume) heißt es: Die Sonnenblume ist die Blume des Rom. Sie gibt Nahrung, sie ist Leben. Und die Frauen schmücken sich mit ihr. Sie hat die Farbe der Sonne. Als Kinder haben wir im Frühling ihre zarten, gelben Blätter gegessen und im Herbst ihre Kerne. Sie war wichtig für den Rom. wichtiger als die Rose, weil die Rose uns zum Weinen bringt. Aber die Sonnenblume bringt uns zum Lachen.[1]
Heute ist die Sonnenblume für die Roma-Gemeinschaft auch ein Zeichen des Überlebens und der Wiedergeburt nach dem Holocaust. Im Jahr 2024, anlässlich des 80. Jahrestages der Auflösung des sogenannten „Zigeunerlagers“ im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau am 2. August 1944, erklärte die Initiative zur Erinnerung an den Völkermord an den Roma Dikh He Na Bister [2] (in Romani: „Schau hin und vergiss nicht“) die Sonnenblume – laut Stojka die „Blume des Rom“ – zum Symbol für die Wiedergeburt des Lebens und den Widerstand der Sinti und Roma.
[1] Der Text erschien in einem Sammelband mit Gedichten aus der Feder von Roma-Autorinnen und -Autoren: Die Morgendämmerung der Worte: Moderner Poesie-Atlas der Roma und Sinti, herausgegeben von Wilfried Ihrig und Ulrich Janetzki (Die Andere Bibliothek, Berlin 2018) – nach: Dikh He Na Bister, https://2august.eu/we-are-reclaiming-the-sunflower/. [2] Dikh He Na Bister ist eine Initiative des seit 2010 bestehenden Internationalen Roma-Jugendnetzwerks ternYpe, das Roma-Organisationen aus neun Ländern vereint: Albanien, Bulgarien, Deutschland, Ungarn, Italien, Nordmazedonien, Slowakei, Spanien und Polen. Bei der Durchführung der alljährlich in Krakau und auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau im Rahmen der Initiative Dikh He Na Bister stattfindenden Veranstaltungen zum 2. August, dem Europäischen Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma, werden die Organisationen des ternYpe-Netzwerks vom Europarat, vom Zentralrat der deutschen Sinti und Roma mit Sitz in Heidelberg sowie von vielen Partnerorganisationen unterstützt. Nach: Tímea Junghaus, Ceija Stojka. Auschwitz tylko śpi, Übersetzung: Małgorzata Kołaczek, „Dialog-Pheniben“ 2014, Nr. 16, S. 68, https://fundacjawstronedialogu.pl/wp-content/uploads/2022/12/16_DIALOG_WEB.pdf.
Kindheit
Ceija Stojka wurde 1933 in Kraubath in der Steiermark, einem österreichischen Bundesland, geboren. In ihrer Autobiografie schrieb sie über ihre Geburt: Wir fuhren mit unserem Wagen, und meine Mutter sagte zu meinem Vater: ‘Wackar, I palluni rota padschilli’ – das Hinterrad geht kaputt. Das war das Signal, dass die Wehen eingesetzt hatten. Meine Patin blieb die ganze Zeit bei meiner Mutter, bis ich in einem Gasthof das Licht der Welt erblickte. Am nächsten Tag taufte sie mich, und es wurde ein kleines Fest auf einer Wiese veranstaltet. Die Einheimischen, Gadschos (Nicht-Roma – Anm. d. Aut.), schlossen sich uns an, brachten Essen und Trinken mit, und dann wurde zwei Tage und zwei Nächte lang gesungen und getanzt [3]".
Österreich war für Ceija ein sehr wichtiger Ort – es war ihre Heimat. In den warmen Monaten zog die Familie mit ihrem Wagen durch die Gegend, den Winter verbrachte sie in Wien. In ihren Büchern und Bildern zeichnet Stojka trotz der zunehmenden Diskriminierung der Roma in Österreich das Bild einer vergleichsweise glücklichen Kindheit. Nach dem Festsetzungserlass, der den Roma das Umherziehen verbot, wurde der Wohnwagen der Familie auf einem Gelände in der Nähe von Wien zu einem kleinen Häuschen umgebaut. Ceijas Vater und ihre Brüder mussten den Pferdehandel (ein traditioneller Beruf in der Gruppe der Lowara) aufgeben und in Fabriken arbeiten. Nach dem Krieg lebte Ceija bis zu ihrem Tod in Wien.
[3] Nach: Tímea Junghaus, Ceija Stojka. Auschwitz tylko śpi, Übersetzung: Małgorzata Kołaczek, „Dialog-Pheniben“ 2014, Nr. 16, S. 68, https://fundacjawstronedialogu.pl/wp-content/uploads/2022/12/16_DIALOG_WEB.pdf.