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Reiseführer Orte

Rederei/Lila2

Created on October 18, 2024

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Transcript

Reise- führer

Eine Tour durch Orte der Demokratie in Sachsen

Grimma

Döbeln

Pirna

Krauschwitz

Hoyerswerda

Leipzig

Löbau

Wurzen

Pödelwitz

Limbach-Oberfrohna

Mittel-herwigsdorf

Glauchau

Augustusburg

Rodewisch

Bautzen

Annaberg-Buchholz

Aue-Bad Schlema

Königstein

Vorwort

Das ländliche Sachsen hat viel zu bieten und das nicht nur in Bezug auf Weite, Natur und Einsamkeit. Das ländliche Sachsen ist, wer hätte das gedacht, voller interessanter Menschen, Kreativität, mutigen Initiativen und vor allem einer Menge demokratischer Kultur. Wir möchten dich auf eine Reise zu spannenden Orten einladen, zu engagierten Menschen, die du unbedingt einmal im Leben getroffen haben solltest – und zu Räumen, in denen Demokratie gelebt und erlebbar wird. 

 Dieser Reiseführer handelt von denen, die gemeinsam mit vielen anderen den ländlichen Raum in Sachsen weiterentwickeln und vielfältiger machen. Orte und Menschen, die anfangs mit Wider-ständen zu kämpfen hatten, die Verbindungen gesucht und gefunden haben, die dran bleiben, auch wenn sie zwischendurch scheitern. Die offen sind und das Gespräch suchen, sich Zeit nehmen und andere Menschen mit ihrer eigenen Begeisterung motivieren können.

 Der Reiseführer will nicht nur dazu anregen, Sachsen neu zu entdecken, sondern auch anzudocken an Orte, an denen Begegnung und Mitgestaltung (wieder) möglich ist. 

 Vorgestellt werden 18 „Orte der Demokratie“. Manche sind gerade erst entstanden, andere schon seit den späten Neunzigerjahren aktiv. Die einen sind eher sozial und andere kulturell unterwegs, politisch oder inklusiv, in der Natur oder eher städtisch gelegen. Und so unterschiedlich sie auch sind, ein Ziel vereint sie: Menschen zusammenzubringen und zu aktivieren.

Vorwort

Alle Orte sind Räume der politischen Bildung, denn hier wird nicht einfach nur Kino gemacht, sondern Menschen kommen miteinander ins Gespräch. Hier wird nicht nur zum Kaffee eingeladen, sondern auch zum Ideen spinnen für bessere Lebensbedingungen für alle in der Stadt oder im Dorf. Hier wird Sport mit Austausch und Diskussion verbunden, Kuchensonntage werden veranstaltet und gemeinsam auf die notwendigen Schritte zur Gestaltung einer Zukunft im Ort geschaut. Alles mit dem Verständnis, dass wir nur gemeinsam die großen und kleinen Herausforderungen der sich ständig wandelnden Gesellschaft stemmen können. Wir laden dich ein, diese Orte zu entdecken – bei einer Radtour, einer Wanderung oder ganz gezielt bei einer Demokratie-Tour durch Sachsen. Die Türen an diesen Orten stehen offen, also lass dich überraschen und inspirieren für deinen eigenen Ort der Demokratie. Dieser Reiseführer entstand im Rahmen des Förderprogramms „Orte der Demokratie“ beim Sächsisches Staatsministerium der Justiz und für Demokratie, Europa und Gleichstellung. Wir danken den Menschen vor Ort und im Ministerium für den Mut, Neues zu wagen und das Projekt gegen Widerstände zu verteidigen. Ebenso für ihr Vertrauen den lokalen Akteur*innen gegenüber, sie auf ihre ganz spezifische Art und Weise arbeiten zu lassen, um Wirkung zu erzielen. Was die „Orte“ in ihrer Praxis entdeckt haben, ist nicht neu oder revolutionär – und doch geben die Erkenntnisse Hoffnung. Denn sie zeigen ein Verstehen darüber, dass die Überwindung von gesellschaftlichen Missständen (nur) miteinander möglich ist. 



 Martina Glass und Siri Pahnke vom Netzwerk für Demokratische Kultur e.V.

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Fun Fact Die Döbelner Altstadt ist eine Insel: Insgesamt gibt es 8 Verbindungen über die Mulde. Damit gehört Döbeln zu den brückenreichsten Städten Sachsens.

So sieht Engagement vor Ort aus

Döbeln

Auf vielen Ebenen werden im Treibhaus e.V. Begegnungen zwischen Generationen und engagierten Bürger*innen gelebt: Im Café Courage steht zum Beispiel der Dialog über gesellschaftliche und politische Themen im Fokus, während gleichzeitig Vielfalt aktiv gestärkt wird – in Projekten mit der queeren Community und Menschen mit Migrationsgeschichte. Ein weiterer Impulsgeber pro-demokratischen Handels ist die WerkStadt Döbeln. Hier geht es ums Mitwirken und Mitgestalten – und um Fragen, die alle angehen: Zum Beispiel, wo Jugendliche soziale Treffpunkte finden? Auch ein Postamt für Demokratie ist im Zuge der WerkStadt entstanden. Hier können Menschen Postkarten erstellen und sie mit demokratischen Grüßen versehen – so lädt die mobile Aktion zum Austausch ein. Außerdem initiieren Stadt und der Treibhaus e.V. Vereins-messen und Kulturstammtische, um das Ehrenamt zu fördern. Ziel ist es, durch Partizipation ein Döbeln für alle zu schaffen.

Döbeln, eine der ältesten Städte Sachsens, liegt mit seiner schmucken Altstadt malerisch zwischen den Armen der Freiberger Mulde. Wenig bekannt ist, dass Döbeln auch über die Lokalgrenzen hinaus „Stiefel-Stadt“ genannt wird. Denn im Sitzungssaal des Rathauses ist ein rund 4 Meter hoher Riesenstiefel zu sehen, der als Symbol sächsischer Handwerkskunst und Wahrzeichen der Stadt gilt. Bedeutsam für das zivilgesellschaftliche Engagement ist hingegen ein ganz anderer Ort am Rande des historischen Zentrums: die Räume des Treibhaus e.V. Im Jahr 1997 gegründet, ist der Verein in der Bahnhofstraße bis heute ein Anlaufpunkt für Menschen, die nach politischen, kulturellen und sozialen Alternativen suchen.

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Meilensteine der Zivil- gesellschaft

Tipps vor Ort und in der Region

Essen: „Kleine Auszeit“ – hier gibt es regionale und saisonale SuppenMargaretenmühle – Landgasthof samt Waldhotel im Idyll Zweiniger GrundÜbernachten: Die Margaretenmühle, Naußlitz 24, 04741 RoßweinIn der Nähe: 13 Kilometer: Das Umspannwerk Etzdorf (UWE) ist Museum und Vision zugleich: Das technische Denkmal diskutiert globale Herausforderungen des Klimawandels.15 Kilometer: Das Jugendhaus Roßwein e.V. ist ein Mitmach-Ort – hier werden Siebdruckworkshops, Kletterkurse und Ferienangebote organisiert. 20 Kilometer: Das Alternative Jugendzentrum in Leisnig e.V. führt junge Menschen im ländlichen Raum zusammen – mit verschiedenen Kulturangeboten. Die stehen auch im Kulturbahnhof Leisnig im Mittelpunkt. Der Veranstaltungsort bringt unter anderem internationale Musikschaffende zusammen.

Aus den Kulturstammtischen der WerkStadt ist 2024 ein besonders Engagement-Format entstanden: Die Stadt hat die erste Kulturnacht ins Leben gerufen, um die kulturelle Vielfalt Döbelns zu feiern. Ein Zeichen für mehr Toleranz setzt seit 2022 zudem der Christopher Street Day (CSD). Organisiert von der Queeren Gruppe Döbeln, stärkt die Veranstaltung jährlich die Sichtbarkeit und Rechte der LGBTQIA+-Community. Zunehmend werden CSDs dabei von rechts angefeindet und teils attackiert. Dieser anti-demokratischen Präsenz treten diverse Bündnisse entgegen: die Initiative „Döbeln bleibt bunt“ und die Ortsgruppe der „Omas gegen Rechts“. Auf ihren Demos positionieren sie sich für demokratische Werte und erinnern an die deutsche Geschichte. Das tun auf andere Weise auch 16 Stolpersteine in der Stadt. Der Treibhaus e.V. betreut diese und organisiert Mahnwachen, um das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus mit historisch-politischer Bildung wachzuhalten.

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Fun Fact So wird die Grimma spielerisch erkundet: Eine interaktive Tablet-Rallye lädt Jugendliche ein, Aufgaben und Rätsel zu lösen – und Ideen für die Stadt zu entwickeln.

So sieht Engagement vor Ort aus

Grimma

Nach einem starken Hochwasser im Jahr 2013 fassten sich Jugendliche in Grimma ein Herz und entwickelten eine Vision für die Alte Spitzenfabrik in Grimma. Die Fabrik und das angrenzende Gelände wurden privat gepachtet und erste Projekte sind entstanden: ein Café, ein Skatepark, Flächen zum gemeinsamen Gärtnern, eine Fahrradwerkstatt. Seit 2020 setzt die Between the lines gGmbH (jetzt YOPE gGmbH) vor Ort Kultur-, Sport- und Jugendhilfeprojekte um – zum Beispiel das „Dorf der Jugend“. Dieses zielt darauf ab, eine lebendige, nachhaltige und eigenständige Jugendarbeit in ländlichen Gebieten zu schaffen und zu festigen. Dabei wird ein besonderer Ansatz verfolgt: die aufsuchende Jugendarbeit. Sie soll junge Menschen in ihrem eigenen Lebensumfeld ansprechen und unterstützen. Etwa in Schulen, Parks, an öffentlichen Plätzen und Orten, die Heranwachsende oft nutzen. So soll es gelingen, niedrigschwellig in Kontakt zu kommen und einen Dialog anzuregen.

Bei einem Spaziergang entlang der Mulde und durch den historischen Stadtkern erzählt Grimma viel über die Geschichte sächsischer Baukultur. Da ist das Rathaus mit Renaissancegiebel, die doppeltürmige Frauenkirche oder mittelalterliche Wohntürme. Ebenso sehenswert ist die frühere Landes- und Fürstenschule „St. Augustin“ oder die Steinbrücke des Dresdner Zwinger-Baumeisters Matthäus Daniel Pöppelmann. Aber am Ufer der Mulde sticht vor allem auch ein alter Industriekomplex ins Auge. Die einstige „Spitzenfabrik Birkigt & Co.“ produzierte hier seit 1907 Textilien, die als „Plauener Spitze“ berühmt wurden. Nach der Wende wurde die Produktion jedoch eingestellt und es dauert einige Jahre bis Engagierte den Ort neu belebten.

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Meilensteine der Zivil- gesellschaft

Tipps vor Ort und in der Region

Essen: Maharaja Palace – indische Spezialitäten und ein breites vegetarisches Angebot Café Omame – Fusionküche: Hier gibt es täglich albanische, griechische und japanische Leckereien Café am Markt – Kaffee, Eis und selbst gebackener Kuchen. Achtung: Winterpause von Anfang Dezember bis Ende Februar Übernachten: Zelten im Garten der Alten Spitzenfabrik, Dornaer Weg 2 In der Nähe: 4 Kilometer: Abseits des Zentrums liegt die Ruine des Klosters Nimbschen, in dem Katharina von Bora als Nonne lebte. Sie heiratete Martin Luther und spielte deshalb eine wichtige Rolle bei der Verbreitung der Reformation im Familienleben. Sie wurde zur Symbolfigur der evangelischen Bewegung. 14 Kilometer: Die Alte Rollschuhbahn in Bad Lausick wurde in den Siebzigern als DDR-Trainingszentrum genutzt und war ein zentraler Wettkampfort. Nach Jahren des Verfalls wurde sie durch lokale Initiativen wiederbelebt – als Skate-Plaza und interkultureller Begegnungsort.

Was Engagierte gemeinsam erreichen können, zeigt das Crossover Festival in Grimma. Seit Jahren bringt es alternative Musikkultur samt Workshops, Vorträgen und Infoständen aufs Land. Das kostenlose Open Air wird ehrenamtlich von Jugendlichen in der Alten Spitzenfabrik organisiert – mithilfe von Spenden und Fördermitteln. Auch das Jugendforum Grimma stärkt die Jugend-beteiligung. Es ermutigt junge Menschen, sich in kommunale Entscheidungen einzubringen und Projekte wie Jugendtreffs oder kulturelle Veranstaltungen zu realisieren, indem es sie bei der Planung und Umsetzung unterstützt. Ebenso demokratisch engagiert ist das Aktionsbündnis „Grimma zeigt Kante“. Seit 2022 organisiert es Demonstrationen, Straßen-feste und kulturelle Events, um ein Zeichen gegen Rechtsextremismus zu setzen. Als „Knotenpunkt der sozialen Infrastruktur“ versteht sich zudem das Mehrgenerationenhaus „Alte Feuerwehr“. Hier engagieren sich alle Generationen, etwa in der Geflüchtetenhilfe, um für gesellschaftlichen Zusammenhalt einzutreten.

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Fun Fact Er gilt als prägende Stimme der Region: Gerhard Gundermann lebte und arbeitete in Hoyerswerda – als Baggerfahrer im Tagebau, Liedermacher und Rockmusiker.

So sieht Engagement vor Ort aus

Die Brigitte-Reimann-Stadtbibliothek ermutigt dazu, selbst aktiv zu werden. Als sogenannter dritter Ort eignet sich der soziale Treffpunkt und Alltagsort besonders, um Menschen unkompliziert anzusprechen. Hier trifft die Hoyerswerdaer Bevölkerung ohne Verpflichtungen aufeinander – das stärkt das Gefühl der Gemeinschaft und ermöglicht ein ungezwungenes Miteinander. Ein Projekt ist dabei von zentraler Bedeutung: die Offene Werkstatt der Demokratie. Hier bekommen Bürgerinnen und Bürger einerseits die Chance, ihre Themen einzubringen, andererseits werden sie inspiriert, wie vielfältig Engagement vor Ort aussieht. In der Veranstaltungsreihe „Frag den OB“ stellt sich der Oberbürgermeister von Hoyerswerda den Anregungen und Fragen der Menschen. So etabliert sich die Bibliothek als „Ort der Demokratie", an dem Menschen zusammen-kommen, in den Dialog gehen und sich in Entscheidungsprozesse einbringen.

Hoyerswerda

Sie war mal die Stadt für die Familien der DDR-Kohlekumpel und Energiearbeitenden des Lausitzer Braunkohlereviers. Seither aber hat sich die Bevölkerung in Hoyerswerda nahezu halbiert. Gleichzeitig bestimmen die rassistischen Ausschreitungen der Neunzigerjahre bis heute das Image der Stadt. Und der geplante Kohleausstieg bis 2038 setzt den Strukturwandel in der Region intensiv fort. Was manchmal übersehen wird: Hoyerswerda liegt idyllisch im Lausitzer Seenland und bietet viele Kultur-, Freizeit- und Bildungsangebote. Unter anderem die Stadtbibliothek Brigitte Reimann öffnet dabei einen Raum, in dem Menschen ihre Ideen und Meinungen austauschen und wichtige Anregungen für ihre Stadt diskutieren können.

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Meilensteine der Zivil- gesellschaft

Tipps vor Ort und in der Region

Essen: Café Rosalie – kleines, feines Frühstückscafé Eiscafé Schoko & Luise – regionale Handwerkskunst in der Waffel Punjab Palace Altstadt – große Auswahl an indischen Speisen Farids Snacks – alles von Falafel bis Schawarma Übernachten: Burghof Apartments, Burghof 2 Krabatmühle Schwarzkollm, Koselbruch 22 In der Nähe: 6 Kilometer: Das Dokumentationszentrum Lager Elsterhorst beleuchtet die Geschichte des größten Kriegsgefangenen- und Vertriebenenlagers zwischen 1939 und 1948 im Osten Deutschlands. 15 Kilometer: In der Krabatmühle in Schwarzkollm wird nicht nur die sorbische Sage des Zauberlehrlings Krabat erzählt, der Ort versteht sich auch als Erlebnisstätte für Tradition, Brauchtum und regionale Kultur. 37 Kilometer: Das Telux in Weißwasser ist 1899 als Glashütte entstanden und war in der Glasproduktion von Bedeutung. Heute ist es ein sozio-kulturelles Zentrum, das gemeinschaftliche Projekte fördert.

Die Stadtbibliothek ist nach der DDR-Schriftstellerin Brigitte Reimann benannt. Sie lebte in den Sechzigerjahren in Hoyers- werda und setzte sich im Roman „Franziska Linkerhand“ kritisch mit der Stadt auseinander. Ihr Werk inspiriert bis heute zu einem Perspektivwechsel vor Ort – zum Beispiel mit einer Wanderung auf Brigitte Reimanns Spuren durch die Neu- und Altstadt. Den Spaziergang organisiert der Hoyerswerdaer Kunstverein. Daneben ist die Kulturfabrik ein zentraler Akteur kulturellen und zivilgesellschaftlichen Engagements. Denn der Veranstaltungsort ist gleichermaßen Bürgerzentrum – samt Stammtisch für Zugezogene und Zurückgekehrte, Repair-Werkstatt und dem Projekt „Grüner Saum“, bei dem gemeinsam ein Erlebniswanderweg geplant wird. Darüber hinaus setzt sich das Netzwerk Zivilcourage Hoyerswerda dafür ein, den Zusammenhalt zu stärken. Ähnlich wie das Immigrants Network Hoyerswerda e.V. Es ist Anlaufstelle für migrantische Menschen und will das interkulturelle Zusammenleben fördern.

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Fun Fact Den Ort Königstein gibt es gleich dreimal in Deutsch-land: in Sachsen, der Oberpfalz und in Hessen. Traditionell kommen die drei Städte zum „Drei-königstreffen“ zusammen.

So sieht Engagement vor Ort aus

Gesellschaftliche Integration durch sozio-kulturelle Angebote, Bürger*innenbeteiligung und Nach-haltigkeit – darauf baut die Arbeit des weltbewusst e.V. Wichtig ist dabei ein einmaliges Projekt: die Werkstatt 26. Der „Ort der Demokratie“ und soziale Treffpunkt bietet Lesungen, Reparaturtreff, Kleiderstube, Erzählcafés, Ausstellungen und Feste. Er ist Kunst- und Sozialraum in einem, denn: Zum einen lenkt die Galerie, die gleichzeitig ein Kreativ-Raum für Bürger*innenbeteiligung ist, den Fokus auf Kunstschaffende aus ländlichen Regionen. Zum anderen lässt zum Beispiel die „Lebendige Bibliothek“ verschiedene Menschen von ihren individuellen Geschichten erzählen und macht so ein unkonventionelles Gesprächsangebot. Darüber hinaus werden Generationendialoge und Infoveranstaltungen umgesetzt. Ziel ist es, den persönlichen Austausch über Werte, Integration, Zusammenleben und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern. Frei nach dem Motto: Miteinander – Füreinander in Königstein.

Königstein

Gut 30 Kilometer entfernt von Dresden liegt das Städtchen Königstein mitten im Elbsandsteingebirge und dem Nationalpark Sächsische Schweiz. Das bekannteste Wahrzeichen der Stadt lockt jährlich Tausende Menschen in die Region: die Festung Königstein. Die Bergfeste thront 240 Meter über der Elbe. Rundherum kommen Wander-, Kletter- und Naturbegeisterte hier auf ihre Kosten. Wer jedoch nach Räumen abseits touristischer Routen sucht, sollte die engagierten Initiativen vor Ort entdecken. Allem voran der weltbewusst e.V. In enger Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung und Bürgerschaft setzt sich die Initiative für Integration, Austausch und Begegnung zwischen geflüchteten Menschen und Einheimischen ein.

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Meilensteine der Zivil- gesellschaft

Tipps vor Ort und in der Region

Essen: Restaurant „Piccolo“ – italienische Küche im gemütlichen Ambiente Das Steingut – von frischem Kuchen bis kalten und warmen hausgemachten Speisen. Im Fokus stehen regionale Produkte Übernachten: Rock-Hostel, Schandauer Straße 36 Schrägers Gasthaus, Kirchgasse 1 Aparthotel Alte Bäckerei, Goethestraße 1 In der Nähe: 8 Kilometer: Die Heymann-Baude ist ein interdisziplinärer Begegnungsort, der vom Kulturbaude und Landkunst e.V. getragen wird. Zentral sind Kunst-, Kultur- und Tanzangebote. 8 Kilometer: Die Herberge auf dem Kulm bietet naturerlebnispädagogische Angebote – von der Waldrallye über Wildnis-Küche bis hin zu Klettertouren. 18 Kilometer: Mit dem Mosaikhaus soll in Bad Gottleuba-Berggießhübel ein Ort entstehen, an dem Ideen verwirklicht werden können. Die Hausgemeinschaft sucht Hilfe beim Hausbau und organisiert im Gegenzug Veranstaltungen.

In Königstein erinnert eine Stele an die NS-Vergangenheit der Region, besonders an das Außenlager „Orion I und II“ des KZ Flossenbürg. Ab Herbst 1944 inhaftierte man dort etwa 1000 Häftlinge und zwang sie, eine unterirdische Stollenanlage zu bauen. Mindestens 70 von ihnen starben bis März 1945 in Königstein. Das Alternative Kultur- und Bildungszentrum e.V. aus Pirna hält die Erinnerung an die Ortsgeschichte wach. Auch das ehemalige NaturFreunde-Haus in Königstein ist ein prägender Teil regionaler Erinnerungskultur. Die NaturFreunde Deutsch-land, ein sozial-ökologisch und gesellschafts-politisch engagierter Verband, erwarben das Haus 1925. In der NS-Zeit diente es als Neben-lager des KZ Hohnstein. Seit 2022 wird das Haus als Aktiv-Hotel mit dem Namen „Stock & Stein“ betrieben, das Unterkünfte nach dem Solidarprinzip bietet. Als 2020 ein Gedenkstein zur NS-Geschichte gestohlen wurde, orga-nisierten Engagierte erfolgreich eine Spenden-kampagne, um das Mahnmal zu ersetzen. Kulturveranstaltungen und Filmvorführungen bietet zudem das Alte Kino Königstein.

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Fun Fact Der Pirnaer Marktplatz ist weltberühmt. 1853 wurde er vom venezianischen Maler Bernardo Bellotto – besser bekannt als Canaletto – auf die Leinwand gebracht.

So sieht Engagement vor Ort aus

Pirna

Das Team der AG Asylsuchende Sächsische-Schweiz-Osterzgebirge e.V. engagiert sich für geflüchtete Menschen, die im Landkreis leben. Beratung, Dialog, Frauentreff und Empowerment – all das sind Puzzlestücke der Vereinsarbeit. In Pirna-Sonnenstein wurde zudem der „Ort der Demokratie“ als Begegnungsangebot aufgebaut. Mit dem Begegnungszentrum „Sonnenfeld“ wird eine lebendige Nachbarschaft im Stadtteil Sonnenstein unterstützt und gefördert. Angebote wie eine Fahrradwerksatt, ein Repaircafé, Frauenfrühstück, Sprachcafé, Deutschkurse und Open Kitchen, Straßenfeste aber auch Kinoabende möchten dazu beitragen, dass Stadtviertel lebendiger und lebenswerter zu machen. Initiativen, Vereine und engagierte Menschen sind eingeladen, sich zu treffen, selbst Angebote zu machen oder mit der AG Asylsuchende Sächsische-Schweiz-Osterzgebirge e.V. gemeinsam neue Ideen zu schmieden.

Pirna wird auch das Tor zur Sächsischen Schweiz genannt und zeugt mit seinen vielen Renaissancebauten in der Altstadt von einer reichen Kulturgeschichte. Anders sieht hingegen der Stadtteil Pirna-Sonnenstein mit seinen Plattenbauten aus. Einst Heilanstalt, dann Soldaten- und Geflüchtetenlager, wurden hier 1940 und 1941 in einer NS-Tötungsanstalt Tausende psychisch kranke und behinderte Menschen ermordet. Der Standort entwickelte sich in der DDR durch die DDR-Luftfahrt- und Rüstungsindustrie wirtschaftlich, doch in den Neunzigern folgten Abwanderung und Leerstand. Inmitten dieser Brüche, die die Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein dokumentiert, ist die AG Asylsuchende Sächsische-Schweiz-Osterzgebirge e.V. aktiv.

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Meilensteine der Zivil- gesellschaft

Tipps vor Ort und in der Region

Essen: Cafe Bohemia – selbstgemachte Limos, Eis und frisch gebackene Kuchen warten im kleinsten Café Pirnas Hof15 – im Hofladen gibt es frisches Brot, Milch, Wurst und guten Wein aus Sachsen Übernachten: Hinterland Hostel, Elbweg 33 in 01824 Rathen In der Nähe: 5 Kilometer: Das solidarische Landwirtschaftsprojekt Gemüse-Anbau in Graupa wird durch den gemeinnützigen LebensWurzel-Verein unterstützt. Visionäres Ziel ist die Entwicklung der ersten Solawi-Genossenschaft in der Region Dresden & Umgebung. In Struppen, nur 9 Kilometer von Pirna, ist zudem die Solidarische Landwirtschaft Schellehof beheimatet. 11 Kilometer: Das Kollektiv Educat klärt auf Wanderungen durch das Elbsandsteingebirge über verschiedene Phasen des Nationalsozialismus und des antifaschistischen Widerstandes auf. Eine Tour erzählt auch Pirnas Geschichte – am Beispiel der avantgardistischen Malerin Elfriede Lohse-Wächtler. Sie wurde in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein ermordet. Die Wanderung führt von Wehlen nach Posta und zurück.

Eine Spur bunter Kreuze erinnert an die rund 15 000 Opfer der NS-Morde in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein. Der 2002 entstandene Gedenkweg, initiiert vom Pirnaer Künstler Christoph Hampel, der Aktion Sühnezeichen und dem Jugendgästehaus Liebethal, führt durch die Altstadt bis zum Elbufer. Zentraler Akteur der Zivilgesellschaft ist auch das AKuBiZ – das alternative Kultur- und Bildungszentrum e.V. Der Verein engagiert sich für die politische Bildung, Kulturarbeit und Förderung demokratischer Werte; organisiert werden Workshops, Vorträge, Filmabende und Ausstellungen zu Rechtsextremismus, Erinnerungskultur und Menschenrechte. Insbesondere hält das AKuBiZ die Erinnerung an den Nationalsozialismus in der Region wach. Ein alternatives Kulturangebot bringt zudem die Initiative Uniwerk e.V. nach Pirna – mit Konzerten und Ausstellungen. Und auch der CSD-Pirna e.V. und der Aktion Zivilcourage e.V. prägen die demokratische Vielfalt vor Ort.

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Fun Fact Der Maler Louis Lejeune hat in Niederlungwitz fast ein Jahrzehnt seines Lebens verbracht und etwa 300 Werke geschaffen.

So sieht Engagement vor Ort aus

Nieder- lungwitz

Das Kulturhaus Klackx ist ein „Ort der Demokratie“, an dem Begegnung, Mitgestaltung und Vielfalt gelebt werden. Unterschiedliche Angebote fördern den Dialog zwischen Generationen und ihren Lebenswelten. Ob in der Holzwerkstatt, im Tonstudio oder bei kulturellen Veranstaltungen – im Klackx werden Projekte verwirklicht, die gesellschaftliche Werte und die Gemeinschaft stärken. Besonders wichtig ist dabei das Engagement für Vielfalt und Inklusion. Workshops greifen dazu gesellschaftspolitische Themen auf – von Klimaschutz bis hin zu sozialen Gerechtigkeitsfragen. Zudem dient das Klackx als Knotenpunkt für regionale Zusammenarbeit: Mit dem „Zwickauer Demokratie Bündnis“ und anderen lokalen Initiativen organisiert es zum Beispiel Kulturstammtische, Vereinsmessen und Bildungsangebote. Das große Ziel ist es, in Niederlungwitz, Glauchau und der Region Teilhabe und Mitgestaltung zu fördern.

Niederlungwitz, ein malerischer Ortsteil von Glauchau, vereint Natur, Geschichte und Kultur. Der Bismarckturm im Rümpfwald bietet bei klarem Wetter Ausblicke bis ins Erzgebirge. Und auch weit unten ist Besonderes zu erleben: Denn durch Glauchau führt ein unterirdisches Netz von Gängen. Seit 2006 erfahren Besuchende auf Touren hier spannende Details über die Geschichte und ursprüngliche Nutzung der städtischen Unterwelt. Neben diesen touristischen Attraktionen sind es aber vor allem engagierte Menschen, die das Miteinander prägen. In Niederlungwitz ist daher das Kulturhaus Klackx ein wichtiger sozialer Treffpunkt. Hier werden kreative Projekte entwickelt und soziale Begegnung gefördert, um Engagement vor Ort zu aktivieren.

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Meilensteine der Zivil- gesellschaft

Tipps vor Ort und in der Region

Essen: Gasthof „Grüner Baum“ – regionale Spezialitäten in rustikalem Ambiente Museumscafé – Glauchau in der Zeit der Weimarer Republik Übernachten: Landhotel Billing, Höckendorfer Weg 57, 08371 Glauchau Pension Förster, Pestalozzistraße 34A, 08371 Glauchau Hotel Meyer, Agricolastraße 6, 08371 Glauchau In der Nähe: 25 km: Das Gasometer in Zwickau ist ein Industriedenkmal und Kulturort zugleich. Inmitten der einmaligen Architektur werden Konzerte, Theateraufführungen und Feste veranstaltet. Die inhaltlichen Schwerpunkte: Jugend-, Demokratie- und Kulturarbeit. Auch das Projekt 46 in Zwickau ist ein kultureller und gesellschaftlicher Freiraum, der von Menschen aus der Zivilgesellschaft, der subkulturellen Szene und der Vereinslandschaft betrieben wird. Ein besonderes Angebot: eine digitale Schnitzeljagd zu den Orten der „Friedlichen Revolution“. Die Reihenfolge der Stationen kann individuell festgelegt werden.

Niederlungwitz und die umliegende Region setzen immer wieder wichtige Impulse für demokratische Werte. So hat sich das „Demokratiefest“ in Glauchau als Plattform etabliert, durch die Bürgerinnen und Bürger ihre Ideen für eine gerechtere und viel-fältigere Gesellschaft einbringen können. Ein weiterer Höhepunkt war im Jahr 2023 die „Demo gegen Rechts“, bei der hunderte Menschen zusammen-gekommen sind, um ein klares Zeichen gegen rechtsextreme Tendenzen in der Gesellschaft zu setzen. Kreative Plakate, Reden und musikalische Beiträge haben deutlich gemacht: Demokratie lebt vom Engagement jedes Einzelnen. Der Weitwinkel Zwickau e. V. setzt sich mit kreativen Formaten wie Fotoprojekten, Ausstellungen und Diskussions-runden für Demokratie und Menschenrechte ein. Und auch das Kulturhaus Klackx zeigt mit vielen Pro-jekten, wie wichtig Orte für Begegnung und Aus-tausch sind. Mit kreativen Angeboten können hier Menschen zusammenkommen, die für Vielfalt und Toleranz einstehen. Unterstützt von Initiativen wie dem „Zwickauer Demokratie Bündnis“ entstehen Bildungsprogramme, Kulturangebote und Formate, die lokale Gemeinschaft stärken und Demokratie erfahrbar machen.

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Fun Fact Die Mühltürme Wurzens sind das Wahrzeichen der Stadt. Weil hier früher Kekse, Lebkuchen und Gebäck-mischungen produziert wurden, nennen Einheimische das Ensemble liebevoll den Keksdom.

So sieht Engagement vor Ort aus

Wurzen

Das NDK gründete sich zu einer Zeit, in der rechtsextreme Strukturen in Wurzen äußerst präsent waren. Ziel des Vereins war es, eine klare Haltung gegen menschenverachtende Ideologien zu zeigen und für ein solidarisches Miteinander einzutreten. 2001 konnte der Verein ein Haus am Domplatz erwerben, fünf Jahre später eröffnet hier das Kultur- und Bürger*innenzentrum D5. Das D5 wurde schnell zur Anlaufstelle für soziokulturelle Angebote – Kultur wird hier von Menschen aus Wurzen selbst organisiert. Dialog, Begegnung und Vernetzung finden an diesem Ort statt. An Schulen führt das NDK zudem Open Spaces und Workshops durch, damit Schüler*innen sich mit Demokratie und demokratischen Werten auseinandersetzen. Sie lernen so mehr über Beteiligungsprozesse und politische Mitbestimmung. Auch international geht es im D5 zu, anfangs mit dem europäischen Freiwilligendienst und seit einigen Jahren mit dem internationalen Frauentreff, bei dem Ideen gesponnen und Kreativität ausprobiert werden.

Das berühmteste Kind der Stadt hat sich mit tiefgründiger Nonsens-Poesie einen Namen gemacht: Im Jahr 1883 wurde Hans Gustav Bötticher – bekannt als Maler, Schriftsteller und Kabarettist Joachim Ringelnatz – in Wurzen geboren. Heute ist sein Geburtshaus ein beliebter Kulturtreff. Und so wie hier viele Kulturangebote zur Demokratiestärkung beitragen, indem sie zum Beispiel neue Perspektiven und Blickwinkel eröffnen, tut es auch ein zentraler Akteur zivilgesellschaftlichen Engagements vor Ort: das Netzwerk für Demokratische Kultur e.V., kurz NDK. Es hat seit 1999 verbindenden Charakter und ist für viele Initiativen, Organisationen und Projekte in Sachsen deshalb ein wichtiger und geschätzter Netzwerkpartner.

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Meilensteine der Zivil- gesellschaft

Tipps vor Ort und in der Region

Essen: Eisdiele Schönemann auf dem Markt – hausgemachtes Eis und vegane Sorten. Achtung: Öffnungszeiten variieren – je nach Wetterlage Asia Bistro Viet Village – verschiedene asiatische Speisen auf dem Jacobsplatz 5 Übernachten: Tagungshaus D5, Domplatz 5 Naturcampingplatz Lübschützer Teiche 1, 04827 Machern In der Nähe: 3 Kilometer: Der Jugend- und Freizeittreff „Werner Moser“ ist eine Einrichtung für alle Generationen, in der soziales Miteinander, persönliche Entwicklung und Freizeitangebote im Zentrum stehen. 9 Kilometer: Das Steinarbeiterhaus in Hohburg wurde 1802 errichtet. Das original erhaltene Fachwerkhaus war bis 1910 das Zuhause einer Steinarbeiterfamilie. Die realistische Nachstellung ist als Museum Teil des Geopark Porphyrlands. 10 Kilometer: Im Naherholungsgebiet Lübschützer Teiche wird DDR-Geschichte lebendig, denn hier können ein Stasi-Bunker und das fünf Hektar große denkmalgeschützte Gelände besichtigt werden.

Neben dem NDK gibt es in Wurzen aber noch viele andere Orte für Kultur und Beteiligung. Das Schweizerhaus Püchau betreibt beispielsweise mitten im Zentrum den kreativen Treffpunkt „Der Laden“ und direkt um die Ecke schafft die ALM einen Raum für Kunst und Kultur, der auch für Veranstaltungen gemietet werden kann. In einer ehemaligen Werkhalle auf dem Gelände der Leuchtenmanufaktur Wurzen ist so ein lebendiger Kulturort entstanden. Im „Laden“ kann gedruckt, getöpfert und mit verschiedenen Materialien kreativ gearbeitet werden – auch auf Ukrainisch. So wie hier will auch das Kanthaus Menschen zusammen-bringen. Das 2017 in Wurzen gestartete Projekt in der Kantstraße ist Teil eines ökologisch-sozialen Netzwerks, das eine Kultur des Teilens, Reparierens und Wieder-verwendens aktiv fördern will. Vor allem für Kinder ist das Kinder- und Jugendhaus Wurzen (KiJuWu) ein wichtiger Ort. Hier können sie sich ausprobieren, künstlerisch, sportlich, gemeinsam aktiv werden.

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Fun Fact Mathematik für alle: Adam Ries aus Annaberg-Buchholz ist bekannt für sein „Rechen-buch“ von 1522. Damit hat der Mathematiker einfache mathematische Methoden einem breiten Publikum zugänglich gemacht.

So sieht Engagement vor Ort aus

Annaberg-Buchholz

In einer Zeit, in der Meinungsverschiedenheiten, Streit und gesellschaftliche Spaltung zunehmen, setzt sich das Team der Alten Brauerei dafür ein, Brücken zu bauen. Deshalb wurde ein Ort geschaffen, an dem Menschen zusammenkommen können, die im Alltag nichts oder nur wenig miteinander zu tun haben. Das Motto der Enga-gierten: Raus aus der Wohlfühl-Meinungs-Blase, rein ins Gespräch! Dabei helfen regelmäßige Tresengespräche zu verschiedensten Themen. Und auch der „Heart Chor“ bringt zusammen – nicht nur Menschen, sondern auch Gesang und politische Bildung. Ursprünglich war das Projekt nur für zwei Monate geplant, dann aber so erfolgreich, dass es fortgeführt wurde. Wöchentlich kommen Menschen zwischen 17 und 67 Jahren zusammen, singen historische Arbeiterlieder und befassen sich mit deren Hintergründen. Das Ganze ist demokratisch organisiert: Die Mitglieder treffen alle Entscheidungen gemeinsam – von Auftritts-anfragen über Liedauswahl bis zum Programm.

Auf den ersten Blick fällt in Annaberg-Buchholz eins ins Auge: Über den Dächern der Stadt thront die markante St. Annenkirche. Zu ihren Füßen können Besucher*innen auf den Spuren des Mathematikers Adam Ries wandeln oder die Biografie Barbara Uthmanns entdecken. Die erfolgreiche Unternehmerin prägte über ein Jahrzehnt das Montanwesen vor Ort und war eine Pionierin des sozialen Unternehmertums – sie führte zum Beispiel Vergünstigungen für Arbeitnehmer*innen ein, ärztliche Behandlungen und den Sonntag als freien Tag. Ganz im Sinne der Bergbautradition können auch drei Bergwerke erkundet werden. Ein wichtiger Ort der Stadtgesellschaft ist zudem das Jugend- und Kulturzentrum Alte Brauerei Annaberg e.V., das auf Dialog und Begegnung setzt.

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Meilensteine der Zivil- gesellschaft

Tipps vor Ort und in der Region

Essen: Café und Bar Melodie – gemütliches Café mit Blick über den Marktplatz Vokü im Soziokulturellen Zentrum Alte Brauerei – jeden Donnerstagabend gibt es leckere vegetarische Gerichte für alle Übernachten: Mini-Hostel Soziokulturelles Zentrum Alte Brauerei, Geyersdorfer Straße 34, 09456 Annaberg-Buchholz Pension Pöhlbergblick, Alte Schlettauer Str. 50, 09456 Annaberg-Buchholz In der Nähe: 22 Kilometer: Der Zwönitz Miteinander e.V. setzt sich respektvoll und tolerant für ein Miteinander in demokratischer Vielfalt ein. Es werden Räume für Begegnungen, Ausstellungen und Veranstaltungen geschaffen. 26 Kilometer: Der Jugendverein Agenda alternativ e.V. leistet von Schwarzenberg aus politische Bildungsarbeit im Erzgebirge. Umgesetzt werden Events etwa im Naturschutzgebiet Zwönitzer Moosheide – wie das Festival Colour the Mountains, das ein Zeichen gegen rechte Meinungsmache setzen will. Außerdem werden Gedenkorte im Erzgebirge dokumentiert und Bildungsfahrten organisiert.

Alles, was Annaberg-Buchholz bunter macht, steht auf der Agenda des Lichtfabrik e.V. Seit 2008 beleben die Mitglieder mit dem Veranstaltungsort „Neues Konsulat“ die Stadt durch Lesungen, Konzerte und Film-vorführungen. Seit Frühjahr 2024 setzt die Initiative ihre Arbeit in einem kleinen „Wohnzimmer“ im Zentrum fort. Auch Kooperationen mit dem Atelier Gewölbe 8 entstehen dabei. Zudem setzt der Kunstkeller Annaberg e.V. Akzente. Er fördert zeit-genössische Kunst aus dem In- und Ausland durch Ausstellungen, Vorträge und Exkur-sionen. Für ihr kulturelles Engagement erhielten die Mitglieder 2023 den zweiten Platz beim Regionalpreis ERZgeBÜRGER. Als zentrale Kulturinstitution positioniert sich zudem die Erzgebirgische Theater- und Orchester GmbH im Winterstein-Theater nicht nur künstlerisch, sondern auch politisch – zur Demokratie, Weltoffenheit, Vielfalt und Toleranz. In einem öffentlichen Statement unterstreicht das Haus, sich gegen Rassismus und Antisemitismus sowie jede Form gruppen-bezogener Menschenfeindlichkeit einzusetzen.

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Fun Fact Der Ortsteil Bad Schlema ist seit über 100 Jahren für gesund-heitsfördernde, radioaktive Wässer bekannt. Die Quellen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg zum Ausgangs-punkt für die Suche nach Uran und begründeten während des Kalten Krieges eines der größten Uran-abbaugebiete weltweit.

So sieht Engagement vor Ort aus

Aue-Bad Schlema

Projektentwicklung, Mittelakquise und Öffentlichkeitsarbeit – das Kompetenzzentrum für Gemeinwesenarbeit und Engagement e.V. berät und ermutigt dazu, eigene Projekte umzusetzen. Denn das ist das Prinzip, dem sich der Verein verschrieben hat: Menschen soll dabei geholfen werden, zum Austausch zusammenzukommen. Außerdem werden Veranstaltungen realisiert, die der Verein selbst auf die Beine stellt. Es gibt einen Literaturkreis und Lesungen, aber auch Demonstrationen und Kundgebungen im Kontext von Demokratiearbeit sowie Gedenk-veranstaltungen. Eine Besonderheit ist der Offene Bürgertreff in Aue-Bad Schlema: Hier bekommen Engagierte wichtige Unterstützung beim Projekt- und Veranstaltungsmanagement – zum Beispiel zu Themen wie Moderation, Technik und Räume. Ideen können gemeinsam gesponnen werden und auch das nötige Kleingeld für Werbung ist vorhanden.

Das Erzgebirge steht seit gut 850 Jahren ganz im Zeichen der Bergbautradition. Und genau für dieses Erbe hat die UNESCO die Montanregion Erzgebirge 2019 mit dem „Welterbe“-Titel ausgezeichnet. Die Gemeinde Aue-Bad Schlema ist dabei, mit knapp 20 000 Menschen, die größte im Erzgebirgskreis – und heute besonders als Brücken- und Sportstadt bekannt. Sehenswert sind das Stadtmuseum und das Museum Uranbergbau. Wer sich vor Ort engagieren möchte, der findet vor allem einen Anlaufpunkt: das Kompetenzzentrum für Gemeinwesenarbeit und Engagement e.V. Es unterstützt dabei, regionale Träger, zivilgesellschaftliche Akteur*innen und Verwaltungen zu vernetzen und sie so bei ihrer Arbeit zu unterstützen.

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Meilensteine der Zivil- gesellschaft

Tipps vor Ort und in der Region

Essen: Gaststätte „Zum Füllort“ – rustikale Küche im Bergbau-Ambiente Lotters Wirtschaft – moderne erzgebirgische Küche und gute Steaks Übernachten: Hotel Blauer Engel, Altmarkt 1, 08280 Aue-Bad Schlema Ferienwohnung Am Floßgraben, Am Floßgraben 21, 08301 Bad Schlema Kiez Schneeberg, Am Filzteich 4a, 08289 Schneeberg In der Nähe: 6 Kilometer: Der Wildbacher Kunst- und Sagenwald ist ein Ort im Grünen, der mit allen Sinnen entdeckt werden kann. Spielerisch wird die Kultur- und Sagentradition des Erzgebirges erzählt. 7 Kilometer: Das Technische Museum Siebenschlehener Pochwerk ist eins der wichtigsten Denkmäler des Kobaltbergbaus. Vor Ort werden Produktionsabschnitte anschaulich erklärt. Der namensverwandte Kulturverein Trubel in der Poche e.V. holt die Geschichte in die heutige Zeit. Der Verein veranstaltet Projekte und Workshops – und einmal im Jahr das Trubel in der Poche Festival.

Das Bürgerhaus Aue ist ein sozialer Treffpunkt und ein Zentrum für Kinder-, Jugend- und Senior*innenarbeit, das abwechslungsreiche Angebote wie Workshops, Vorträge und kulturelle Veranstaltungen bietet. Die Einrichtung wird von verschiedenen lokalen Vereinen und Initiativen genutzt und ist Teil des Bundesprogramms „Mehrgenera-tionenhaus“. Ziel des dahinterstehenden Fördervereins Jugend-, Kultur- und Sozialzentrum Aue e. V. ist es, demokratische Prozesse zu stärken und zum Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen beizutragen. Für eine menschenrechtsorientierte Bildungs- und Sozialarbeit tritt vor Ort zudem Help e.V. ein. Die Angebote richten sich an Kinder- und Jugendliche mit Unterstützungsbedarf und Menschen mit Flucht- oder Migrations-geschichte. Für sie werden soziale Betreuung und Perspektivberatungen angeboten. Pro-jekte wie die Umzugshilfe oder der Second-Hand-Verkauf von Möbeln und Kinderkleidung zeigen, dass Zusammenhalt und Solidarität auf lokaler Ebene organisiert werden kann.

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Fun Fact Nur etwa fünf bis zehn Prozent der Einwohner und Einwohnerinnen Bautzens sind heute noch sorbischer Nationalität. Trotzdem ist die Stadt das kulturelle und politische Zentrum des slawischen Volkes.

So sieht Engagement vor Ort aus

Bautzen

Als soziokulturelles Zentrum für Begegnung sowie für kulturelle und politische Bildung vereint das Steinhaus neben vielen Ehrenamtlichen 21 fest-angestellte Fachkräfte unter seinem Dach. Sie ermöglichen ein kontinuierliches Angebot aus diversen kulturellen Veranstaltungen, mobiler Jugendarbeit in der Stadt, auf dem Land und an der Schule. Und sie unterstützen Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Zusätzlich haben die Engagierten mit dem Projekt „Gemeinsam in Bautzen – Zhromadnje w Budyšinje“ einen „Ort der Demokratie“ aufgebaut. Das Ziel: Menschen aus vier Stadtteilen, in denen es bisher kaum Begegnungsorte gab, in den Dialog zu bringen. Unter dem Label: „Happy Monday“ kommen jeden Montag Bürgerinnen und Bürger zusammen, um ihre eigenen Ideenkonferenzen, Nachbar-schaftstreffs und Stammtische zur Beteiligung im Viertel zu organisieren. Durch Kooperationen mit anderen Organisationen zeigt das Projekt außer-dem, wie vielfältig Bautzens Kulturlandschaft ist.

Bautzen, das bis 1868 noch offiziell Budissin hieß, gilt als die Stadt der Türme. 17 Stück ragen hier insgesamt in den Himmel. In der DDR entwickelte sich die Kreisstadt zu einer Wissenschafts- und Industriestadt. Großbetriebe wie „Alstom“, aber auch eine Fachhochschule für Maschinenbau und verschiedene wissenschaft-liche, sorbische Institute waren hier angesiedelt. Bis heute ist der binationale Flair in der Stadt zu spüren: Hier gibt es zahlreiche Schulen, Theater und kulturelle wie soziale Einrichtungen, die deutsches und sorbisches Programm anbieten. Ein Beispiel dafür ist das Steinhaus. Seit 1995 ist es unter der Leitung des Steinhaus e.V. ein zentraler Treffpunkt in der Stadt, an dem sich Menschen jeden Alters zusammenfinden, um ihre eigenen Ideen und Projekte zu verwirklichen.

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Meilensteine der Zivil- gesellschaft

Tipps vor Ort und in der Region

Essen: Bautzener Senfstube – der legendäre Bautz’ner Senf hat in Bautzen einen Stammsitz. Vor Ort dreht sich natürlich alles um Senf Kindercafé Valentin – hier gibt es nicht nur Bobbycars und Pyjamapartys, sondern sogar ein Bällebad für die Kleinsten Übernachten: Natur- und Abenteuercamping an der Talsperre Bautzen, Nimschützer Str. 41, 02625 Bautzen In der Nähe: 30 Kilometer: Die Gedenkstätte KZ-Außenlager Kamenz-Herrental wird vom gleichnamigen Förderverein seit dessen Gründung betrieben und gefördert. 37 Kilometer: Der kulturelle Begegnungsort Buntes Sebnitz e.V. betreibt seit vielen Jahren ein Vereinszentrum. Dort finden regelmäßig Spiele-abende, Kreativtreffs, Themenabende, Flohmärkte und Veranstaltungen kultureller Bildung statt.

Die Gedenkstätte Bautzen ist ein tragender Pfeiler für die Erinnerungskultur in Bautzen. Das ehemalige Stasi-Gefängnis besteht aus Bautzen I, auch bekannt als das „Gelbe Elend“, und Bautzen II. Im Nationalsozialismus, in der sowjetischen Besatzung und in der SED-Diktatur wurden hier politische Gegner inhaftiert und ausgeschaltet. In der jüngeren Geschichte geriet Bautzen aufgrund rechter Gewalt gegen geflüchtete Menschen in die Schlagzeilen. Doch genauso gibt es Bautzenerinnen und Bautzener, die sich für eine solidarische Willkommenskultur starkmachen: Willkommen in Bautzen e.V. hat sich 2015 aus dem Bündnis Bautzen bleibt Bunt gegründet. Seitdem bieten die ehrenamtlichen Mitglieder Sprachkurse und Beratungen an. Ein weiterer zivilgesellschaftlicher Akteur, der sich in Reaktion auf menschenfeindliche Positionen zusammengeschlossen hat, ist die Initiative Bautzen gemeinsam. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Bautzener Reden“ laden sie alle paar Wochen zu einem Input im Dom ein. Die übergeordnete Fragestellung lautet: „Wie wollen wir in diesem Land zusammenleben?“

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Fun Fact In dem weitgehend verwaisten Dorf Pödelwitz stehen uralte Bäume, die das Zuhause geschützter Arten geworden sind. Der Altbaum- bestand beheimatet etwa den streng geschützten Juchtenkäfer.

So sieht Engagement vor Ort aus

Wie zivilgesellschaftliches Engagement eine Zukunft jenseits fossiler Industrien gestalten kann, zeigt der Verein Pödelwitz hat Zukunft e.V. Die Mitglieder nutzen das ehemalige Pödelwitzer Feuerwehrhaus, was zugleich Bürgerhaus ist. Die freiwillige Feuer-wehr findet sich im Nachbarort Großstolpen zusammen, da Pödelwitz nur 35 Einwohner*innen zählt. Früher waren hier gut 130 Menschen gemeldet. Doch die riesigen Schaufelräder des Kohleförder-unternehmens Mibrag im Tagebau Vereinigtes Schleenhain hatten sich 2021 bis zum Rand von Pödelwitz vorgearbeitet. Zwischen 2015 und 2017 wurden die meisten Einwohnenden umgesiedelt, indem sie ihre Höfe an die Mibrag verkauften und in ein modernes Wohngebiet im benachbarten Groitzsch umzogen. Von den 40 Häusern in Pödelwitz sind 33 im Besitz der Mibrag – doch sie stehen seit mehr als neun Jahren leer und verfallen. Die Engagierten fordern: Demokratische Prozesse müssen beschleu-nigt werden, um die Häuser zu schützen und Wohnraum und Baudenkmäler zu erhalten.

Pödelwitz

Pödelwitz ist ein kleiner Ortsteil der Stadt Groitzsch. Das etwa 700 Jahre alte Bauerndorf in der Leipziger Tieflandsbucht sollte ursprünglich 2028/2029 dem Braunkohle-Tagebau Vereinigtes Schleenhain zum Opfer fallen. Dank des Engagements der Bewohner*innen blieb das Dorf jedoch bis heute erhalten. Der Widerstand der Menschen in Pödelwitz hat es zu einem Symbol des Strukturwandels und der Klimagerechtigkeit gemacht. Heute engagiert sich der Verein Pödelwitz hat Zukunft e.V. für eine nachhaltige und lebenswerte Dorfentwicklung. Projekte wie das „Essbare Dorf“ und die Wiederbelebung von Gemeinschaftsflächen schaffen neue Perspektiven.

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Meilensteine der Zivil- gesellschaft

Tipps vor Ort und in der Region

Essen: Gasthof Großpriesligk – rustikales Ambiente mit regionaler Küche und saisonalen Gerichten Café Neuseenmühle – gemütliches Café mit hausgemachten Kuchen und einer Terrasse mit Rundum-Blick Übernachten: Hotel & Restaurant Weisses Ross, Markt 10, 04539 Groitzsch In der Nähe: 15 Kilometer: In benachbarten Zwenkau erwartet einheimische Wanderfreunde und Gäste ein neuer Naturlehrpfad. 20 Kilometer: Mit kulturellen Veranstaltungen wie zum Beispiel Lesungen schafft der Bürgerbahnhof Plagwitz einen gemeinschaftlichen Treffpunkt für Demokratiearbeit.

Das Dorf Pödelwitz steht heute für nachhaltige und gemeinwohlorientierte Entwicklung. Projekte wie Blühwiesen zur Förderung der Biodiversität, Obstbaumalleen und Workshops zur Selbstversorgung zeigen neue Wege im Strukturwandel auf. Führungen durch das Dorf, Dorffeste und Rundgänge zu Gemeinschafts-gärten machen Pödelwitz zu einem lebendigen Ort des Austauschs. Hier wird deutlich, dass gemeinschaftliches Handeln Veränderungen bewirken kann. Mit einer Vision von sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit fördert der Verein Pödelwitz hat Zukunft e.V. Gemeinschaft und innovative Projekte – zum Beispiel das „Essbare Dorf“. Essbare Pflanzen, Gemein-schaftsgärten wie der Waldgarten an der Kirche und die Schmetterlingswiese mit Heilkräutern sind zentrale Elemente. Bis 2025/2026 soll zudem ein Wasserkonzept für Regenwassernutzung entstehen, um mehr Menschen für das „Essbare Dorf“ zu begeistern. Ein Besuch lohnt sich – beim Kuchen-Sonntag an wechselnden Plätzen im Dorf oder bei einem Filmabend über das widerständige Dorf.

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Fun Fact Unglaublich, aber wahr! In Leipzig gibt es mehr Brücken als in Venedig. 427 sind es insgesamt, also 27 mehr als in der Lagunenstadt.

So sieht Engagement vor Ort aus

Leipzig

In Leipzig gibt es zahlreiche zivilgesellschaftliche Initiativen, die sich auf verschiedene Weise für mehr Miteinander und Demokratiestärkung einsetzen. Doch ein ganz besonderes Angebot zum Austausch ist im Stadtteil Grünau zu finden. Egal, ob es um den neuesten Tratsch geht, persönliche Geschichten oder die große weltpolitische Lage – Frisiersalons sind Orte des Dialogs. Und genau dieses Konzept hat das Team des GRAND BEAUTY SALON / Interventionsbüro e.V. weiterentwickelt. Unter dem Motto „Let’s glow & grow together“ schafft der transkulturelle Salon einen Raum für intersektionales Lernen und das Erleben von Gemeinschaft. Hier kommen BEAUTY EXPERTS mit und ohne Zuwanderungsgeschichte zusammen und fördern Wohlgefühl und Selbstakzeptanz. Denn in einer Welt voller Anspannungen und Unsicherheiten kann Pflege eine Grundlage für innovative Demokratiebildung sein. Deshalb bringt das Team dieses Angebot auch zu Stadtfesten, Schulen und Konferenzen.

Leipzig ist die größte Stadt Sachsens und hat viele historische Rekorde aufgestellt. Zum Beispiel erschien hier 1650 die erste Tageszeitung im deutschsprachigen Raum. Der Buchdrucker und Buchhändler Timotheus Ritzsch brachte damals sechsmal die Woche die „Einkommenden Zeitungen“ mit vier Seiten pro Ausgabe heraus. Leipzig war auch Dreh- und Angelpunkt jener Zäsur, die später als ‚Friedliche Revolution‘ in die Geschichte einging. Montagsdemonstrationen und Kundgebungen zwischen 1989 und 1990, die sich in ganz Ostdeutschland ausbreiteten, mündeten schließlich in dem Mauerfall. Heute ist Leipzig ein pulsierendes Zentrum für Kultur, Literatur und Musik und dürfte vielen zum Beispiel wegen der Buchmesse bekannt sein.

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Meilensteine der Zivil- gesellschaft

Tipps vor Ort und in der Region

Essen: „Küche für alle“ im Japanischen Haus – hier wird gekocht und alle dürfen teilhaben, auch wenn Menschen gerade keine Spende übrig haben. Hier immer donnerstags und samstags; und immer freitags in der Autodidaktischen Initiative (ADI) Vleischerei – leckere vegane oder vegetarische Gerichte Café El Rojito – kleines, gemütliches Café mit solidarisch gehandeltem Kaffee Übernachten: HomePlanet Hostel, Bornaische Str. 50, 04277 Leipzig Inklusionshostel PHILIPPUS – mit Blindenleitsystem, Aufzug und breiten Fluren als barrierearmer Standard, Aurelienstraße 54, 04177 Leipzig In der Nähe: 16 Kilometer: Bei einer Führung durch die Lerchenbergmühle kann man bei der Getreideverarbeitung zuschauen und erhält Einblick in eine jahrtausendealte Tradition. Im dazugehörigen Hofladen und Café bietet sich beim Verzehr vegetarischer und veganer Speisen ein schöner Blick auf eine Wildblumenwiese.

Zivilgesellschaftlich wie auch subkulturell hat Leipzig viel zu bieten. Erwähnt werden sollen an dieser Stelle ein paar kleinere Initiativen. Das Japanische Haus e.V. verbindet internationalen Austausch mit lokalen Aktionen und Veranstaltungen. Unter anderem durch eine wöchentlich stattfindende „Küche für alle“ vermittelt der Verein japanische Kultur im Leipziger Osten. Einen Kilometer weiter befindet sich das selbstverwaltete Ladenprojekt Atari. Der betreibende Verein Ladenprojekt e.V. leistet basisdemokratische Jugend- und Kulturarbeit und veranstaltet Konzerte, Partys, Theater und Ausstellungen. Nur ein paar Straßen weiter bietet sich der Lene-Voigt-Park für einen Spaziergang an. In der Grünanlage finden zwischen Radwegen und Sport- und Spielplätzen immer wieder Flohmärkte statt. Im Westen der Stadt ist der RosaLinde Leipzig e.V. für queere Begegnung, Bildung und Beratung zu finden. Hier können queere Menschen psychosoziale Beratung, Workshops, Fortbildungsformate und Raum für Austausch in Anspruch nehmen.

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Fun Fact Rodewisch trägt als einzige Stadt Kegel in ihrem Wappen: Der „rote Wisch“ wurde einst als Ehrenpreis zur Kirmes ausgekegelt. Noch heute pflegen viele Vereine den Sport.

So sieht Engagement vor Ort aus

Das ROWI-Stadtbüro und das ROWI-Labor binden Menschen durch viele Angebote aktiv ins Gemeindeleben ein. Vor Ort können Bürger*innen nicht nur Formulare erledigen oder Müllsäcke abholen, sondern auch an kreativen Workshops teilnehmen – etwa zum Thema Collage oder gemeinsam Kochen. Außerdem gelingt es, sich vor Ort unkompliziert über kommunale Anliegen zu informieren. Mit Formaten wie dem „Speak Dating“ werden Einheimische und Deutschlernende spielerisch miteinander vernetzt und Mitmach-Aktionen wie Herbstmärkte, Exkursionen und Spieleabende runden das Programm für alle Altersgruppen ab. Eine Rodewischer Besonderheit: Es wird punktuell Sichtbarkeit für das Engagement der Bürger*innen geschaffen. Beispielsweise mit einer einmaligen Porträtausstellung in der Innenstadt, bei der die Geschichten von 29 engagierten Menschen in verschiedenen Schaufenstern erzählt wurden.

Rodewisch

Rodewisch liegt im malerischen Göltzschtal und verbindet auf eindrucksvolle Weise Tradition mit Innovation. Die Stadt beeindruckt mit historischen Wahrzeichen wie der Sternwarte „Sigmund Jähn“ und der Schloßinsel. Dort befinden sich ein kleines Renaissance-Schlösschen und das sogenannte Feste Hus, womit die Überreste einer mittelalterlichen Wasserburg gemeint sind. Gleichzeitig prägt die Stadt ihr vorbildliches Engagement für demokratische Werte und eine bürgernahe Politik. Denn: Mit dem ROWI-Stadtbüro und dem ROWI-Labor wurden gemeinschaftliche Orte geschaffen, an denen Bürger*innen Informationen erhalten, sich austauschen und aktiv mitgestalten können.

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Meilensteine der Zivil- gesellschaft

Tipps vor Ort und in der Region

Essen: Carlis Kaffeerösterei – frisch gemahlenen Kaffee und ein leckeres Frühstücksangebot bietet das Inklusionsprojekt Gasthaus Trollschänke – norwegische Küche mitten im Wald und nah am Herzen Genuss im Fachwerk – regionale Spezialitäten vor malerischer Kulisse im Stadtzentrum Übernachten: Hotel Garni, Dr.-Goerdeler-Str. 4, 08228 Rodewisch Steampunk Hotel, Dr.-Sigmund-Jähn-Straße 8, 08262 Muldenhammer In der Nähe: 13 Kilometer: Die Kulturfabrik Auerbach/Vogtland mit Indoor-Spielplatz, Billard und Begegnungsräumen ist eine Anlaufstelle für Bürger*innen, die mit vielfältigen Veranstaltungen den Austausch und die Teilhabe fördert. Auch der Treffpunkt Kulturfabrik funktioniert vor Ort als offener Begegnungsraum, der Menschen einlädt, mitzugestalten. 15 Kilometer: Mit Projekten und Veranstaltungen tritt das Zwickauer Demokratie Bündnis dafür ein, das demokratische Bewusstsein zu stärken. Bürgerinnen und Bürger werden aktiviert, ihr Umfeld als Gestaltungsraum zu verstehen.

Rodewisch zeigt, wie Demokratie lokal aktiv gestaltet wird. Im Jahr 2024 wurde die Stadt als „Kommune der Demokratie“ ausgezeichnet – mit dem Preis wird Engagement geehrt, das politische Prozesse zugänglich und bürgernah gestaltet. Mit Formaten wie dem Bürgerbudget können Menschen in Rodewisch zudem eigene Projektideen einreichen und über deren Umsetzung abstimmen. Diese Möglichkeit fördert direkte Demokratie, das Gefühl von Selbstwirksamkeit und stärkt den Gemeinsinn. Der Göltzschtal-Treff der Diakonie Auerbach vernetzt darüber hinaus Einheimische und Geflüchtete und schafft so einen Raum für Integration. Auch ein großes Vorhaben führt Bürger*innen zur Mitgestaltung zusammen: 2029 richtet Rodewisch gemein mit Auerbach/Vogtland die Sächsische Landesgartenschau aus. Das Projekt fördert den interkommunalen Austausch.

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Fun Fact Eine einzigartige Dorf-Initiative ist das Projekt "MITMACHherwigsdorf". Seit 2021 werden hier vielfältige Beteiligungsprojekte von Enkel bis Oma initiiert. Allein 2024 hat es vier Preise für Mitmachprojekte eingeheimst und wächst stetig weiter.

So sieht Engagement vor Ort aus

Mittel-herwigsdorf

Im Gründerzeithaus der Kulturfabrik Meda, wo auch eine Gemeinschaft lebt, ist Platz für ein Kino und eine gemütliche Mitmach-Kneipe. Zudem gibt es einen Coworking-Space, einen Garten – und Raum für Begegnungen. Als Knotenpunkt der Bürgerregion Lausitz beteiligen sich die Engagierten am Struktur-wandel mit Kunst-, Kultur- und Bildungsprojekten und fördern den respektvollen Austausch, zum Beispiel über (Film-)Kunst, Utopien oder verschiedene Lebensentwürfe. Der gleichnamige hier aktive Verein versteht sich als kritische und ermutigende Stimme im gesellschaftlichen Diskurs. Das Team ermuntert mit Offenheit und Empathie, Fähigkeiten und Themen einzubringen. Da Dorfkneipen lange Zeit zentrale Orte des sozialen Austauschs waren, haben die Engagierten die alten Fabrikräume umgebaut und als gemeinsam betriebene Kino- und Dorfkneipe wiedereröffnet. Als Treffpunkt, mit diversen Stammtischen, „Sofa-gesprächen“, für Vereinstreffen und als Feier-Location hat die Kneipe inzwischen einen guten Ruf – auch über die Dorfgrenzen hinaus.

Im Dreiländereck Deutschland-Polen-Tschechien liegt Mittelherwigsdorf – nur 20 Fahrminuten sind es vom Ortsinneren bis zur Grenze. Die kleine Gemeinde beeindruckt Besuchende vor allem landschaftlich und kulturell. Zu wunderschönen Spaziergängen laden das Mandauufer und das Roschertal ein, aber vor allem die weitläufigen Wiesen von Spitz- und Scheibeberg, von denen man tolle Ausblicke aufs Lausitzer und Isergebirge hat. Außerdem gibt es einen Barfußpfad. Wer hingegen nach Tanz, Musik und Theater sucht, wird bei den vielen Vereinen fündig, die die kulturelle Vielfalt vor Ort prägen. Ein Höhepunkt im Kulturkalender ist die jährliche Dorfkirmes. Wichtige Mitgestalterin des Dorflebens ist auch die Kulturfabrik Meda. Die Frage, die sich das Team seit der Gründung in den Neunzigerjahren stellt: Wie kann gemeinsam gestaltetes, gutes Leben gelingen?

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Meilensteine der Zivil- gesellschaft

Tipps vor Ort und in der Region

Essen: Gütchen – traditioneller Dorfgasthof in Mittelherwigsdorf Alte Bäckerei in Großhennersdorf – Landcafé mit Kino, Konzerten, Lesungen, Kleinkunst Varnsdorfer Brauerei Kocour – Traditionell gebrautes Bier in der Böhmischen Schweiz Übernachten: Gästewohnungen und -zimmer in der Kulturfabrik Meda Mittelherwigsdorf, Hainewalder Str. 35, 02763 Mittelherwigsdorf In der Nähe: 6 Kilometer: Die Hillersche Villa in Zittau ist ein Ort der Begegnung und Vernetzung. Veranstaltungen schulen soziale und interkulturelle Kompetenzen und schaffen ein breites Kulturangebot. 8 Kilometer: Das Begegnungszentrum Großhennersdorf ist ein Ort für Veranstaltungen, theaterpädagogische Werkstätten, Jugendbegegnungen und mehr. 10 Kilometer: Die Umweltbibliothek Großhennersdorf beherbergt eine geisteswissenschaftliche Bibliothek mit osteuropäischem Schwerpunkt und eines von drei Archiven der Bürgerbewegung in Sachsen.

In Projekten kultureller, künstlerischer Bildung lernen Menschen Teamarbeit, Toleranz und den respektvollen Umgang mit verschiedenen Meinungen. Denn: Gemeinsames Kreativwerden stärkt das Bewusstsein für Mitbestimmung und Vielfalt. Neben der Kulturfabrik Meda zeigt das ein Zirkusprojekt an der Grundschule genauso wie verschiedene Begegnungsangebote der Kirchgemeinde Mittelherwigsdorf – etwa ein monatlicher Generationentreff und das Format „Offener Hof“, wo der Austausch mit geflüchteten Menschen ermöglicht wird. Der Heimatverein Eckartsberg e.V. eröffnete zudem 2009 ein Dorfmuseum in einem dem Verfall geweihten Vierseithof. Dort wird nicht nur Ortsgeschichte vermittelt, sondern im großen Hof auch ein Ort des Miteinanders geöffnet. Ein besonderes Projekt hat außerdem der Förder- und Historikverein der Feuerwehr Eckartsberg/ Radgendorf e.V. ins Leben gerufen. Das älteste Fachwerkhaus in Eckartsberg – die „Alte Lotte" – wurde liebevoll restauriert und als Dorfgemeinschaftszentrum wiederbelebt.

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Fun Fact Die Lausitzer Neiße fließt entlang der Gemeinde Krauschwitz. Strom-aufwärts liegen mehrere kleine Ortsteile, und auf rund 21 Kilometern kann durch die Naturidylle gewandert werden.

So sieht Engagement vor Ort aus

Die Gemeinde setzt besonders darauf, Menschen, die sich engagieren wollen, in ihren Ideen und Vorhaben zu unterstützen. Im Fokus stehen dabei Jugendarbeit und Transparenz. Die Anstrengungen, um den jungen Menschen im Ort beispielsweise einen Jugendclub zur Verfügung zu stellen, haben gefruchtet – und das Verhältnis zwischen Jugend und Gemeinde aufgefrischt. In der jüngsten Vergangenheit sind mehrere junge Menschen in die Freiwillige Feuerwehr eingetreten, wohl auch, weil sie ihrem Ort etwas zurückgeben wollen. Und die regelmäßigen Dialogveranstaltungen mit Bürgerinnen und Bürgern, bei denen klar kommuniziert wird, was die Verwaltung vorhat, werden immer besser angenommen. Mitten im Ort, im Gebäude des Sportvereins Stahl Krauschwitz, haben gleich mehrere Vereine ein Zuhause gefunden. Künftig soll es dort auch eine Schraubwerkstatt geben – mit Mopedhebebühne, Werkzeugrollwagen und Spezialwerkzeugen.

Krauschwitz

Krauschwitz ist ein kleiner Ort in der Oberlausitz – und die zweitöstlichste Gemeinde in Deutschland. Der Strukturwandel ist hier deutlich spürbar und vor allem der demografische Wandel macht der Region zu schaffen. Auf der einen Seite steigt die Überalterung, auf der anderen Seite ziehen junge Menschen weg. Dennoch ist Resignation für die Menschen vor Ort keine Option: Die Gemeinde – das heißt Engagierte und kommunale Verwaltung – ist entschlossen, die Beteiligung an demokratischen Prozessen zu stärken und so einen lebenswerten Ort zu schaffen, der zum Bleiben einlädt. Selbstwirksamkeit, Nähe und Miteinander zwischen Generationen sollen in Krauschwitz zu einem echten Alleinstellungsmerkmal werden.

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Meilensteine der Zivil- gesellschaft

Tipps vor Ort und in der Region

Essen: Restaurant „Grüner Fürst“ – hier gibt es wöchentliche Pückler-Eis-Verkostungen und ein Pückler-Menü. Auch vegane Hauptspeisen stehen auf der Karte. Übernachten: Hostel „Zur Muskauer Heide", Kaupener Straße 7A , 02957 Weißkeißel In der Nähe: 5 Kilometer: In Bad Muskau kann man durch den Fürst-Pückler-Park entlang des Schlosses Bad Muskau spazieren. Der Landschaftspark in der Oberlausitz ist mit einer Fläche von 830 Hektar der größte Landschaftspark Zentraleuropas im englischen Stil. Auf dem Gelände stehen viele imposante Baumriesen, darunter bis zu 800 Jahre alte Eichen. 11 Kilometer: Die Rakotzbrücke, auch bekannt als „Teufelsbrücke“, ist ein besonderes Beispiel für die Landschaftsarchitektur des 19. Jahrhunderts und befindet sich im Azaleen- und Rhododendronpark Kromlau. Im Film „Der Zauberlehrling“ und „Matrix Resurrections“ ist diese Brücke als Kulisse zu sehen.

Zu den großen Themen der Gemeinde Krauschwitz zählen unter anderem der Ausbau der Infrastruktur und die Digitalisierung. Vor allem aber geht es den kommunalen Entscheidungsträger*innen auch um das Klima im Miteinander, um Teilhabe und Identifikation mit dem Ort. Deshalb wird aktiv etwas für die verschiedenen Generationen getan. Aus einer alten, baufälligen Kantine einer Eisengießerei wird beispielsweise ein Treff für die Jugend, der aber auch ältere Semester ansprechen und einladen soll. Begegnungsorte wie dieser, aber auch das Vereinshaus des Sportvereins oder die Schraubwerkstatt sollen die Kommunikation auf Augenhöhe fördern, damit Menschen vor Ort motiviert werden, sich ins Gemeinwesen einzubringen. Um den Einsatz der Zivilgesellschaft entsprechend anzuerkennen, wurde zudem ein Preis für ehrenamtliches Engagement ins Leben gerufen. In fünf Kategorien – unter anderem zum Thema soziales Engagement – wird die Beteiligung der Bürger*innen dabei öffentlich wertgeschätzt.

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Fun Fact Das Schloss Wolkenburg wurde im 12. Jahrhundert erbaut und thront über dem Muldental. Mit einer der ältesten sächsischen Parkanlagen zählt es zu den beeindruckendsten Schlössern der Region.

So sieht Engagement vor Ort aus

Limbach-Oberfrohna

Die Mitglieder des Soziale & politische Bildungsvereinigung Limbach-Oberfrohna e.V. haben vor Ort die Erfahrung gemacht, dass demokratisches Engagement manchmal Durchhalten bedeutet. Seit 15 Jahren ist das Team in Limbach-Oberfrohna aktiv und trotzt den oft widrigen Bedingungen in der ostdeutschen Provinz. Sie erleben ständige Bedrohung und Gewalt – selbst einen Brandanschlag auf das Vereinsdomizil. Dennoch ist die Motivation ungebrochen. Genau hier legt der „Ort der Demokratie“ deshalb einen Schwerpunkt auf Netzwerkbildung, damit Engagierte nicht das Gefühl haben, allein gegen Windmühlen zu kämpfen. Und es geht darum, möglichst alle Menschen und Initiativen einzubeziehen, ihren Perspektiven Raum zu geben und auch einen solidarischen Umgang als Stadtgesellschaft zu entwickeln. An drei Standorten werden deshalb Orte des Austauschs betrieben, damit Gruppen, die bisher kaum miteinander kommunizieren, in Kontakt kommen.

Dass Limbach-Oberfrohna durch eine starke Industriegeschichte geprägt wurde, ist offenkundig: Im 19. Jahrhundert blühte hier die Strumpfwirkerei auf – und der Ort entwickelte sich vom Dorf zum florierenden Wirtschaftsstandort. Davon erzählen noch heute viele Siedlungen und Fabrikgebäude. Besonders die Esche-Fabrik, heute ein Museum. In dieser wurden ab 1853 feinste Strumpfwaren und Handschuhe hergestellt. Diese Ortsgeschichte wird unter anderem auf dem Stadtlehrpfad erzählt, zudem bieten sich zum Entspannen entlang des Muldewegs Rad- und Wandertouren an. Dass in Limbach-Oberfrohna auch Platz für Neues ist, ist dem Engagement der Zivilgesellschaft zu verdanken. Etwa dem Verein Soziale & politische Bildungsvereinigung Limbach-Oberfrohna e.V.

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Meilensteine der Zivil- gesellschaft

Tipps vor Ort und in der Region

Essen: Jugendtreff Doro und Infoladen La Bombonera – jeden Mittwoch ab 18 Uhr gibt es im Infoladen eine Küche für alle. Wer nach einem Konzertraum sucht ist dagegen in der Doro an der richtigen Stelle. Übernachten: Eine umfassende Übersicht zu Übernachtungs-möglichkeiten vor Ort gibt es hier. In der Nähe: 22 Kilometer: Das Café Taktlos in Glauchau ist ein selbstverwalteter Jugendtreff im Jugendhaus H2. Monatlich finden hier Konzerte statt, in deren Organisation sich Interessierte jederzeit einbringen können. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, Proberäume zu mieten oder die Bücherei zu nutzen. 33 Kilometer: Im alternativen Kultur- und Veranstaltungszentrum Barrikade in Zwickau werden seit 2015 Freiräume für Kunst, Kultur und Musik geschaffen. Das Projekt entstand aus dem Wunsch junger Menschen nach einem selbstverwalteten Raum, nachdem frühere Versuche in der Stadt gescheitert waren. Einem ähnlichen Ziel verschreibt sich das Vendetta Rosso in Zwickau. Das alternative Kulturzentrum wird von Roter Baum e.V. betrieben und dient als ein Treffpunkt für Jugend- und Subkultur.

Im selbstverwalteten Jugendtreff Doro, der zeitgleich Sitz des Vereins Soziale & politische Bildungsvereinigung Limbach-Oberfrohna e.V. ist, finden Konzerte, Workshops und Lesungen statt. Wer gemeinsam aktiv werden möchte und einen Zugang zur Natur und nachhaltigen Lebensmitteln sucht, wird im Gemeinschafts-garten fündig. Mit dem Begegnungsort „Eckpunkt“ soll zudem Menschen ein Raum geboten werden, um zusammenzukommen, sich auszutauschen und zu vernetzen. Dabei ist besonders wichtig, dass hier verschiedene demokratische Gruppen, Initiativen und Einzelpersonen ihre Ideen einbringen können und den Bürgertreff mit Leben füllen. Eine weitere wichtige Anlaufstelle zivilgesell-schaftlichen Engagements ist der Infoladen La Bombonera, wo kleine Events wie Vorträge und regelmäßig auch eine Küche für alle öffnet – jeden Mittwoch um 18 Uhr. Der Infoladen dient zudem als Vereinssitz für die Soziale & Politische Bildungsvereinigung Limbach-Oberfrohna e. V.

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Fun Fact Der Architekt der Berliner Philharmonie – Hans Scharoun – hat auch in Löbau ein besonderes Bauwerk geschaffen: Die Villa Schminke gilt als eins der wichtigsten Wohn-häuser der Klassischen Moderne.

So sieht Engagement vor Ort aus

Löbau

Der Name des Vereins LÖBAULEBT ist Feststellung und Hoffnung zugleich: Löbau soll sein Potenzial entfalten und attraktiv sein für die, die noch hier leben – ebenso wie für jene, die in den vergangenen Jahren bereits weggezogen sind. Es geht den Vereinsmitgliedern darum, Löbau lebendig zu gestalten, das Stadtbild zu verschönern und kulturelle Lücken zu schließen. Denn: All das kann helfen, Menschen im Ort zu halten. Die Initiative ist seit den Anfängen im Jahr 2015 zu einem Ort des Zusammenkommens gewachsen – mit einem vielfältigen Veranstaltungsprogramm und einer steigenden Zahl an Mitgliedern. Ein besonderes Projekt und „Ort der Demokratie“ ist dabei das Makerspace „Geistesblitz", das sich vor allem für Kinder und Jugendliche richtet. In der offenen Werkstatt können sich Interessierte kostenlos im 3D-Druck, Techniken wie Laserschneiden, Programmieren, Elektrotechnik und Kunststoff-recycling ausprobieren. Das Motto des Kreativ-raums: Wenn wir das können, schafft es jeder.

In Löbau sind gleich zwei ikonische Bauwerke zu finden: Weithin sichtbar ragt auf dem Löbauer Berg der König-Friedrich-August-Turm mit seinen filigran gestalteten gusseisernen Elementen empor. Es ist der einzige seiner Art in Europa und definitiv einen Ausflug wert – auch weil man in 28 Metern Höhe einen wunderbaren Blick auf das Oberlausitzer Städtchen hat. Ein anderes markantes Gebäude steht zudem westlich des Zentrums. Hier beauftragte ein deutscher Nudelfabrikant 1930 den Architekten Hans Scharoun mit dem Bau eines Wohnhauses, das heute als „Nudeldampfer“ bekannt ist – es erinnert an ein Schiff. Prägend für das Stadtbild sind auch Angebote, die von den vielen Engagierten vor Ort ausgehen. Zum Beispiel vom Verein LÖBAULEBT e.V.

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Meilensteine der Zivil- gesellschaft

Tipps vor Ort und in der Region

Essen: Restaurant Bone’Ma – der Geschmack des Nahen Ostens im Herzen von Löbau Restaurant Häus’l am Berg – traditionelle Küche am Löbauer Berg. Tipp: Reservieren lohnt sich, da wenige Sitzplätze Übernachten: Vom Hotel über Ferienwohnung bis hin zum Campingplatz – eine Übersicht über unterschiedliche Übernachtungsangebote vor Ort gibt es hier. In der Nähe: 31 Kilometer: Der Augen auf e.V. in Zittau ist eine engagierte zivilgesellschaftliche Initiative, die sich seit über 20 Jahren aktiv gegen Rechtsextremismus und für Demokratie in der Region Oberlausitz einsetzt. Organisiert werden Kulturfestivals und anti-rassistische Sportprojekte, darunter das „Fußball grenzenlos“-Turnier, an dem auch Teams aus Polen und Tschechien teilnehmen. Zudem organisiert der Verein Veranstaltungen, Konzerte und Ausstellungen, die ein breites Publikum für demokratische Werte sensibilisieren sollen.

Was individuelle Kreativität mit Demokratie-bildung zu tun hat, zeigt das Makerspace „Geistesblitz“ anschaulich. Hier können Menschen Werkzeuge und Technologien nutzen, um eigene Projekte umzusetzen – unabhängig von Vorwissen oder finanziellen Ressourcen. Auf diesem Weg fördert das Makerspace die Teilhabe und stärkt die Selbstwirksamkeit. Mehr Beteiligung hat der LÖBAULEBT e.V. auch auf andere Weise angeregt: Vor vielen Jahren wurden hier Jugendforen ins Leben gerufen – mit dem Ziel, durch gemeinschaftliche Diskussionen und Workshops Vorschläge für die Stadtentwicklung zu erarbeiten und das Miteinander zwischen den Generationen zu stärken. Daran anknüpfend entschied die Stadt 2021, sich am Hertie-Programm „Jugend entscheidet“ zu beteiligen, um Ideen junger Menschen auch umzusetzen. An die lokale NS-Geschichte vor Ort erinnert ein Haus am Prome-nadenring. Hier wurde 1933/1934 ein frühes Konzentrationslager für politische Gefangene eingerichtet. An die Geschichte vom „Braunen Haus“ erinnert unter anderem das Alternative Kultur- und Bildungszentrum – AKuBiZ e.V. aus Pirna.

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Fun Fact Augustusburg ist Heimat des Kurfürstin-Anna-Gartens. Hier sind Kräuter zu finden, die Anna von Sachsen schon vor über 400 Jahren verwendete.

So sieht Engagement vor Ort aus

Augustus-burg

Der Verein „Auf weiter Flur“ ist dabei vor allem in den Bereichen Kunst, Kultur, Bildung und Digitalisierung im ländlichen Raum tätig. Die Engagierten haben das historische Festspielhaus „Lehngericht“ am Marktplatz in einen lebendigen Raum für Gemeinschaft und Austausch verwandelt. Dort betreiben sie eine Textil-, eine Holz- und eine Digitalwerkstatt. Zudem wird in einer großen Gemeinschaftsküche regelmäßig zum selbst Kochen eingeladen; im Mitmach-Garten können Interessierte außerdem ihre eigenen Beete anlegen und pflegen. Mit partizipativen und kulturellen Angeboten stellt sich das Team zentralen Problemen vor Ort entgegen – zum Beispiel dem demografischen Wandel und Leerstand. Unter dem Motto „Makern statt Meckern!“ haben sie das Lehngericht in einen „Ort der Demokratie“ verwandelt. Hier treffen lokale Politik, Verwaltung und Bürger*innen aufeinander. In Gesprächsrunden, Stammtischen und Veranstaltungen werden Probleme diskutiert und Lösungen gefunden.

Der Garten gehört zum namensgebenden Renaissanceschloss Augustusburg, das auf dem exponierten Schellenberg über den Ort wacht. Mit seiner imposanten Lage gilt das ehemalige Jagdschloss sächsischer Kurfürsten als „Krone des Erzgebirges“. Das sonstige historische Stadtbild ist von steilen Anstiegen und Kopfsteinpflaster geprägt, eine Drahtseilbahn gleitet durch die Straßen bis ins nächste Dorf. Beim sogenannten Drahtseilbahnlauf haben sich von 2006 bis 2019 jährlich Menschen einen Wettkampf mit der Maschine geliefert. Und auch wenn der Lauf seitdem nicht mehr stattfindet, hat Augustusburg kulturell noch viel mehr zu bieten. Das beste Beispiel dafür ist der Verein „Auf weiter Flur“, der sich für Bürgerbeteiligung einsetzt.

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Meilensteine der Zivil- gesellschaft

Tipps vor Ort und in der Region

Essen: Bring & Share – Die Gemeinschaftsküche des „Lehngerichts“ steht allen offen, die Lust haben, für sich und andere zu kochen. Regionale Produkte gibt es beispielsweise in der Markthalle direkt nebenan zu kaufen. Restaurant Baronka – nettes tschechisches Restaurant mit traditioneller Karte. Restaurant „Zum Schloßberg“ – Gasthaus mit gutbürgerlicher Küche. Übernachten: Lehngericht-Appartement, Markt 14, 09573 Augustusburg Jugendherberge, Schloß, 09573 Augustusburg In der Nähe: 17 Kilometer: Chemnitz ist die drittgrößte Stadt in Sachsen und ab Januar 2025 ist sie die aktuelle Kulturhauptstadt Europas unter dem Motto „C THE UNSEEN“. 30 Kilometer: Die Stadt Freiberg ist Heimat der 1765 gegründeten Bergakademie Freiberg, der ältesten noch bestehenden technisch-montanwissenschaft-lichen Universität der Welt. Ein Besuch der Silberstadt lohnt sich zudem wegen des historischen Stadtkerns, der vollständig unter Denkmalschutz steht.

Ein Aspekt zivilgesellschaftlichen Engagements dreht sich in Augustusburg um Natur- und Artenschutz. Der Naturlehrpfad Augustusburg /Erdmannsdorf wurde von verschiedenen Akteuren in den Neunzigerjahren neu angelegt. Er befindet sich in einem 3650 Hektar großen Landschaftsschutzgebiet. Hier machen 26 Infotafeln entlang des Weges auf die in diesem Gebiet lebenden Tiere und Pflanzen sowie forstliche Probleme aufmerksam. Im Röstcafé Augustusburg gibt es zudem nicht nur alles, was das Kaffeeherz höher schlagen lässt. Die Besitzerin und ihr Team organisieren seit 2016 auch Konzerte, Lesungen und Ausstellungen. Auf ihrem Blog macht sie darauf aufmerksam, wie gute Unterstützung etwa von Menschen in Nepal aussehen kann. Ein weiteres Projekt, initiiert vom Verein „Auf weiter Flur“, zeugt von der Kreativität der Augsburger Zivilgesellschaft: Im Laden- experiment können Geschäftsideen erprobt werden. Acht Wochen lang haben die Betreiber*innen die Chance, mietkostenfrei Produkte zu verkaufen oder künstlerische und soziale Angebote zu machen.

Do's ...

Zuhören und Fakten einbringen: Wenn du mit Stammtischparolen oder rechten Äußerungen konfrontiert wirst, versuche ruhig zu bleiben. Höre zu, stelle Fragen und widerlege Aussagen mit Fakten. Versuche, Vorurteile zu hinterfragen. Argumentations-trainings gegen rechts bieten in Sachsen unter anderem Vereine wie das Netzwerk Demokratie und Courage oder das Kulturbüro Sachsen an.

Sticker und Propaganda melden oder entfernen: Wenn du Sticker, Plakate oder Graffiti mit rechten Botschaften siehst oder solche von rechtsextremen Kleinstparteien, wie etwa den Freien Sachsen, entferne sie oder dokumentiere sie und melde sie an lokale Initiativen wie etwa den Verein chronic.LE

Digitalen Raum überwachen: Melde rechtsextreme Inhalte oder Propaganda, die du online siehst, an Plattformbetreiber oder Netzwerke, die sich für eine sichere digitale Umgebung einsetzen. Das kann beispielsweise die Initiative HateAid sein. Die Amadeu Antonio Stiftung listet zudem verschiedene Meldestellen.

Bildung fördern: Unterstütze oder organisiere Bildungsangebote wie Workshops zu Demokratie, Toleranz und Menschenrechten in deinem unmittelbaren lokalen Umfeld. Diese können in Schulen, Gemeindezentren oder Jugendclubs stattfinden.

Netzwerke stärken, die positive Narrative setzen: Engagiere dich in oder für bestehende zivilgesellschaftliche Organisationen, Vereine oder Initiativen – indem du deine Zeit einbringst oder finanziell unterstützt. Angebote, die zeigen, wie Vielfalt und Solidarität vor Ort gelebt werden können, brauchen deinen Support.

Informative Materialien teilen: Verbreite gut recherchierte Informationen über rechtsextreme Strategien und Rhetorik, damit mehr Menschen sensibilisiert werden und Gegenstrategien entwickeln können.

Zivilcourage üben: Wenn du Zeug*in einer rassistischen oder diskriminierenden Situation wirst, zeige Zivilcourage, indem du einschreitest (ohne dich selbst in Gefahr zu bringen), die betroffene Person unterstützt oder Hilfe holst.

Dialog statt Konfrontation: Suche das Gespräch mit Menschen, die unsicher oder uninformiert sind, statt sie anzugreifen. Aufklärung kann helfen, Vorurteile abzubauen.

... and Don'ts.

Sich isolieren: Geh nicht davon aus, dass du allein etwas bewegen musst. Vernetze dich mit anderen Gleichgesinnten in der Region.

Allein agieren bei Gefahr: Konfrontiere keine Gruppen oder vor Ort bekannte rechte Kräfte allein. Sicherheit hat Vorrang. Informiere stattdessen Organisationen, die darauf spezialisiert sind oder die Polizei.

Sich provozieren lassen und den Rückhalt vergessen: Vernachlässige nicht deine eigene mentale Gesundheit und dein Netzwerk. Dein Engagement für demokratische Werte kann belastend sein. Sorge also für ausreichend Erholung und Austausch mit Gleichgesinnten.

Verurteilend oder aggressiv reagieren: Wenn du mit Menschen sprichst, die möglicherweise rechte Ansichten oder Stammtischparolen vertreten, vermeide es, sie direkt anzugreifen oder zu beschuldigen. Denn das führt oft zu Abwehrhaltungen. Auch impulsives, aggressives Auftreten kann dazu führen, dass Situationen eskalieren und bedrohlich werden. Oft sind Äußerungen rechter Kräfte darauf aus, zu provozieren. Bleib also möglichst ruhig und sachlich, auch wenn die Aussagen verletzend sind.

Ignorieren von Symbolik: Übersieh nicht die Bedeutung von rechtsextremen Symbolen oder Codes in deiner Umgebung. Sie zu tolerieren, kann andere einschüchtern.

Das Förderprogramm "Orte der Demokratie" 2022 bis 2024 wurde wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Hier können sie die Ergebnisse nachlesen.

Abschlussbericht Förderprogramm

Impressum

Netzwerk für Demokratische Kultur e.V. Domplatz 5 04808 Wurzen Kontakt: Telefon 03425 8527-10 Telefax 03425 8527-09 E-Mail: team@ndk-wurzen.de Vetreten durch: Martina Glass (Geschäftsführung) Vereinsregister Nummer 20753 Amtsgericht Leipzig

Diese Maßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes.