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Genially - Erinnern in Ost- und Westdeutschland

Christine

Created on March 27, 2025

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Transcript

Die Wende in der westdeutschen Erinnerungskultur

Die Rede von Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1985

Die Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker anlässlich des 40. Jahrestages des Kriegsendes am 8. Mai 1985 markiert die erinnerungspolitische Wende in der Bundesrepublik Deutschland. Erstmals hob Weizsäcker hervor, dass es sich beim 08. Mai 1945 um einen „Tag der Befreiung“ handelt:

„"Viele Völker gedenken heute des Tages, an dem der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende ging. Seinem Schicksal gemäß hat jedes Volk dabei seine eigenen Gefühle. Sieg oder Niederlage, Befreiung von Unrecht und Fremdherrschaft oder Übergang zu neuer Abhängigkeit, Teilung, neue Bündnisse, gewaltige Machtverschiebungen - der 8. Mai 1945 ist ein Datum von entscheidender historischer Bedeutung in Europa. … Der 8. Mai ist für uns vor allem ein Tag der Erinnerung an das, was Menschen erleiden mussten. Er ist zugleich ein Tag des Nachdenkens über den Gang unserer Geschichte. Je ehrlicher wir ihn begehen, desto freier sind wir, uns seinen Folgen verantwortlich zu stellen. Der 8. Mai ist für uns Deutsche kein Tag zum Feiern. Die Menschen, die ihn bewusst erlebt haben, denken an ganz persönliche und damit ganz unterschiedliche Erfahrungen zurück. Der eine kehrte heim, der andere wurde heimatlos. Dieser wurde befreit, für jenen begann die Gefangenschaft. Viele waren einfach nur dafür dankbar, dass Bombennächte und Angst vorüber und sie mit dem Leben davongekommen waren. Andere empfanden Schmerz über die vollständige Niederlage des eigenen Vaterlandes. Verbittert standen Deutsche vor zerrissenen Illusionen, dankbar andere Deutsche vor dem geschenkten neuen Anfang. Es war schwer, sich alsbald klar zu orientieren. Ungewissheit erfüllte das Land. Die militärische Kapitulation war bedingungslos. Unser Schicksal lag in der Hand der Feinde. [...]

Rede Richard von Weizsäckers während der Gedenkstunde zum 40. Jahrestag des Kriegsendes 1985 Bundesarchiv, B 145-Bild-00013491

Erschöpfung, Ratlosigkeit und neue Sorgen kennzeichneten die Gefühle der meisten. … Der Blick ging zurück in einen dunklen Abgrund der Vergangenheit und nach vorn in eine ungewisse dunkle Zukunft. Und dennoch wurde von Tag zu Tag klarer, was es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten. Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte. Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen. …“

AUFGABEN:

  1. Welche unterschiedlichen Perspektiven auf den 8. Mai 1945 werden hier durch Richard von Weizsäcker vorgestellt?
  2. Wie begründet Weizsäcker seine Aussage: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung“?
  3. Wie ist sein letzter Satz zu verstehen: „Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen“?

Die Verjährungsdebatte

Der 8. Mai als „Tag der Amnesie und Amnestie“

Der 8. Mai war in der Bundesrepublik eher ein Tag des Vergessens und der Verjährung. Für Verbrechen, die während der Zeit des Nationalsozialismus waren folgende Verjährungsfristen vorgesehen:

  • für Verbrechen, die als Höchststrafe ein Strafmaß von mehr als 10 Jahren vorsahen (z. B. Totschlag oder Körperverletzung mit Todesfolge) setzte die Verjährung am 8. Mai 1960 ein.
  • Für Mord galt eine Verjährungsfrist von 20 Jahren. Damit wären diese NS-Verbrechen am 8. Mai 1965 verjährt gewesen.
In der sog. „Verjährungsdebatte“ vom 10. März 1965 wurde diese Verjährungsfrist zunächst mehrfach verlängert, bevor die Verjährung für Mord 1979 endgültig aufgehoben wurde. Seither gilt in Deutschland der Grundsatz: „Mord verjährt nie.“

Deutscher Bundestag, Drucksache 8/2653, S. 4.

AUFGABEN:

  1. Setzen Sie sich kritisch mit der Tatsache auseinander, dass zahlreiche NS-Verbrechen aufgrund der Verjährungsfristen nicht (mehr) verfolgt werden konnten.
  2. Bis weit ins 21. Jahrhundert wurden NS-Verbrecher noch von deutschen Behörden verfolgt und ggf. angeklagt. Diskutieren Sie, ob das 80 Jahre nach Kriegsende mit sehr alten Menschen noch sinnvoll war.

Das Ehrenmal im Treptower Park als zentraler Gedenkort

Das am 8. Mai 1949 eingeweihte Ehrenmal im Treptower Park diente in der Zeit der DDR als Gedenkort für das Kriegsende. Alljährlich fand dort eine Gedenkveranstaltung mit Kranzniederlegung statt. Insbesondere das Monument „Der Befreier“ als Zentrum des Ehrenmals wurde zu der Ikone des 08. Mai. Auf Briefmarken, Fotos und Münzen wurde es massenhaft verbreitet.

Sowjetisches Ehrenmal im Treptower Park Gottschalk, Wolfgang: Ausländische Ehrenfriedhöfe und Ehrenmale in Berlin. hg. von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz (Sonderdruck). Berlin 1992.

AKTIVITÄT: VIRTUELLE ERKUNDUNG DES EHRENMALS IN BERLIN TREPTOW

  1. Beschreibe: Welchen Eindruck vermittelt das Gelände, wenn du es erkundest? Wodurch wird diese Wirkung hervorgerufen.
  2. Benenne die einzelnen Teile des Ehrenmals.
  3. Was könnten die beiden roten Monumente symbolisieren?
  4. Auf einem Hügel steht das zentrale Denkmal der Anlage? Finde heraus, wie es heißt?
  5. Beschreibe das zentrale Denkmal. Was sollen die einzelnen Bestandteile symbolisieren?
  6. Betrachte den Plan der Anlage von oben. Woran erinnern der Grundriss des Denkmals und auch die zentralen Monumente?
  7. Welche Idee soll durch das Ehrenmal ausgedrückt werden?

Folge dem Link zum virtuellen Rundgang

Schon seit 1950 war der 8. Mai als „Tag der Befreiung des deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus“ ein gesetzlicher Feiertag. Alljährlich wurden aufwendige Gedenkveranstaltungen organisiert, in denen die deutsch-sowjetische Freundschaft gefeiert wurde, die aus der deutschen Dankbarkeit erwuchs: Schließlich hatte die sowjetische Armee Deutschland aus der faschistischen Diktatur - und dem damit verbundenen Kapitalismus - befreit. Die nun herrschende Kommunisten der SED hatten während der NS-Zeit an vorderster Front gegen die Faschisten gekämpft und waren aus diesem „antifaschistischen Befreiungskampf“ ebenfalls als Sieger hervorgegangen. Damit durften sich die DDR-Bürger zu den Siegern von 1945 zählen, während die der Westen als Verlierer galt, da er am 08. Mai den „Standpunkt der Geschlagenen“ einnehme, rückwärtsgewandt und revanchistisch sei. Allerdings wurde der 8. Mai schon 1967 - mit Einführung der Fünf-Tage-Woche - als Feiertag in der DDR gestrichen, allerdings fanden an diesem Tag alljährlich offizielle Feierlichkeiten zum Kriegsende statt..

Der 8. Mai als nationaler Feiertag

© gemeinfrei

© gemeinfrei

AUFGABEN:

  1. Inwiefern kann das Kriegsende als „antifaschistischer Gründungsmythos der DDR“ gelten?
  2. Beschreiben und interpretieren Sie beiden Propaganda-briefmarken zum 08. Mai.
  3. Schließen Sie aus Ihren Ergebnissen auf die Bedeutung des 08. Mai für das Selbstverständnis der DDR zurück.

Der 8. Mai in der Bundes- republik Deutschland

Skepsis gegenüber dem Gedenken

Am 8. Mai 1949 verabschiedete der Parlamentarische Rat das Grundgesetz, die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland. Entscheidend war aber nicht das historische Datum. Konrad Adenauer, der Präsident des Parlamentarischen Rates, wollte die Gründung des Weststaates vorantreiben und drängte zur Eile. Gegenüber dem Datum selbst war man skeptisch - das formulierte der spätere Bundespräsident Theodor Heuß (FDP) schon an diesem Tag: "Ich weiß nicht, ob man das Symbol greifen soll, das in solchem Tag liegen kann. Im Grunde genommen bleibt dieser 8. Mai 1945 die tragischste und fragwürdigste Paradoxie der Geschichte für jeden von uns. Warum denn? Weil wir erlöst und vernichtet in einem gewesen sind.“ In der Folge blieb der 8. Mai in der Bundesrepublik ein Tag ohne ein offizielles Gedenken an das Kriegsende. Die Vergangenheit wurde verdrängt, eine Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus fand nicht

Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland mit handschriftlicher Signatur Konrad Adenauers Sammlungen des Deutschen Historischen Museums

statt - auch weil das Kriegsende als „Niederlage“ und „Zusammenbruch“ empfunden worden war. Nur Opferverbände erinnerten an das Ende des Zweiten Weltkrieges. Dadurch setzte man sich seitens des Staates bewusst von der Erinnerungskultur der DDR ab und nutzte den 8. Mai um vor dem Kommunismus zu warnen. Erst ab 1965 wurde der Tag im Abstand von jeweils fünf Jahren durch den Staat gewürdigt. Das änderte sich erst im Jahr 1985.

AUFGABE: Begründe mit Hilfe des Textes, warum der 8. Mai in der frühen Bundesrepublik Deutschland weitgehend unbeachtet blieb.