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Marktplatz - Laurentiuskirche - Schlossgarten - Mausoleum - Weschnitz - Exotenwald - Zeder - Hermannshof - Blauer Hut - die alte Post ...
WEINHEIM
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1 · MARKTPLATZBRUNNEN
»Hör auf mit deinen doofen Wortspielen«, fuhr ich sie an und ging ans Fenster, um mich zu vergewissern, ob Andreas Haase tatsächlich unser Haus verließ...
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2 · DER MARKTPLATZ
... kannte sich mit hiesigen Preisen und der zentralen Lage am Marktplatz ...
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Hier am Weinheimer Marktplatz sammeln sich im Sommer Touristen ...
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... saßen wir vor dem Café Florian auf dem Marktplatz, tranken Campari ...
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3 · ST. LAURENTIUSKIRCHE
»Bist du politisch engagiert? Hoffentlich wählst du die Grünen! ...
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Zum Glück gibt es aber in Weinheim auch ein Gegenstück...
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Station 4 · Hermannshof
Jelena wollte uns ungern zu sich nach Hause einladen, sondern machte einen anderen Vorschlag.»Bei diesem herrlichen Altweibersommer ist es fast eine Sünde...
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5 · die Alte Zeder
“Am Neujahrstag war es kalt und bewölkt. Trotzdem liefen wir Hand in Hand durch den Schlosspark, und Yves konnte seine Lieblingsbäume – Libanonzedern, Ginkgos ...
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Station 6 · Schlossgarten
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7 - der Exotenwald
Im Gegensatz zu meinen Freundinnen bin ich eine Frühaufsteherin, selbst im Urlaub kann ich nicht lange schlafen...
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Vom Marktplatz ist es nicht weit bis zum Schlosspark, an den der sogenannte Exotenwald grenzt...
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8 - das Mausoleum
Zu unserer Überraschung schlug Corinna ein verwunschenes Ziel vor, nämlich Weinheims Alten Friedhof an einem Hang oberhalb der Peterskirche. Etwa seit hundert Jahren werden dort keine Toten mehr bestattet, ...
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9 - der Blaue Hut & Burg Windeck
“Ich war fast wieder zu Hause und durchquerte gerade noch das letzte Stück des Parks, als in der Nähe des Blauen Huts – einem alten Turm...
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...»Keine Drachen, nur Zwerge, Wölfe und Vampire«, sagte Heide und erzählte, dass dieser Geheimgang früher mal aus der Burg Windeck hinausgeführt habe, damit man in Kriegszeiten oder....
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10 - die Weschnitz und die alte bzw. neue Post
... der Papa werde mit ihnen demnächst an die Weschnitz gehen und Enten füttern.
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Stimmt, in der ›Alten Post‹ wurden die Pferde gewechselt und Bergsträßer Wein probiert. – Kommst du mit dem Auto oder soll ich dich vom Bahnhof abholen?.
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»Bist du politisch engagiert? Hoffentlich wählst du die Grünen! Umweltfragen sind seltsamerweise erst seit etwa fünfzig Jahren ein gesellschaftlich relevantes Thema. Ich schreibe gerade einen Artikel über den historischen Wandel der Partei-Parolen jeglicher Couleur, insbesondere über den peinlichen Hurra-Patriotismus der Wilhelminischen Zeit. Dazu passt das heroische Denkmal dort oben am Marktplatz, direkt vor der St.- Laurentius-Kirche. Es wäre zu überlegen, ob man solche martialischen Statuen nicht entfernen sollte. Was meinst du?« Ich drehte mich nach dem sogenannten stürmenden Krieger um. Den Soldaten mit Fahne und Schwert auf einem Steinsockel hatte ich bisher kaum beachtet. Ganz spontan fiel mir aber ein kluger Kommentar ein.»Solche verherrlichenden Kriegerdenkmäler können doch andererseits zum Nachdenken anregen.
»Übrigens …«, sagte sie leise. »Du hast doch schon ein paarmal nachgefragt – Andreas hat sich gestern bei mir gemeldet und behauptet, man habe ihm das Handy geklaut. Natürlich glaube ich ihm kein Wort, aber ich konnte ihm nicht gut verbieten, mit seinen Kindern zu reden. Nach dem kurzen Gespräch waren meine Zwerge richtig glücklich und erzählten, der Papa werde mit ihnen demnächst an die Weschnitz gehen und Enten füttern.Was soll ich machen? Einerseits will ich ja nie mehr etwas mit ihm zu tun haben, andererseits lieben ihn die Jungs. Sie würden mir später mal vorwerfen, ich hätte ihnen den Vater vorenthalten …«Ich überlegte blitzschnell, wie ich ihr mit guten Argumenten eine endgültige Trennung empfehlen könnte.»Besser gar kein Vater als ein unzuverlässiger Säufer und enttäuschte Erwartungen«, sagte ich nach der ersten Schrecksekunde.
Trotzdem ließ sie sich auf meinem Sofa nieder und musterte aufmerksam das unaufgeräumte Ambiente. Die kleinen Jungs zeigten ihre Neugierde noch viel ungenierter, krochen unter den Tisch, sausten auf dem Flur herum und von dort aus in die Küche. Fehlt nur noch, dass sie mein Bett als Trampolin benutzen, dachte ich etwas ärgerlich. In diesem Augenblick kamen die beiden schon wieder hereingestürmt, der eine streckte seiner Mutter den silbernen Becher entgegen und rief:»Der Papa hat auch so einen!«»Viele Leute haben genau so einen«, sagte Jelena, »man hat ihn wohl zur Taufe verschenkt und auf der Unterseite den Namen des Kindes eingraviert.«Bevor ich es verhindern konnte, nahm sie dem Kind das Corpus Delicti aus der Hand und drehte es um. Anscheinend konnte sie es kaum glauben, als sie den Namen ihres Mannes entdeckte.Fassungslos starrte sie mich an, so dass mir siedend heiß wurde.»Wo hast du den Becher her?«, fragte sie.»Den hab ich gefunden«, stotterte ich.»Und wo?«, fragte sie misstrauisch.»Auf dem Spielplatz am Schlosspark«, sagte ich geistesgegenwärtig
Vom Marktplatz ist es nicht weit bis zum Schlosspark, an den der sogenannte Exotenwald grenzt. Dieses wunderbare Refugium wurde vor etwa hundertfünfzig Jahren von einem reichen Adeligen angelegt. Bäume aus Nordamerika, Ostasien und dem Mittelmeerraum fühlen sich hier wohl, zum Beispiel gigantische Mammutbäume, Magnolien, Zedern oder sogar Araukarien. Das raschelnde Laub unter meinen Tritten, der Ruf eines Raubvogels und die unerwartete Begegnung mit einem neugierigen Eichhörnchen vertrieben allmählich meine depressive Stimmung. Die Luft war klar und kühl, aber nicht frostig, so dass ich lange unterwegs war und sich mein Befinden weitgehend stabilisierte.”
Aber dieser öffentliche Schau- und Sichtungsgarten ist durchaus etwas Besonderes, denn man schnuppert an mediterranen Kräutern, Bauernjasmin, Damaszener-Rosen oder Verbenen, man steht mal auf einer asiatischen Bergwiese, mal in einem subtropischen Monsunwald, an einem Seerosenteich oder mitten in der Steppe oder Prärie. Im milden Klima der badischen Bergstraße gedeihen Mandel- und Feigenbäume, Myrten, Zypressen und Edelkastanien, aber auch Zedern, Mammutbäume und Ginkgos. Von weit her kommen Touristen und Spezialisten, um sich hier weiterzubilden oder einfach nur, um die Farbenpracht und Wildheit zu genießen.Natürlich wird auch fleißig fotografiert, und auch ich kann nie widerstehen, obwohl das farbenfrohe Durcheinander gut durchdacht ist und keineswegs dem Zufall überlassen bleibt. Doch auch hier entdecke ich mit geübtem Blick das eine oder andere verirrte Pflänzchen, das nicht in die vorgesehene Zone passt und leidet. Zu meiner Freude hatte sich zum Beispiel das seltene eiblättrige Tännelkraut mitten im ostasiatischen Gehölz eingeschmuggelt, obwohl man es sonst eher auf Stoppelfeldern findet.
Jelena wollte uns ungern zu sich nach Hause einladen, sondern machte einen anderen Vorschlag.»Bei diesem herrlichen Altweibersommer ist es fast eine Sünde, wenn wir in meinem engen Wohnzimmer hocken und mit unserem Geschnatter die Kinder wachhalten. Ich schlage vor, dass wir flexibel sind und zur Abwechslung am helllichten Tag ein Picknick im Grünen machen. Zum Beispiel nächsten Sonntag im Hermannshof, dann könnte mein Ex unterdessen mit den Buben auf den Spielplatz gehen.« Das fanden wir eigentlich alle wunderschön, aber ob man sich dort einfach auf der großen Feuchtwiese niederlassen konnte? Wir wollten es immerhin mal ausprobieren, und falls es zu nass oder verboten war, mit Körben und Decken in den benachbarten Schlosspark weiterziehen. Als Pflanzenspezialistin war ich schon mehrmals im nahe gelegenen Hermannshof gewesen, obwohl ich kaum auf die angelegten Kulturen achtete.
Hier am Weinheimer Marktplatz sammeln sich im Sommer Touristen und Einheimische, um unter japanischen Schnurbäumen Eis zu essen, Wein zu trinken und den lauen Abend in heiterer Gesellschaft zu verbringen. Deswegen ist es gerade an den Wochenenden bis in die späte Nacht hinein ziemlich laut, doch wofür gibt es Ohrstöpsel. Wenn ich aber an einem grauen Novembertag morgens die alten grünen Fensterläden öffne und hinausblicke, ist es ruhig und still. Nebel liegt über der fernen Burg, ein paar Saatkrähen haben sich verirrt und kreisen um den Roten Turm, der noch von der ehemaligen Stadtmauer übriggeblieben ist. Ich wohne im Dachgeschoss, Franzi im ersten Stock. Neben ihr gibt es eine etwas größere Wohnung, in der eine spanische Familie mit drei Kindern lebt. Außerdem soll ein sogenannter einsamer Wolf hier leben, ein angeblich durchgeknallter Typ und freier Mitarbeiter einer wissenschaftlichen Zeitschrift. Im Erdgeschoss befindet sich ein Buchladen, dort kaufen Einheimische ihre Lektüre und Touristen bunte Ansichtskarten, Souvenirs sowie Rätsel- und Sudokuhefte.
»An Sonntagen ruft mich kaum jemand vor elf Uhr an, das hast du von mir geerbt, ich gehöre ja auch zu den Lerchen. Der frühe Vogel fängt den Wurm! Gut, dass du dich mal meldest«, sagte Karin. »Ich habe nämlich vor, dich zu überfallen. Nächste Woche will ich vielleicht einen ...« Sie zögerte kaum merklich und fuhr fort: »... einen Bekannten in Heidelberg besuchen, da komme ich sozusagen bei dir vorbei! Und in Weinheim war ich noch nie, obwohl es von Frankfurt ja wirklich nur ein Katzensprung ist. Schon Goethe hat auf seinen Reisen bei euch Station gemacht.« »Stimmt, in der ›Alten Post‹ wurden die Pferde gewechselt und Bergsträßer Wein probiert. – Kommst du mit dem Auto oder soll ich dich vom Bahnhof abholen?«
“Am Neujahrstag war es kalt und bewölkt. Trotzdem liefen wir Hand in Hand durch den Schlosspark, und Yves konnte seine Lieblingsbäume – Libanonzedern, Ginkgos und vor allem einen Riesenmammutbaum – leibhaftig begrüßen. Ihm zuliebe fotografierte ich ausnahmsweise auch diesen Giganten und erweiterte damit mein Beuteschema um gefühlte hundert Prozent. Außerdem begann ich, mich für kaltblütige Kammmolche, Gelbbauchunken und Kreuzkröten zu erwärmen, über die Yves demnächst eine Reportage schreiben wollte, die aber hier im Park wohl kaum anzutreffen waren. Dadurch kam ich auf die gute Idee, demnächst Fotos für seine Artikel beizusteuern.”
ich zwar mit diesem unschuldigen Hobby fortfahren, aber meine mickrigen Kräutlein um eine neue und nützlichere Kategorie erweitern. Schließlich arbeitete ich in einer Apotheke und wusste nur zu gut, wie sehr ein Großteil unserer Kundschaft auf die Heilkräfte der Natur vertraute. Fast alle Pflanzenteile, also Rinden, Samen, Wurzeln, Blüten und Blätter, kommen zum Einsatz. Ginseng und Ginkgo, Baldrian, Mariendistel und Rosskastanie, Hagebutten und Kürbiskerne – um nur ein paar Beispiele zu nennen – liefern beliebte Pulver, Kapseln, Pillen, Tees und Tropfen. Wäre es nicht eine neue Herausforderung, bewährte und auch weniger bekannte Heilpflanzen zu fotografieren? Schließlich gab es im Weinheimer Schlosspark in der Nähe der Vogelvoliere einen wunderbaren Kräutergarten mit Arznei-, Gewürz- und Duftpflanzen, sorgfältig nach Indikationsgebieten geordnet. Eine anregende Ausstellung im Schaufenster meiner Apotheke würde vielleicht sogar meiner Chefin imponieren, und meine Kunst könnte endlich von einem breiteren Publikum bewundert werden. Im Geiste sah ich schon die blühende Knoblauchsrauke vor mir, aber auch so manches Kräutlein aus meinem Fundus, etwa Löwenzahn und Gundermann.
Zum Glück gibt es aber in Weinheim auch ein Gegenstück. Am Anfang der Fußgängerzone steht ein modernes Kunstwerk, ein zierliches kleines Mädchen hoch zu Ross. Es müssen nicht immer nur berittene Soldaten sein«, sagte ich und hoffte, ihm mit meiner Antwort zu imponieren. Es schien zu funktionieren. »À la bonne heure! So positiv habe ich diesen ausgemergelten Klepper mit der mickrigen Göre noch gar nicht gesehen«, sagte er anerkennend. »Bisher habe ich geglaubt, das abgemagerte Paar wäre ein Trick der Gastronomen, um hungrige Touristen ins Wirtshaus zu locken. Apropos – wie wäre es, wenn wir wieder einmal zusammen kochen?«
Zu unserer Überraschung schlug Corinna ein verwunschenes Ziel vor, nämlich Weinheims Alten Friedhof an einem Hang oberhalb der Peterskirche. Etwa seit hundert Jahren werden dort keine Toten mehr bestattet, aber verwitterte Grabsteine, efeuumschlungene Bäume, Eichhörnchen und Vögel sorgen für einen naturnahen Ort des Friedens.Heide war überhaupt nicht einverstanden, es sei geradezu ein Sakrileg, zu Füßen geborstener Kreuze und trauernder Engel Wein zu trinken, Antipasti zu verputzen und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Corinna setzte sich aber letzten Endes durch. Bereits im Schlosspark hätten wir uns direkt vor einem Mausoleum niedergelassen, und keine hätte sich daran gestört.Dann erzählte sie ausführlich von einer Türkeireise, wo sie einen muslimischen Friedhof besucht hatte. Direkt auf den Gräbern hättenFamilien ihren Picknickkorb ausgepackt und ihre toten Verwandten in liebevollem Gedenken daran teilnehmen lassen. Das sei keineswegs eine pietätlose Entweihung gewesen, für unsere Kultur nur etwas ungewohnt. Tod und Leben gehörten zusammen, sagte sie, und es sei richtig, wenn wir uns bei aller Fröhlichkeit auch der Endlichkeit unseres Daseins bewusst wären.“Oben angekommen, suchten wir uns einen lauschigen Platz auf steinernen Grabplatten, wo wir hinunter auf das Weschnitztal und den Mühlenturm blicken konnten.”
“Ich war fast wieder zu Hause und durchquerte gerade noch das letzte Stück des Parks, als in der Nähe des Blauen Huts – einem alten Turm – eine winkende Gestalt in einer rosa Steppjacke auftauchte. Beim Näherkommen erkannte ich Heide in Gesellschaft zweier Kinder. Sie umarmte mich. »Gut, dass ich dich treffe, ich brauche gerade ein mitfühlendes Herz!«, und zu den Kleinen gewandt, sagte sie: »Ihr dürft jetzt noch mal auf die Rutsche, und dann geht es ab nach Hause. Es gibt heißen Kakao und Donuts!”
“Zu unser aller Erstaunen befanden wir uns in einem schmalen unterirdischen Gang, in dem hochgewachsene Menschen nur in leicht gebückter Haltung vorankommen konnten. Von den steinernen Wänden tropfte es, der Boden war nass und schmutzig. Die zwei kleinen Buben reagierten zunächst etwas ängstlich, hielten sich am Hosenbund ihrer Mutter fest, leuchteten uns mit den Lämpchen ins Gesicht und fragten, ob hier ein Lindwurm hause.»Keine Drachen, nur Zwerge, Wölfe und Vampire«, sagte Heide und erzählte, dass dieser Geheimgang früher mal aus der Burg Windeck hinausgeführt habe, damit man in Kriegszeiten oder bei Belagerung unbemerkt für Nachschub an Munition und Nahrungsmitteln oder sogar für militärische Verstärkung sorgen konnte. Auch Boten oder Spione konnten mit geheimen Nachrichten kommen und gehen, ohne vom Feind abgefangen zu werden.”
Im Gegensatz zu meinen Freundinnen bin ich eine Frühaufsteherin, selbst im Urlaub kann ich nicht lange schlafen. An jenem Sonntagmorgen war ich bereits um acht Uhr mit dem Frühstück fertig und hatte bloß für den Nachmittag eine Joggingtour durch den Exotenwald geplant. Schon lange hatte ich allerdings vor, endlich etwas Ordnung in meine gigantische Fotosammlung zu bringen. In letzter Zeit hatte ich mein Hobby – oder meine Macke – nämlich etwas vernachlässigt. Ich hatte zwar weiterhin mickrige Pflänzchen fotografiert, war aber im Grunde nicht mehr mit Feuer und Flamme bei der Sache. Nachdenklich saß ich vor meiner letzten Ausbeute und betrachtete das heitere Mickey-Mouse-Gesicht eines winzigen Hornveilchens und als Nächstes einen gut getroffenen stolzen Löwenzahn. Das heißt, für mich war es eigentlich eine Pusteblume, wie Kinder die abgeblühte Pflanze nennen.
Doch ich hatte Glück mit den Heilkräutern – die Ausbeute im Schlossgarten war trotz der niedrigen Temperaturen immer noch ausgezeichnet. Pech hatte ich allerdings mit den Giftpflanzen, denn wo gab es schon einen Ort mit einer Fülle von teuf lischen Stauden? Auch in meiner vorhandenen Sammlung hatte ich bisher nur kleine Pflanzen aufgenommen und kaum größere Gewächse wie Goldregen, Pfaffenhütchen, Glyzinien, Engelstrompeten, Riesenbärenklau, Herkulesstaude, Seidelbast und Tollkirsche. Selbst Maiglöckchen hätten schwerlich zu meinen bemitleidenswerten Blümchen gepasst, bloß ein paar umgeknickte Herbstzeitlose hatte ich bisher für würdig erachtet. In meiner Not, oder besser gesagt in meinem ungezügelten Eifer, fuhr ich an meinem freien Nachmittag in ein nahe gelegenes Gartencenter mit einer großen Auswahl an Stauden. Dort gab es immerhin Rittersporn, Eisenhut, Tränende Herzen, Christrosen und Fingerhut, die natürlich jetzt im Spätherbst längst abgeblüht waren. Kurzentschlossen kauf te ich je ein Exemplar, obwohl ich ja gar keinen Garten besitze. Es war wohl kein Problem, die eingetopften Pflanzen nach ihrer Verwendung als Fotomodel wieder zu verschenken, zum Beispiel an eine der befreundeten Lehrerinnen.
Dieser Neffe lebte im Ausland, kannte sich mit hiesigen Preisen und der zentralen Lage am Marktplatz nicht aus und war bloß froh, sich nicht um die unbekannte Immobilie kümmern zu müssen. Obwohl das Gebäude etwas heruntergekommen ist, kann man es durchaus als Sahneschnittchen bezeichnen. Und wenn nicht ausgerechnet Franzis Bruder der zuständige Makler gewesen wäre, hätten wir nie hier einziehen können. Ein sachkundiger Eigentümer hätte das Objekt nämlich an einen geschäftstüchtigen Investor verkauft, der das Gebäude aufwendig renoviert und in Luxusappartements oder ein Restaurant mit Gästezimmern verwandelt hätte.
Nach dem kleinen Rundgang saßen wir vor dem Café Florian auf dem Marktplatz, tranken Campari Orange und teilten uns eine Portion Tapas, wobei Tante Karin den Kinderwagen nicht aus den Augen ließ. Ich war natürlich neugierig und wollte herauskriegen, ob Paul ein alter Freund oder ein neuer Liebhaber war. Meine Tante lächelte geheimnisvoll und ließ sich nur ungern die Würmer aus der Nase ziehen. Immerhin erfuhr ich, dass sie diesen Mann durchs Internet kennengelernt hätte und sie schon seit ein paar Wochen auf freundschaftliche Weise in Kontakt stünden. Heute wollten sie sich zum ersten Mal leibhaftig begegnen.
Erst als wir mit der Besichtigung fertig waren und auch das Picknick im nahe gelegenen Schlosspark beendet hatten, vermisste ich meine Handtasche. Im Eifer des Fotografierens musste ich sie irgendwo abgelegt haben. »Ich hatte mal im Hermannshof einen Regenschirm vergessen«, erzählte Eva, »und bekam ihn am nächsten Tag sofort wieder zurück. Am besten du gehst gleich noch mal rüber, bevor sie schließen. In diesem Zaubergarten treiben sich keine finsteren Gestalten herum, sondern ehrliche Naturfreunde, die bestimmt nicht klauen. « »Doch, vielleicht Strauchdiebe«, kalauerte meine Freundin Franzi.
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Created on July 15, 2025
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1 · MARKTPLATZBRUNNEN
»Hör auf mit deinen doofen Wortspielen«, fuhr ich sie an und ging ans Fenster, um mich zu vergewissern, ob Andreas Haase tatsächlich unser Haus verließ...
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2 · DER MARKTPLATZ
... kannte sich mit hiesigen Preisen und der zentralen Lage am Marktplatz ...
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Hier am Weinheimer Marktplatz sammeln sich im Sommer Touristen ...
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... saßen wir vor dem Café Florian auf dem Marktplatz, tranken Campari ...
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Jelena wollte uns ungern zu sich nach Hause einladen, sondern machte einen anderen Vorschlag.»Bei diesem herrlichen Altweibersommer ist es fast eine Sünde...
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7 - der Exotenwald
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9 - der Blaue Hut & Burg Windeck
“Ich war fast wieder zu Hause und durchquerte gerade noch das letzte Stück des Parks, als in der Nähe des Blauen Huts – einem alten Turm...
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...»Keine Drachen, nur Zwerge, Wölfe und Vampire«, sagte Heide und erzählte, dass dieser Geheimgang früher mal aus der Burg Windeck hinausgeführt habe, damit man in Kriegszeiten oder....
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10 - die Weschnitz und die alte bzw. neue Post
... der Papa werde mit ihnen demnächst an die Weschnitz gehen und Enten füttern.
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»Übrigens …«, sagte sie leise. »Du hast doch schon ein paarmal nachgefragt – Andreas hat sich gestern bei mir gemeldet und behauptet, man habe ihm das Handy geklaut. Natürlich glaube ich ihm kein Wort, aber ich konnte ihm nicht gut verbieten, mit seinen Kindern zu reden. Nach dem kurzen Gespräch waren meine Zwerge richtig glücklich und erzählten, der Papa werde mit ihnen demnächst an die Weschnitz gehen und Enten füttern.Was soll ich machen? Einerseits will ich ja nie mehr etwas mit ihm zu tun haben, andererseits lieben ihn die Jungs. Sie würden mir später mal vorwerfen, ich hätte ihnen den Vater vorenthalten …«Ich überlegte blitzschnell, wie ich ihr mit guten Argumenten eine endgültige Trennung empfehlen könnte.»Besser gar kein Vater als ein unzuverlässiger Säufer und enttäuschte Erwartungen«, sagte ich nach der ersten Schrecksekunde.
Trotzdem ließ sie sich auf meinem Sofa nieder und musterte aufmerksam das unaufgeräumte Ambiente. Die kleinen Jungs zeigten ihre Neugierde noch viel ungenierter, krochen unter den Tisch, sausten auf dem Flur herum und von dort aus in die Küche. Fehlt nur noch, dass sie mein Bett als Trampolin benutzen, dachte ich etwas ärgerlich. In diesem Augenblick kamen die beiden schon wieder hereingestürmt, der eine streckte seiner Mutter den silbernen Becher entgegen und rief:»Der Papa hat auch so einen!«»Viele Leute haben genau so einen«, sagte Jelena, »man hat ihn wohl zur Taufe verschenkt und auf der Unterseite den Namen des Kindes eingraviert.«Bevor ich es verhindern konnte, nahm sie dem Kind das Corpus Delicti aus der Hand und drehte es um. Anscheinend konnte sie es kaum glauben, als sie den Namen ihres Mannes entdeckte.Fassungslos starrte sie mich an, so dass mir siedend heiß wurde.»Wo hast du den Becher her?«, fragte sie.»Den hab ich gefunden«, stotterte ich.»Und wo?«, fragte sie misstrauisch.»Auf dem Spielplatz am Schlosspark«, sagte ich geistesgegenwärtig
Vom Marktplatz ist es nicht weit bis zum Schlosspark, an den der sogenannte Exotenwald grenzt. Dieses wunderbare Refugium wurde vor etwa hundertfünfzig Jahren von einem reichen Adeligen angelegt. Bäume aus Nordamerika, Ostasien und dem Mittelmeerraum fühlen sich hier wohl, zum Beispiel gigantische Mammutbäume, Magnolien, Zedern oder sogar Araukarien. Das raschelnde Laub unter meinen Tritten, der Ruf eines Raubvogels und die unerwartete Begegnung mit einem neugierigen Eichhörnchen vertrieben allmählich meine depressive Stimmung. Die Luft war klar und kühl, aber nicht frostig, so dass ich lange unterwegs war und sich mein Befinden weitgehend stabilisierte.”
Aber dieser öffentliche Schau- und Sichtungsgarten ist durchaus etwas Besonderes, denn man schnuppert an mediterranen Kräutern, Bauernjasmin, Damaszener-Rosen oder Verbenen, man steht mal auf einer asiatischen Bergwiese, mal in einem subtropischen Monsunwald, an einem Seerosenteich oder mitten in der Steppe oder Prärie. Im milden Klima der badischen Bergstraße gedeihen Mandel- und Feigenbäume, Myrten, Zypressen und Edelkastanien, aber auch Zedern, Mammutbäume und Ginkgos. Von weit her kommen Touristen und Spezialisten, um sich hier weiterzubilden oder einfach nur, um die Farbenpracht und Wildheit zu genießen.Natürlich wird auch fleißig fotografiert, und auch ich kann nie widerstehen, obwohl das farbenfrohe Durcheinander gut durchdacht ist und keineswegs dem Zufall überlassen bleibt. Doch auch hier entdecke ich mit geübtem Blick das eine oder andere verirrte Pflänzchen, das nicht in die vorgesehene Zone passt und leidet. Zu meiner Freude hatte sich zum Beispiel das seltene eiblättrige Tännelkraut mitten im ostasiatischen Gehölz eingeschmuggelt, obwohl man es sonst eher auf Stoppelfeldern findet.
Jelena wollte uns ungern zu sich nach Hause einladen, sondern machte einen anderen Vorschlag.»Bei diesem herrlichen Altweibersommer ist es fast eine Sünde, wenn wir in meinem engen Wohnzimmer hocken und mit unserem Geschnatter die Kinder wachhalten. Ich schlage vor, dass wir flexibel sind und zur Abwechslung am helllichten Tag ein Picknick im Grünen machen. Zum Beispiel nächsten Sonntag im Hermannshof, dann könnte mein Ex unterdessen mit den Buben auf den Spielplatz gehen.« Das fanden wir eigentlich alle wunderschön, aber ob man sich dort einfach auf der großen Feuchtwiese niederlassen konnte? Wir wollten es immerhin mal ausprobieren, und falls es zu nass oder verboten war, mit Körben und Decken in den benachbarten Schlosspark weiterziehen. Als Pflanzenspezialistin war ich schon mehrmals im nahe gelegenen Hermannshof gewesen, obwohl ich kaum auf die angelegten Kulturen achtete.
Hier am Weinheimer Marktplatz sammeln sich im Sommer Touristen und Einheimische, um unter japanischen Schnurbäumen Eis zu essen, Wein zu trinken und den lauen Abend in heiterer Gesellschaft zu verbringen. Deswegen ist es gerade an den Wochenenden bis in die späte Nacht hinein ziemlich laut, doch wofür gibt es Ohrstöpsel. Wenn ich aber an einem grauen Novembertag morgens die alten grünen Fensterläden öffne und hinausblicke, ist es ruhig und still. Nebel liegt über der fernen Burg, ein paar Saatkrähen haben sich verirrt und kreisen um den Roten Turm, der noch von der ehemaligen Stadtmauer übriggeblieben ist. Ich wohne im Dachgeschoss, Franzi im ersten Stock. Neben ihr gibt es eine etwas größere Wohnung, in der eine spanische Familie mit drei Kindern lebt. Außerdem soll ein sogenannter einsamer Wolf hier leben, ein angeblich durchgeknallter Typ und freier Mitarbeiter einer wissenschaftlichen Zeitschrift. Im Erdgeschoss befindet sich ein Buchladen, dort kaufen Einheimische ihre Lektüre und Touristen bunte Ansichtskarten, Souvenirs sowie Rätsel- und Sudokuhefte.
»An Sonntagen ruft mich kaum jemand vor elf Uhr an, das hast du von mir geerbt, ich gehöre ja auch zu den Lerchen. Der frühe Vogel fängt den Wurm! Gut, dass du dich mal meldest«, sagte Karin. »Ich habe nämlich vor, dich zu überfallen. Nächste Woche will ich vielleicht einen ...« Sie zögerte kaum merklich und fuhr fort: »... einen Bekannten in Heidelberg besuchen, da komme ich sozusagen bei dir vorbei! Und in Weinheim war ich noch nie, obwohl es von Frankfurt ja wirklich nur ein Katzensprung ist. Schon Goethe hat auf seinen Reisen bei euch Station gemacht.« »Stimmt, in der ›Alten Post‹ wurden die Pferde gewechselt und Bergsträßer Wein probiert. – Kommst du mit dem Auto oder soll ich dich vom Bahnhof abholen?«
“Am Neujahrstag war es kalt und bewölkt. Trotzdem liefen wir Hand in Hand durch den Schlosspark, und Yves konnte seine Lieblingsbäume – Libanonzedern, Ginkgos und vor allem einen Riesenmammutbaum – leibhaftig begrüßen. Ihm zuliebe fotografierte ich ausnahmsweise auch diesen Giganten und erweiterte damit mein Beuteschema um gefühlte hundert Prozent. Außerdem begann ich, mich für kaltblütige Kammmolche, Gelbbauchunken und Kreuzkröten zu erwärmen, über die Yves demnächst eine Reportage schreiben wollte, die aber hier im Park wohl kaum anzutreffen waren. Dadurch kam ich auf die gute Idee, demnächst Fotos für seine Artikel beizusteuern.”
ich zwar mit diesem unschuldigen Hobby fortfahren, aber meine mickrigen Kräutlein um eine neue und nützlichere Kategorie erweitern. Schließlich arbeitete ich in einer Apotheke und wusste nur zu gut, wie sehr ein Großteil unserer Kundschaft auf die Heilkräfte der Natur vertraute. Fast alle Pflanzenteile, also Rinden, Samen, Wurzeln, Blüten und Blätter, kommen zum Einsatz. Ginseng und Ginkgo, Baldrian, Mariendistel und Rosskastanie, Hagebutten und Kürbiskerne – um nur ein paar Beispiele zu nennen – liefern beliebte Pulver, Kapseln, Pillen, Tees und Tropfen. Wäre es nicht eine neue Herausforderung, bewährte und auch weniger bekannte Heilpflanzen zu fotografieren? Schließlich gab es im Weinheimer Schlosspark in der Nähe der Vogelvoliere einen wunderbaren Kräutergarten mit Arznei-, Gewürz- und Duftpflanzen, sorgfältig nach Indikationsgebieten geordnet. Eine anregende Ausstellung im Schaufenster meiner Apotheke würde vielleicht sogar meiner Chefin imponieren, und meine Kunst könnte endlich von einem breiteren Publikum bewundert werden. Im Geiste sah ich schon die blühende Knoblauchsrauke vor mir, aber auch so manches Kräutlein aus meinem Fundus, etwa Löwenzahn und Gundermann.
Zum Glück gibt es aber in Weinheim auch ein Gegenstück. Am Anfang der Fußgängerzone steht ein modernes Kunstwerk, ein zierliches kleines Mädchen hoch zu Ross. Es müssen nicht immer nur berittene Soldaten sein«, sagte ich und hoffte, ihm mit meiner Antwort zu imponieren. Es schien zu funktionieren. »À la bonne heure! So positiv habe ich diesen ausgemergelten Klepper mit der mickrigen Göre noch gar nicht gesehen«, sagte er anerkennend. »Bisher habe ich geglaubt, das abgemagerte Paar wäre ein Trick der Gastronomen, um hungrige Touristen ins Wirtshaus zu locken. Apropos – wie wäre es, wenn wir wieder einmal zusammen kochen?«
Zu unserer Überraschung schlug Corinna ein verwunschenes Ziel vor, nämlich Weinheims Alten Friedhof an einem Hang oberhalb der Peterskirche. Etwa seit hundert Jahren werden dort keine Toten mehr bestattet, aber verwitterte Grabsteine, efeuumschlungene Bäume, Eichhörnchen und Vögel sorgen für einen naturnahen Ort des Friedens.Heide war überhaupt nicht einverstanden, es sei geradezu ein Sakrileg, zu Füßen geborstener Kreuze und trauernder Engel Wein zu trinken, Antipasti zu verputzen und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Corinna setzte sich aber letzten Endes durch. Bereits im Schlosspark hätten wir uns direkt vor einem Mausoleum niedergelassen, und keine hätte sich daran gestört.Dann erzählte sie ausführlich von einer Türkeireise, wo sie einen muslimischen Friedhof besucht hatte. Direkt auf den Gräbern hättenFamilien ihren Picknickkorb ausgepackt und ihre toten Verwandten in liebevollem Gedenken daran teilnehmen lassen. Das sei keineswegs eine pietätlose Entweihung gewesen, für unsere Kultur nur etwas ungewohnt. Tod und Leben gehörten zusammen, sagte sie, und es sei richtig, wenn wir uns bei aller Fröhlichkeit auch der Endlichkeit unseres Daseins bewusst wären.“Oben angekommen, suchten wir uns einen lauschigen Platz auf steinernen Grabplatten, wo wir hinunter auf das Weschnitztal und den Mühlenturm blicken konnten.”
“Ich war fast wieder zu Hause und durchquerte gerade noch das letzte Stück des Parks, als in der Nähe des Blauen Huts – einem alten Turm – eine winkende Gestalt in einer rosa Steppjacke auftauchte. Beim Näherkommen erkannte ich Heide in Gesellschaft zweier Kinder. Sie umarmte mich. »Gut, dass ich dich treffe, ich brauche gerade ein mitfühlendes Herz!«, und zu den Kleinen gewandt, sagte sie: »Ihr dürft jetzt noch mal auf die Rutsche, und dann geht es ab nach Hause. Es gibt heißen Kakao und Donuts!”
“Zu unser aller Erstaunen befanden wir uns in einem schmalen unterirdischen Gang, in dem hochgewachsene Menschen nur in leicht gebückter Haltung vorankommen konnten. Von den steinernen Wänden tropfte es, der Boden war nass und schmutzig. Die zwei kleinen Buben reagierten zunächst etwas ängstlich, hielten sich am Hosenbund ihrer Mutter fest, leuchteten uns mit den Lämpchen ins Gesicht und fragten, ob hier ein Lindwurm hause.»Keine Drachen, nur Zwerge, Wölfe und Vampire«, sagte Heide und erzählte, dass dieser Geheimgang früher mal aus der Burg Windeck hinausgeführt habe, damit man in Kriegszeiten oder bei Belagerung unbemerkt für Nachschub an Munition und Nahrungsmitteln oder sogar für militärische Verstärkung sorgen konnte. Auch Boten oder Spione konnten mit geheimen Nachrichten kommen und gehen, ohne vom Feind abgefangen zu werden.”
Im Gegensatz zu meinen Freundinnen bin ich eine Frühaufsteherin, selbst im Urlaub kann ich nicht lange schlafen. An jenem Sonntagmorgen war ich bereits um acht Uhr mit dem Frühstück fertig und hatte bloß für den Nachmittag eine Joggingtour durch den Exotenwald geplant. Schon lange hatte ich allerdings vor, endlich etwas Ordnung in meine gigantische Fotosammlung zu bringen. In letzter Zeit hatte ich mein Hobby – oder meine Macke – nämlich etwas vernachlässigt. Ich hatte zwar weiterhin mickrige Pflänzchen fotografiert, war aber im Grunde nicht mehr mit Feuer und Flamme bei der Sache. Nachdenklich saß ich vor meiner letzten Ausbeute und betrachtete das heitere Mickey-Mouse-Gesicht eines winzigen Hornveilchens und als Nächstes einen gut getroffenen stolzen Löwenzahn. Das heißt, für mich war es eigentlich eine Pusteblume, wie Kinder die abgeblühte Pflanze nennen.
Doch ich hatte Glück mit den Heilkräutern – die Ausbeute im Schlossgarten war trotz der niedrigen Temperaturen immer noch ausgezeichnet. Pech hatte ich allerdings mit den Giftpflanzen, denn wo gab es schon einen Ort mit einer Fülle von teuf lischen Stauden? Auch in meiner vorhandenen Sammlung hatte ich bisher nur kleine Pflanzen aufgenommen und kaum größere Gewächse wie Goldregen, Pfaffenhütchen, Glyzinien, Engelstrompeten, Riesenbärenklau, Herkulesstaude, Seidelbast und Tollkirsche. Selbst Maiglöckchen hätten schwerlich zu meinen bemitleidenswerten Blümchen gepasst, bloß ein paar umgeknickte Herbstzeitlose hatte ich bisher für würdig erachtet. In meiner Not, oder besser gesagt in meinem ungezügelten Eifer, fuhr ich an meinem freien Nachmittag in ein nahe gelegenes Gartencenter mit einer großen Auswahl an Stauden. Dort gab es immerhin Rittersporn, Eisenhut, Tränende Herzen, Christrosen und Fingerhut, die natürlich jetzt im Spätherbst längst abgeblüht waren. Kurzentschlossen kauf te ich je ein Exemplar, obwohl ich ja gar keinen Garten besitze. Es war wohl kein Problem, die eingetopften Pflanzen nach ihrer Verwendung als Fotomodel wieder zu verschenken, zum Beispiel an eine der befreundeten Lehrerinnen.
Dieser Neffe lebte im Ausland, kannte sich mit hiesigen Preisen und der zentralen Lage am Marktplatz nicht aus und war bloß froh, sich nicht um die unbekannte Immobilie kümmern zu müssen. Obwohl das Gebäude etwas heruntergekommen ist, kann man es durchaus als Sahneschnittchen bezeichnen. Und wenn nicht ausgerechnet Franzis Bruder der zuständige Makler gewesen wäre, hätten wir nie hier einziehen können. Ein sachkundiger Eigentümer hätte das Objekt nämlich an einen geschäftstüchtigen Investor verkauft, der das Gebäude aufwendig renoviert und in Luxusappartements oder ein Restaurant mit Gästezimmern verwandelt hätte.
Nach dem kleinen Rundgang saßen wir vor dem Café Florian auf dem Marktplatz, tranken Campari Orange und teilten uns eine Portion Tapas, wobei Tante Karin den Kinderwagen nicht aus den Augen ließ. Ich war natürlich neugierig und wollte herauskriegen, ob Paul ein alter Freund oder ein neuer Liebhaber war. Meine Tante lächelte geheimnisvoll und ließ sich nur ungern die Würmer aus der Nase ziehen. Immerhin erfuhr ich, dass sie diesen Mann durchs Internet kennengelernt hätte und sie schon seit ein paar Wochen auf freundschaftliche Weise in Kontakt stünden. Heute wollten sie sich zum ersten Mal leibhaftig begegnen.
Erst als wir mit der Besichtigung fertig waren und auch das Picknick im nahe gelegenen Schlosspark beendet hatten, vermisste ich meine Handtasche. Im Eifer des Fotografierens musste ich sie irgendwo abgelegt haben. »Ich hatte mal im Hermannshof einen Regenschirm vergessen«, erzählte Eva, »und bekam ihn am nächsten Tag sofort wieder zurück. Am besten du gehst gleich noch mal rüber, bevor sie schließen. In diesem Zaubergarten treiben sich keine finsteren Gestalten herum, sondern ehrliche Naturfreunde, die bestimmt nicht klauen. « »Doch, vielleicht Strauchdiebe«, kalauerte meine Freundin Franzi.