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Orte der Demokratie

Rederei/Lila2

Created on September 4, 2024

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Orte der Demokratie

Wie sieht gute Praxis aus?

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Grußwort

Auf die Frage, was bei einem „Ort der Demokratie“ am Anfang steht, dürfte es so viele unterschiedliche Antworten wie Orte geben. Es kann eine Idee sein, ein gemeinsamer Gedankenaustausch oder der Impuls, vor Ort etwas zu bewegen. Das Förderprogramm selbst startete im Januar 2022 mit 13 solcher Initiativen lokaler Projektträger – für alle Beteiligten ein Wagnis, das zu unserer großen Freude aufgegangen ist. Inzwischen haben sich die „Orte der Demokratie“ etabliert. Sie haben Begegnungsräume geschaffen, in denen sich Menschen über die Zukunft des Gemeinwesens austauschen und diese Zukunft auch gemeinsam gestalten. Dabei ermöglichen alltägliche, inklusive und niedrigschwellige Angebote und Formate verschiedenen Bevölkerungs-gruppen die Teilhabe. Sie alle werden mit professioneller Unterstüt-zung in die Lage versetzt, sich zu engagieren, Ideen zu entwickeln und diese in demokratischen Aushandlungsprozessen in die Tat umzusetzen. Diese Erfahrung von Selbstwirksamkeit ist in einer Demokratie jedem Menschen zu wünschen. Ich bin mir sicher, dass die vorliegende Broschüre auch bei Ihnen das Interesse weckt, die „Orte der Demokratie“ aus der Nähe kennenzu-lernen und sich einzubringen. Zugleich hoffe ich, dass dieser Praxis-leitfaden, der Erfahrungen, Wissen und Prozesse aus der Projektarbeit des Förderprogramms bündelt, diejenigen in ihrem Engagement unter-stützen wird, die selbst gerade am Anfang eines neuen Projekts stehen. Katja Meier, Staatsministerin der Justiz und für Demokratie, Europa und Gleichstellung

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Inhaltsverzeichnis

Programm „Orte der Demokratie“ Das sind die geförderten Projekte Zahlen und Fakten Begleitforschung: Einführung Annaberg-Buchholz: Tresen, Titel, Temperamente Aue-Bad Schlema: Die Demokratiewerkstatt Augustusburg: Makern statt Meckern Begleitforschung: Ausgangsbedingungen Bautzen: Gemeinsam in Bautzen Döbeln: WerkStadt Ebersbach-Neugersdorf: Miteinander wiederfinden Begleitforschung: Freiheit und Solidarität Glauchau: Kulturhaus „Klackx“ Grimma: Die Spitzen-Demokratie-Fabrik Hoyerswerda: Offene Werkstatt der Demokratie Praxisleitfaden für den Projektstart

5 6 7 8 9 11 13 15 17 19 21 23 25 27 29 31

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Inhaltsverzeichnis

Königstein: Aufwind für Königstein Krauschwitz: Amboss und Birnen Leipzig: Grand Beauty Salon Begleitforschung: Gleichheit und Pluralität Limbach-Oberfrohna: Limbach für Alle Löbau: Demokratiefabrik Mittelherwigsdorf: Die Meda Begleitforschung: Grenzziehungen Pirna: Sonnige Aussichten Pödelwitz: Zukunftsforum Pödelwitz Rodewisch: ROWI Labor Wurzen: D5 Evaluation: Fazit Evaluation: Handlungsempfehlungen Literaturverzeichnis Impressum

34 36 38 40 42 44 46 48 50 52 54 56 58 60 63 64

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Orte der Demokratie

Demokratie ist kein fertiges, kein abgeschlossenes Projekt. Demokratie muss ständig erneuert und soll gelebt werden von jeder Einzelnen, jedem Einzelnen. Um dafür – insbesondere im ländlichen Raum – die Bedingungen zu verbessern, hat das Sächsische Staatsministerium der Justiz und für Demokratie, Europa und Gleichstellung (SMJusDEG) das Programm „Orte der Demokratie“ geschaffen. Seit Anfang 2024 werden im Freistaat Sachsen insgesamt 19 „Orte der Demokratie“ mit bis zu 100.000 Euro pro Jahr gefördert. Sie alle eint der Wunsch nach einem demokratischen, konstruktiven Miteinander – auch wenn sie dabei verschiedene Wege einschlagen. Die Projekte sind so bunt wie der Freistaat selbst. Sie sind Orte des Gemeinwesens, weil sich hier Menschen aus allen Bevölkerungs- und Altersgruppen, mit verschiedenen politischen Überzeugungen und kulturellen Hintergründen versammeln, um so ihr direktes Umfeld mitzugestalten – ihre gemeinsame Geschichte weiterzuschreiben. Alle die wollen, sollen mitreden und mitgestalten können. Die „Orte der Demokratie“ tragen dazu bei, die Lebensqualität und den lokalen Zusammenhalt zu verbessern und dadurch die demokratische Selbstwirksamkeit von Bürgerinnen und Bürgern deutlich zu machen. Die Orte sollen Labore sein, in denen verschiedenste Methoden und Praktiken der politischen Bildung angewendet und auch Menschen eingebunden werden, die vielleicht anders nicht mitmachen können.

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Hoyerswerda

Grimma

Pirna

Krauschwitz

Leipzig

Döbeln

Wurzen

Löbau

Pödelwitz

Mittel-herwigsdorf

Limbach-Oberfrohna

Ebersbach-Neugersdorf

Königstein

Annaberg-Buchholz

Bautzen

Glauchau

Aue-Bad Schlema

Augustusburg

Rodewisch

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Evaluation

Zahlen und Fakten

36

An der Realisierung eines Ortes arbeiten durchschnittlich zwei Hauptamtliche, 14 Ehrenamtliche und drei Honorarkräfte.

Ein „Ort der Demokratie“ wird von durch-schnittlich 31 Personen pro Woche genutzt. Insgesamt weisen die „Orte der Demokratie“ damit etwa 21.000 Nutzende im Jahr auf.

Die Projektträger nennen 17 verschiedene gesellschaftliche Gruppen, die die „Orte der Demokratie“ nutzen.

Insgesamt nennen die Projektträger 30 verschiedene Themen, die in ihren Orten verhandelt wurden bzw. werden.

im Zeitraum 2021/22

13

Interessens-bekundungen

geförderteProjekte

8 %

der „Orte der Demokratie“ haben eine feste Aussicht auf Weiterfinanzierung

94 %

der Stakeholder wünschen sich, dass ihr „Ort der Demokratie“ weiterbesteht

Im Durchschnitt sind pro „Ort der Demokratie“ fünf themenzentrierte Netzwerke entstanden.

der Geförderten sagen, dass sich in ihrem Ort Personen miteinander austauschen, die sich verschiedenen gesell-schaftlichen Gruppen zuordnen lassen

der Geförderten sagen, dass sich in ihrem Ort Personen begegnen, die sich verschie-denen gesellschaftlichen Gruppen zuordnen lassen

77 %

92 %

Als wichtigste Gelingensfaktoren zur Erreichung der Projektziele nennen die Träger die Projekt-förderung sowie Kooperationen und Netzwerke.

der Projekkträger professio-nalisierten ihre Organisation mit der Förderung

100 %

100 %

der Orte haben Kooperations-partner in der lokalen Politik, Verwaltung, Zivilgesellschaft

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Begleitforschung

Einführung

Text: Dr. Julia Schulze Wessel und Nina Goretzko

Das Institut für angewandte Demokratie- und Sozialforschung (anDemos e.V.) wurde 2023 vom Sächsischen Staatsministerium der Justiz und für Demokratie, Europa und Gleichstellung mit der „Wissenschaftlichen Begleitung des Förderprogramms Orte der Demokratie Sachsen“ beauftragt. Ziel ist es, mithilfe qualitativer Forschungsmethoden die Erfahrungen, das Wissen und die Prozesse der Projektarbeit im Rahmen des Förderprogramms „Orte der Demokratie“ herauszuarbeiten. In unserer wissenschaftlichen Begleitung wird deutlich, mit welchem demokratischen Selbstverständnis die „Orte der Demokratie“ arbeiten und welche Ressourcen oder Herausforderungen sie im Förderprogramm sehen. Die Ergebnisse können in eine Überarbeitung der derzeitigen Förderrichtlinie einfließen. Unsere Analyse findet auf zwei Ebenen statt: Zum einen betrachten wir die Ebene der Demokratieerzählung der „Orte der Demokratie“. Aus den Antragstexten, ihrem Selbstverständnis, ihrer alltäglichen Praxis und den von ihnen angesprochenen Zielgruppen arbeiten wir heraus, welche Erzäh-lungen von Freiheit, Gleichheit, Solidarität und Pluralität die Arbeit prägen. Zum anderen betrachten wir die Ebene der Rahmenbedingungen des Programms: Welche Ressourcen und Herausforderungen bietet es in seinem Kerngedanken und in seiner praktischen Umsetzung – auch gegenüber anderen Programmen? Das Material besteht aus den Antragsdokumenten, Gruppendiskussionen, Interviews, Netzwerkanalysen und der Analyse der Online-Auftritte der in der ersten Förderrunde ausgewählten 13 „Orte der Demokratie“.

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Annaberg-Buchholz

Tresen, Titel, Temperamente

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Tresen, Titel, Temperamente

„Bei uns stellen Menschen immer wieder überrascht fest, wo Demokratie im Kleinen gelebt wird und dass es viele Möglichkeiten gibt, sich einzubringen und mitzugestalten.“

Die Alte Brauerei in Annaberg-Buchholz ist zum beliebten Kultur- und Jugendzentrum geworden. Hier wird Austausch gepflegt, denn die Initiatorinnen und Initiatoren sind überzeugt, dass es in einer Zeit, in der Meinungsverschiedenheiten, Streit und gesellschaftliche Spaltung zunehmen, wichtiger denn je ist, Brücken zu bauen und den Dialog zu fördern. Die Alte Brauerei soll deshalb ein Ort sein, an dem Menschen zusammenkommen können, die im Alltag nichts oder nur wenig miteinander zu tun haben. Das Motto: Raus aus der Wohlfühl-Meinungs-Blase, rein ins Gespräch! Dabei helfen zum Beispiel regelmäßige Tresengespräche zu ganz verschiedenen Themen.

Annaberg-Buchholz

Mitmach-Tipp: Heart Chor

Gute Praxis

Ansätze und Methoden in der Arbeit der „Orte der Demokratie“

Der „Heart Chor“ bringt Gesang und politische Bildung zusammen. Eigentlich war das Projekt nur für zwei Monate geplant, war dann aber so erfolgreich, dass daraus eine ständige Sache geworden ist. Wöchentlich kommen Menschen im Alter zwischen 17 und 67 Jahren zusammen, singen historische Arbeiterlieder und befassen sich mit deren Hintergründen. Das Ganze ist, eher chor-untypisch, strikt demokratisch organisiert: Die Mitglieder treffen alle Entscheidungen gemeinsam - von Auftrittsanfragen über Liederauswahl bis zum Programm.

Kulturelle Bildung und die Förderung von Demokratie ergänzen sich gut, denn: Chöre, Theatergruppen oder Kunst-workshops bringen Menschen sehr direkt und praktisch in den Dialog. Alter, Herkunft oder sozialer Status spielen dabei keine Rolle. In solchen heterogenen Gruppen lernen Teilnehmende aufeinander einzugehen, zuzu-hören und bei Konflikten kon- struktive Lösungen zu finden. Das fördert die Erfahrung von Gleichwertigkeit und Respekt – eine wichtige Voraussetzung, um praktische Demokratie-erfahrungen zu machen.

Hier gibt es weiterführende Informationen zum Ort ...

Die Alte Brauerei möchte Raum bieten für Begegnungen, die im Alltag so nicht stattfinden und Engagierte bei Gemeinwesen- projekten unterstützen.

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Aue-Bad Schlema

Offener Bürgertreff Aue – Die Demokratiewerkstatt

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Offener Bürgertreff Aue – Die Demokratiewerkstatt

„Demokratie ist kein Selbstläufer. Bis ein ‚Ort der Demokratie‘ wirklich wirkt, dauert es. Dafür braucht es Geduld.“

Es ist der Anlaufpunkt für Menschen, die sich im Erzgebirgskreis engagieren möchten: das Kompetenzzentrum für Gemein-wesenarbeit und Engagement. Es hilft dabei, regionale Träger, Akteurinnen und Akteure und Verwaltungen zu vernetzen und sie so bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Bei Bedarf gibt es Beratung zu Projektentwicklung, Mittel-akquise und Öffentlichkeitsarbeit. Gleichzeitig will das Zentrum Menschen ermächtigen, ihre eigenen Projekte umzusetzen. Denn das ist das Prinzip der Gemeinwesenarbeit, dem sich der Verein verpflichtet fühlt: Menschen soll dabei geholfen werden, sich zu entwickeln und zu entfalten. Und dann wären da noch die Veranstaltungen, die der Verein selbst auf die Beine stellt: von Literaturkreis und Lesung über Demonstrationen für Demokratie bis zu Gedenkveranstaltungen.

Aue-Bad Schlema

Mitmach-Tipp: Offener Bürgertreff

Demokratie lebt von den Ideen möglichst vieler Menschen. Der Offene Bürgertreff in Aue-Bad Schlema bietet eine Vielzahl von Angeboten und Informationen und vor allem Hilfe für jegliche Vorhaben. Moderation, Technik und Räume sind kein Problem. Ideen können hier gemeinsam weiter gesponnen werden und auch das nötige Kleingeld für Werbung ist vorhanden.

„Durch den ‚Ort der Demokratie‘ bzw. durch den Push konnten wir neue Projekte umsetzen, wie zum Beispiel den Kultur(Güter)Bahnhof. Das strahlt ja dann noch weiter. Das ist für uns etwas sehr Wichtiges.“

Hier gibt es weiterführende Informationen zum Ort ...

Auszug aus einem Interview im Rahmen der Begleitforschung

Das Kompetenzzentrum für Gemein-wesenarbeit und Engagement soll ein Anlaufpunkt für Menschen sein, die Hilfe bei ihren Projekten suchen.

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Augustusburg

Makern statt Meckern

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Makern statt Meckern

„In einem stark geregelten und reglementierten System denken viele, sie dürften nicht "ihr Ding machen", sich nicht ausprobieren, nicht ihre Ideen verwirklichen und sich nicht selbst ernstnehmen. Wir zeigen auf, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der das alles sehr wohl möglich ist.“

„Makern statt meckern!“ Unter diesem Motto steht der „Ort der Demokratie“ in Augustusburg. Das Lehngericht, eines der ältesten Gebäude der Stadt, soll zur Plattform für den lokalen politischen Diskurs und die Mitgestaltung von Bürgerinnen und Bürgern werden. Lokale Akteurinnen und Akteure lernen bildlich beim Über-den-Tellerrand-Schauen mit anderen gemeinsam ihr ganz eigenes Süppchen zu kochen. So entsteht und wächst die ortsspezifische Identität. Durch Gesprächsrunden, Stammtische und andere niedrig-schwellige Veranstaltungen werden die Bürgerinnen und Bürger dazu ermutigt, sich aktiv in den demokratischen Prozess ein-zubringen. Das Verständnis für die Funktionsweise des Gemein-wesens soll so gestärkt werden und künstlerisch-kulturelle Möglichkeiten zur aktiven Teilnahme anregen. So wird die einheimische Hutzenstube zum Makerhub.

Augustusburg

Gute Praxis

Ansätze und Methoden in der Arbeit der „Orte der Demokratie“

Mitmach-Tipp: Mitmachgarten

Gemeinschaftlich genutzte Flächen und Räume sind ein lohnenswerter methodischer Ansatz, um Begegnung und Teilhabe zu schaffen. So führt beispielsweise ein Mitmach-Garten Menschen diverser Altersgruppen und Hintergründe bei einer gemeinsamen praktischen Arbeit zusammen. Zusammen wird entschieden, was angebaut, wie der Garten gestaltet und die Ernte geteilt wird. Mithilfe dieses koopera-tiven Ansatzes lernen die Beteiligten, Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen auf Augenhöhe zu treffen und vielfältige Perspektiven und Ideen zu respektieren. Demokratische Prinzipien wie Gleichberechtigung, Teilhabe und Zusammenarbeit werden so im Kleinen gelebt.

Im Mitmachgarten „Pflanz dein Beet!“ können Interessierte Beete für Kräuter, Blumen oder Gemüse anlegen. Egal ob jung oder alt, ob Hobbygärtnerin oder Anfänger, Baumfreund oder Sonnenanbeterin: Alle sind hier willkommen, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Wer will, bringt Küchenabfälle mit, um nach dem Bokashi-Prinzip daraus Humuserde werden zu lassen.

Hier gibt es weiterführende Informationen zum Ort ...

In Augustusburg entsteht eine inklusive Atmosphäre, in der die Bürgerinnen und Bürger, lokale Politikerinnen und Politiker zusammenkommen, um lokale politische Themen zu verhandeln.

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Begleitforschung

Ausgangsbedingungen

Text: Dr. Julia Schulze Wessel und Nina Goretzko

Neben den Ressourcen werden jedoch auch die Herausforderungen angesprochen, mit denen sich die „Orte der Demokratie“ konfron-tiert sehen. Ein zentraler Punkt taucht dabei immer wieder auf: Gegenwärtige Herausforderungen in den Gemeinden werden damit erklärt, dass Begegnungsräume fehlen. Es gebe keine oder kaum soziale Orte, an denen Menschen zusammenkommen und sich auch über politische Angelegenheiten austauschen können. Viele „Orte der Demokratie“ haben bereits in der Vergangenheit bei anderen Projekten die Erfahrung gemacht, dass es an Vertrauen und Gemeinschaftsgefühl in ihren Gemeinden fehlt. Auch hindere ein fehlender Wille oder äußere Umstände wie Arbeits- und Familien-alltag Menschen daran, mitzugestalten und sich aktiv vor Ort ein-zubringen. Es gebe zu wenig positive Erfahrungen in den Gemeinden und ihren Institutionen. Einige „Orte der Demokratie“ thematisieren auch ihr Verhältnis zu Politik und Verwaltung. Sie setzen vereinzelt darauf, die politischen Abläufe und Verfahren der kommunalen Verwaltung für die Bevölkerung sichtbar zu machen.

Für die „Orte der Demokratie“ ist die Einbindung in die Gesellschaft elementar. Um Anknüpfungspunkte für die eigene Arbeit zu haben, sich wechselseitig stärken und inspirieren zu können, blicken alle „Orte der Demokratie“ auf die Ressourcen vor Ort. Einige Träger-vereine sind in den vorhandenen Strukturen bereits bekannt und etabliert, andere beginnen ganz neu oder aus Nischen heraus. Etablierte Träger bauen auf vertrauten und über lange Jahre gewachsenen Beziehungen zur Ortsgemeinschaft und Initiativen-landschaft auf. Sie knüpfen außerdem an bekannte und erprobte Kooperationen an, können Veranstaltungsformate weiterentwickeln, aufgrund ihrer langjährigen Erfahrungen etwas Neues ausprobieren und ihr Erfahrungswissen zu drängenden Themen nutzen, um ihren „Ort der Demokratie“ weiterzuentwickeln und Unterstützung zu erhalten. Neuen, noch wenig etablierten Trägern bietet das Programm die Chance, in einer Gemeinde einen neuen Ort zu schaffen, Formate zu testen und zu experimentieren, um dadurch sichtbarer zu werden. Für die meisten „Orte der Demokratie“ sind die anderen Projekte ein wichtiges Netzwerk, in dem sie Wissen und Erfahrungen teilen, Best-Practice-Beispiele austauschen und sich inhaltlich weiterentwickeln können.

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Begleitforschung

Ausgangsbedingungen

Viele „Orte der Demokratie“ erleben eine Spaltung ihrer Orts-gemeinschaft. Über politische Themen zu sprechen, sei schwierig und manchmal gar nicht mehr möglich. Eine große Mehrheit der „Orte der Demokratie“ sieht rechtsextreme und antidemokratische Strukturen in ihrer Umgebung als demokratiegefährdend an, die jedoch in ihrem Bedrohungspotential oftmals nicht ernst genommen würden. Antidemokratische Anfeindungen und Aktivitäten erführen wenig Widerspruch aus der Bevölkerung. Zudem fehle es an langfristigen Strategien, um gegen rechte Gruppen und Parteien vorzugehen. Und so beschreiben manche „Orte der Demokratie“ die hohe Präsenz und den großen Einfluss von rechts als eine der zentralen Herausforderungen. In der Praxis und in ihrem Selbstverständnis sind sich die „Orte der Demokratie“ aber auch bewusst, dass demokratische Strukturen nicht nur durch Abwehr und Reaktion antidemokratischer Tendenzen stabilisiert werden können. Es braucht eine Arbeit, die die demokratische Bürgerschaft unter-stützt und deren Selbstverständigung fördert. Dabei gehen sie unterschiedlich vor. Manche stärken vor allem marginalisierte Gruppen und arbeiten gezielt mit ihnen.

Andere setzen darauf, ein möglichst breites politisches Spektrum der Stadtgesellschaft anzusprechen. An manchen „Orten der Demokratie“ gelten klare Gesprächs- und Verhaltensregeln, die akzeptiert und praktiziert werden müssen. Andere wiederum sehen ihre Rolle eher darin, zuzuhören, zu moderieren und dadurch Gespräche überhaupt erst wieder möglich zu machen. Auch die konkrete Gestaltung ist unterschiedlich. Einige müssen sich erst Räume schaffen, andere bauen bestehende aus und um. Manche verstehen die ganze Gemeinde als „Ort der Demokratie“, andere fassen darunter einen konkreten räumlichen Ort, noch andere verteilen sich auf mehrere Standorte. Das Förderprogramm „Orte der Demokratie“ wird von allen als eine Chance zum Ausprobieren und Experimentieren erlebt. Die Mit- arbeitenden der „Orte der Demokratie“ schätzen die Offenheit des Programms.

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Bautzen

Gemeinsam in Bautzen – Zhromadnje w Budysinje

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Gemeinsam in Bautzen – Zhromadnje w Budysinje

„Für uns war es eine Erkenntnis, dass Kunst einen persönlichen Bezug und einen emotionalen Zugang zu Themen der demokratischen Bildung herstellen kann, um sie wirklich zu verstehen.“

Es ist ein soziokulturelles Zentrum im Herzen der Stadt: Das Steinhaus in Bautzen ist ein Ort der Begegnung, der kulturellen und politischen Bildung - und bietet Menschen in schwierigen Lebenssituationen Beratung und Unterstützung. Das Team des gleichnamigen Vereins ist sich der Kontraste und Konflikte in der Stadt bewusst und will mit seiner Arbeit dazu beitragen, dass sich gerade Menschen aus vier Stadtvierteln, in denen es bisher kaum Begegnungsorte gab, näher kommen. Dafür wurden verschiedene Treffpunkte geschaffen. Im Allende-Viertel zum Beispiel: Hier gibt es gemeinsame Treffen, kreative Workshops, Spiele und vieles mehr. Die Bürgerinnen und Bürger organisieren eigene Ideenkonferenzen, Nachbarschaftstreffs und Stammtische zur Beteiligung im Viertel.

Bautzen

Mitmach-Tipp: Happy Monday – Wjesoła póndźela

„Bei unserem ‚Ort der Demokratie‘ gehen wir dorthin, wo die Ziel-gruppen leben, wohnen oder sich aufhalten. Wir haben in vier Bautzner Stadtteilen, in denen es insgesamt wenig Angebote gibt bzw. für Demokratie-bildung schwer erreichbare Zielgruppen leben, unsere Räume eröffnet.“

Das Veranstaltungsformat macht die Vielfalt in Bautzen sicht-bar: Von April bis Juni 2024 sind jeden Montag Vereine, Sozial- und Wohlfahrtsverbände, Kirchen und Kultureinrichtungen dazu aufgerufen, sich unter freiem Himmel und an verschiedenen Plätzen der Stadt zu präsentieren und diese in Orte des Mit-einanders für alle zu verwandeln. Durch Lesungen, Poetry Slams, Tanzaktionen, Skatesessions und andere Formate soll gezeigt werden, dass Bautzen weit mehr zu bieten hat als Arbeitsplätze, Wohnungen und Bildungseinrichtungen für Kinder.

Hier gibt es weiterführende Informationen zum Ort ...

Auszug aus einem Interview im Rahmen der Begleitforschung

Das Steinhaus verfolgt die Vision, dass die Mehrheit der Menschen in Bautzen bis 2025 einen spür-baren Zusammenhalt erfährt.

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Döbeln

WerkStadt

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WerkStadt

Ehrenamtliches und ziviles Engagement: Darum dreht sich in der WerkStadt in Döbeln alles. Ziel ist, Ideen für die Menschen in Döbeln zu schmieden und diese gemeinsam anzupacken. Wie kann eine Alternative zur früheren Skatehalle aussehen, damit junge Menschen sich weiterhin treffen können? Und wo finden queere Menschen einen sicheren Raum für gesellige Treffen? Fragen wie diese sollen fantasievoll beantwortet werden. Das Team der WerkStadt unterstützt dabei, aus neuen Perspektiven auf Altbewährtes zu schauen und Veränderungen anzustoßen - und dabei Bürgerinnen und Bürger, Zivilgesell-schaft und die Stadtverwaltung zu vernetzen. Formate wie ein Kulturstammtisch oder eine Vereinsmesse helfen dabei.

„Manchmal braucht es nur ein persönliches Kennenlernen, um Probleme gemeinsam anzugehen. Genau das ist, was leider häufig gefehlt hat. Austausch und Vernetzung bringt vieles voran.“

Döbeln

Mitmach-Tipp: Postamt für Demokratie

„Für unsere Arbeit ist es wichtig, die Leute ins Engagement zu bringen oder auch sie in ihrem Engagement zu fördern und zu unterstützen. Wir sind an unserem ‚Ort der Demokratie‘ davon überzeugt, dass zivilgesellschaftliches und ehrenamtliches Engagement wichtige Grundpfeiler unserer Demokratie sind.“

In Döbeln wurde ein Postamt für Demokratie gebaut. Dort können Interessierte selbst coole Postkarten erstellen - und diese mit demokratischen Grüßen versehen. Ob Botschaften für die Welt, politische Ideen oder einfach nur Gedanken, die geteilt werden sollen: Alles ist möglich! Das Postamt ist mobil und kann ausgeliehen werden, um an verschiedenen Orten den Austausch zwischen Menschen zu befördern.

Hier gibt es weiterführende Informationen zum Ort ...

Die WerkStadt möchte Döbeln mit den Bürgerinnen und Bürgern gestalten. Dabei soll zivilgesell-schaftliches Engagement gestärkt und Ehrenamt gefördert werden.

Auszug aus einem Interview im Rahmen der Begleitforschung

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Ebersbach-Neugersdorf

Demokratie zwischen „B96“, Grenze und Engagement

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Demokratie zwischen „B96“, Grenze und Engagement

„Im Miteinander- und Füreinander- Tun können Diversität, Solidarität, Meinungsvielfalt und ein demokratie-förderlicher Umgang gestärkt werden. Es geht darum, dass Miteinander wiederzufinden.“

Gleich drei Organisationen haben sich in Ebersbach-Neugersdorf unter dem Titel „Demokratie zwischen ,B96', Grenze und Engagement: das Miteinander wiederfinden“ zusammengetan: Gemeinsam wollen der LEBENs(T)RÄUME e.V., der GründerZeiten e.V. und die Stadtbibliothek in Ebersbach-Neugersdorf mit all ihren spezifischen Kompetenzen, Zugängen und Erfahrungen demokratisches Engagement stärken. Gleichzeitig geht es ihnen darum, den Erwerb von Medien- kompetenzen zu ermöglichen und kulturelle Vielfalt zu stärken – und ebenso, neue Wege des Miteinanders zu finden und auszuprobieren. Und das obwohl die politischen Ansichten im Gemeinwesen teilweise weit auseinander driften und der Ort von der Geschichte der Textilindustrie gezeichnet ist, von der nicht mehr viel übrig geblieben ist. An der Grenze zu Tschechien und an der berühmt-berüchtigten B96 gelegen, zeigen sich hier wie unter einem Brennglas typische Probleme strukturell und sozial benachteiligter Regionen – aber eben auch Lösungen.

Ebersbach-Neugersdrof

Mitmach-Tipp: Sprichst du mit mir?

Die Initiative „Sprichst du mit mir?“ veranstaltet regelmäßig Stadtgespräche. Dort erzählen Oberlausitzer Bürgerinnen und Bürger von Themen, die sie bewegen.

„Bei unserem ,Ort der Demokratie' gehört es zu den wichtigen Anliegen, Urteilsfähigkeit auszu-bilden. Das ist vielleicht die beste Klammer, die unsere Angebote mit-einander verbindet.“

Hier gibt es weiterführende Informationen zum Ort ...

Auszug aus einem Interview im Rahmen der Begleitforschung

Der Verein LEBENS(T)RÄUME stärkt demokratisches Engagement, den Erwerb von Medienkompetenzen, kulturelle Vielfalt und erprobt neue Wege eines Miteinanders.

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Begleitforschung

Freiheit und Solidarität

Text: Dr. Julia Schulze Wessel und Nina Goretzko

In der empirischen Erhebung zeigt sich oftmals diese Dimension des Freiheitsbegriffs als ein wesentlicher Kern der Projektarbeit. Ein Freiheitsverständnis, das sehr stark am Individuum und an der Verwirklichung egoistischer Bedürfnisse ausgerichtet ist, ist im Material selten zu finden. Auf die Frage nach dem Demokratischen in den Projekten betonen viele die Möglichkeit der Begegnung und gemeinsamen Teilhabe der Bürgerinnen und Bürger. Sie gilt als Grundlage der Arbeit aller: „Demokratie heißt, sich beteiligen und teilnehmen am gesellschaft-lichen und politischen Leben. Und das sehe ich auch für alle Orte ganz primär“ (Gruppendiskussion 2023). Es gibt viele verschiedene Formen der Teilhabe an den „Orten der Demokratie“. Sie umfasst den Austausch, die Aushandlung, das Zusammenwirken und die Möglichkeit, eigeninitiativ tätig zu werden. Die „Orte der Demokratie“ erzählen von verschiedenen Formaten und Ansätzen, die die Zielgruppen in die Gestaltung einbinden. Viele setzen weniger auf große Leuchtturmprojekte, sondern widmen sich den stetigen, kleinen und oft auch alltäglichen Dingen. Demokratie wird hier als Prozess verstanden, in den verschiedene Gruppen eingebunden werden. Menschen sollen bestärkt werden, sie sollen „mitbestimmen können, was passiert und ihre Ideen ein-bringen können und darüber auch bestenfalls Politik machen auf einer sehr lokalen, alltäglichen Ebene“ (Gruppendiskussion 2023).

Für das Förderprogramm „Orte der Demokratie“ ist insbesondere die Tradition des Freiheitsbegriffs stark gemacht worden, die Freiheit nicht vom einzelnen Individuum aus denkt, sondern die Bezüge der Beteiligten untereinander hervorhebt: Freiheit entsteht erst im gemeinsamen Handeln (Arendt 1994, 201–26). Die Anderen werden in dieser Freiheitsperspektive nicht als mögliche Begrenzungen der eigenen Freiheit gesehen, sondern als diejenigen, die Freiheit erst ermöglichen. Die Zivilgesellschaft nimmt in dieser Idee von Freiheit eine beson-dere Stellung ein. Sie beschreibt den Raum zwischen Wirtschaft und Staat, den Bürgerinnen und Bürgern freiwillig ausfüllen. Hier können sie sich aktiv in die Öffentlichkeit einbringen und so die Bedingungen, unter denen sie leben, mitgestalten. Die Stärkung dieser Freiheitsperspektive in Demokratien bedeutet somit die Stärkung vielfältiger politischer, zivilgesellschaftlicher Mitgestaltungsmöglichkeiten, die Bürgerinnen und Bürger ermächtigt und Verbindungen in zwangsläufig pluralen politischen Gemeinwesen schafft (Allen 2020, 61–62). Demokratien benötigen jedoch ebenso einen rechtsstaatlich abgesicherten Rahmen, in dem überhaupt erst Mitgestaltung und Partizipation stattfinden können.

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Begleitforschung

Freiheit und Solidarität

Wirksame Teilhabe und Mitgestaltung sind keine Selbstverständ-lichkeit und an Bedingungen geknüpft. Die guten Verbindungen in die Ortsstrukturen können wichtig sein, um eigenständige Initiativen stärker zu unterstützen. Manche „Orte der Demokratie“ konnten gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern durch die Unterstützung der Verwaltung Plätze und andere öffentliche Räume mitgestalten. Bei anderen war es herausfordernd, die Ideen des „Ortes der Demokratie“ umzusetzen. Dann stellte sich schnell die Machtfrage: „Wer hat da die Macht, darüber zu entscheiden, wer hat die Möglichkeiten, Ideen einzu-bringen?“ Wer kann „aktuelle Fragen bearbeiten und sich so aufstellen für die Zukunft?“ (Gruppendiskussion 2023). Diese Fragen werden selten explizit geäußert, stellen sich aber auf andere Weise in den „Orten der Demokratie“. Wenn Angebote der Teilhabe nicht über gemeinsame Gespräche und Aushandlungen hinaus gehen, entstehen leicht Ohnmachtserfahrungen, die nicht zu einer Stärkung der Demokratie beitragen. (Selle 2014, 227–50) Für ihre Arbeit ist es vielen „Orten der Demokratie“ ein elementares Anliegen, sich möglichst breit in der Ortsgemeinschaft zu vernetzen – sei es mit lokalen Institutionen, mit Unternehmen, anderen Vereinen, der Verwaltung und auch hohen Repräsentantinnen und Repräsentanten vor Ort. Denn: „die Kommunalpolitik ist ja ein Mitspieler von den ‚Orten der Demokratie‘“ (M.1 GD 2 2023, 50–51).

Durch diese solidarische Vernetzung, auch untereinander, teilen sie Wissen und Erfahrungen, bieten und erhalten Unterstützung und erhöhen ihre Sichtbarkeit. In der Erhebung berichten verschiedene Mitarbeitende der „Orte der Demokratie“, dass Begegnungsräume in ihren Gemeinden kaum oder gar nicht mehr existieren. Dabei bewerten viele gerade den Aus-tausch untereinander als wichtige Voraussetzung für das gemein-same Handeln von Bürgerinnen und Bürgern. Die Beziehungsarbeit wird so zu einem wichtigen Standbein in der Projektarbeit. Die „Orte der Demokratie“ konzentrieren sich zum einen auf die Beziehung zwischen dem Projektteam und den Zielgruppen, zum anderen auf die Beziehung zwischen den Zielgruppen, auch außerhalb der „Orte der Demokratie“. Diese Verbindungen sind essentiell, um überhaupt gemeinsam wirksam werden zu können. Zusammenkommen, Vernetzung, Begegnung, Beziehung und Austausch sind in diesem Zusammenhang wichtige Begriffe, die ein solidarisches Miteinander beschreiben. Die „Orte der Demokratie“ verstehen sich somit auch als Orte der Begegnung. Es gibt „Orte der Demokratie“, die Begegnungen direkt mit der Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft verknüpfen. Durch den Kontakt und das Miteinander in Veranstaltungen, Aktionen und Workshops strahle etwas auf das Gemeinwesen aus und stärke die Demokratie.

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Glauchau

Kulturhaus „Klackx“

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Kulturhaus „Klackx“

„Das Interesse an unserem Kulturhaus war schon vor der Eröffnung groß. Jetzt wollen wir loslegen und bei Leuten ein Feuer entfachen, damit sie loslegen.“

Außerschulischer Lernort, Treffpunkt im ländlichen Raum, Ort für persönliche und gemeinsame Entwicklung: Im Kulturhaus Klackx gibt es ein Tonstudio, Probenräume und eine Holzwerk-statt. Das Team will Menschen wieder an einen Tisch bringen oder zu einem gemeinsamen Projekt motivieren. Das Kulturhaus soll ganz klassische Bedarfe decken und ein Ort für Tanzabende, Ausstellungen, Treffen, Vorträge und zum Feiern sein. Gleichzeitig reagiert das Klackx auch auf Notlagen: Weil es dringend mehr außerschulische Lernorte und freie Räume für Kinder und Jugendliche braucht, will das Team Kooperationen zwischen Bildungsträgern, sozialen Einrichtungen und Unter-nehmen spinnen, um die aufgestauten und bevorstehenden Problemfelder händeln zu können. Tonstudio und Holzwerkstatt mit CNC-Fräse sollen zu einem großen Experimentierkasten werden – für einen Ansatz zwischen außerschulischem Lernort und gestalterischem Freiraum.

Glauchau

Mitmach-Tipp: Dorfbibliothek

Vorlesen und gemeinsam spielen: Das soll die neue Dorf-bibliothek ermöglichen. Sie legt den Schwerpunkt auf Angebote für Kinder, Jugendliche und Familien – auszuleihen gibt es deshalb nicht nur Bücher, sondern auch Brettspiele für einen gemütlichen Abend am Wohnzimmertisch. Und wer online für die Hausaufgaben recherchieren will, für den steht auch ein Computer in der Dorfbibliothek bereit.

Seit 2024 werden in Sachsen insgesamt 19 „Orte der Demokratie“ mit bis zu 100.000 Euro pro Jahr gefördert. Sie alle eint der Wunsch nach einem demokra-tischen, konstruktiven Miteinander, auch wenn sie dabei verschiedene Wege einschlagen.

Hier gibt es weiterführende Informationen zum Ort ...

Das Sächsische Staatsministerium der Justiz und für Demokratie, Europa und Gleichstellung fördert ausgewählte Orte mit ihrer Vision.

Das Kulturhaus Klackx schafft den Raum für Einzelgespräche und soziale Arbeit – und soll vor allem allen Generationen ein Angebot machen.

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Grimma

Die Spitzen-Demokratie-Fabrik

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Die Spitzen-Demokratie-Fabrik

Jugendlichen dabei helfen, ihre Stimme zu finden – in einem geschützten Raum mit Gleichgesinnten: Das ist das Anliegen der Spitzen-Demokratie-Fabrik in Grimma. Früher wurden hier Textilien verarbeitet, heute ist das Gebäude ein Begegnungsort für junge Menschen. Seit 2020 setzt der Verein Between the Lines hier Kultur-, Sport- und Jugendhilfeprojekte um – zum Beispiel das „Dorf der Jugend“. Den Engagierten geht es darum, eine lebendige, nachhaltige, eigenständige Jugendarbeit in ländlichen Gebieten zu schaffen und zu festigen. Über mobile und aufsuchende Jugendarbeit versucht das Team, so viele junge Menschen wie möglich zu erreichen – und dazu zu ermutigen, ihren Ort mitzugestalten.

„Emanzipatorische Prozesse anzustoßen, braucht sehr viel Zeit und Arbeit – oft mehr als gedacht. Vor allem junge Menschen brauchen einen Safer Space und Vertrauen, um sich ihr Umfeld anzueignen und eigenverantwortlich zu gestalten.“

Grimma

Gute Praxis

Ansätze und Methoden in der Arbeit der „Orte der Demokratie“

Mitmach-Tipp: Interaktive Tablet-Rallye

Aufsuchende Jugendarbeit ist eine Methode der Sozialarbeit, die Jugendliche niedrigschwellig in ihrem direkten Lebensumfeld adressiert: in Parks, Jugendtreffs oder auf der Straße. Ziel dabei ist, Heranwachsende zu unter-stützen, die sonst nicht von klassischen Hilfsangeboten erreicht werden. Der regelmäßige Kontakt in einer gewohnten Umgebung fördert den Vertrauensaufbau. So werden Probleme erkannt, bevor sie eskalieren. Zudem kann die Methode auf individuelle Bedürfnisse junger Menschen flexibel angepasst werden.

Grimma entdecken, aber anders: mit einer interaktiven Tablet-Rallye. In dieser digitalen Schnitzeljagd gibt es Aufgaben und Rätsel - und Jugendliche sind aufgefordert, Ideen für die Stadt zu entwickeln. Im Mittelpunkt stehen Orte, die für Jugendliche interessant sind: die Alte Spitzenfabrik etwa oder eine Selbst- hilfe-Fahrradwerkstatt. Ungefähr zwei bis drei Stunden kann so spielerisch die Stadt erkundet werden.

Hier gibt es weiterführende Informationen zum Ort ...

Die Alte Spitzenfabrik soll ein belebter und genutzter Ort werden, der die Stadt durch ein vielfältiges Angebot an Veranstaltungen und Freizeit- aktivitäten bereichert.

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Hoyerswerda

Offene Werkstatt der Demokratie

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Offene Werkstatt der Demokratie

„Menschen werden mutiger, ihre Bedürfnisse und Meinungen zu äußern und nicht mehr nur die Konsumenten-rolle zu spielen. Sie nutzen unsere geschützte Atmosphäre für ein thematisches Zusammenkommen.“

Sie war mal die Stadt für die Familien der DDR-Kohlekumpel und Energiearbeitenden des Lausitzer Braunkohlereviers. Seither aber hat sich die Bevölkerung in Hoyerswerda nahezu halbiert. Gleichzeitig bestimmen die rassistischen Ausschreitungen der Neunzigerjahre bis heute das Image der Stadt. Und der geplante Kohleausstieg bis 2038 setzt den Strukturwandel intensiv fort. Die Offene Werkstatt der Demokratie in der Stadtbibliothek Hoyerswerda versteht sich als sicherer Raum für die Bürger-innen und Bürger, in dem sie ihre Ideen und Meinungen aus-tauschen, wichtige Themen für ihre Stadt diskutieren und in der Gesellschaft, in der sie leben, aktiv werden. Vier Themen stehen dabei im Fokus: Interkulturalität, aktive Bürgerschaft, Medienkompetenz, Digitalisierung und Strukturwandel.

Hoyerswerda

Gute Praxis

Mitmach-Tipp: Bibliothek Hoyerswerda

Ansätze und Methoden in der Arbeit der „Orte der Demokratie“

Als sogenannter dritter Ort wird in der Soziologie ein Treffpunkt beschrieben, der außerhalb des eigenen Zuhauses – erster Ort – und des Arbeitsplatzes – zweiter Ort – liegt. Es ist ein Ort, an dem sich Menschen wohlfühlen, wo neue Bekanntschaften gemacht oder auch Freundinnen und Freunde getroffen werden: Cafés, Parks, Bibliotheken oder ähnliche soziale Treffpunkte. Hier können Menschen ohne Verpflichtungen zusammen-kommen, was das Gefühl der Gemeinschaft stärkt und einen Austausch ermöglicht.

In der Veranstaltungsreihe „Frag den OB“ stellt sich der Oberbürgermeister von Hoyerswerda für eineinhalb Stunden den Anregungen und Fragen der Bürgerinnen und Bürger. So soll die Bibliothek als „Ort der Demokratie“ etabliert werden, an dem Menschen zusammenkommen, Themen für ihre Stadt diskutieren und sich in Entscheidungsprozesse einbringen.

Hier gibt es weiterführende Informationen zum Ort ...

Die Offene Werkstatt der Demokratie soll ein sicherer Raum sein, um sich offen über städtische Themen, Ideen und Meinungen auszutauschen.

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Praxisleitfaden für den Projektstart

Analyse: Was ist die Ausgangslage für das Projekt?

Chancen: Es besteht die Chance, einen neuen Begegnungsort aufzubauen beziehungsweise ein neues Format zu etablieren. In diesem Prozess lässt sich ein Netzwerk an Unterstützenden gewinnen, auf das bestenfalls immer wieder zurückgegriffen werden kann. Im Verlauf der Projektdurchführung experimen-tieren die Beteiligten, entwickeln sich gemeinsam inhaltlich weiter und erlangen mehr Bekanntheit und Reputation. Herausforderungen: Bei aller Experimentierfreude gilt es, den Fokus zu bewahren und die Zielrichtung immer wieder intern abzustimmen. Um möglichst viele Menschen für das Projekt zu interessieren und Mitwirkung anzustoßen, ist es nötig, sich stark ins Gespräch zu bringen und extrovertiert nach außen aufzutreten, um öffentliche Sichtbarkeit zu erlangen.

Die Trägerinitiative des Projekts ist etabliert und bekannt im Umfeld

Die Projektorganisation beginnt ganz von vorn oder aus einer Nische heraus

Chancen: Es bestehen bereits Beziehungen, Kooperationen und auch eine verlässliche Infrastruktur vor Ort. Daraus resultieren für den Projektträger Erfahrungswissen und Sicherheit. Mit einem neuen Projekt kann sich der Träger weiter etablieren – zum Beispiel bei neuen Zielgruppen – was wiederum positiv auf die generelle Arbeit der Organisation ausstrahlen kann. Herausforderungen: Die Fremdwahrnehmung eines etablierten Trägers ist meist gefestigt. Die Initiative steht für bestimmte Inhalte, Werte und Vorgehensweisen. Diese Zuschreibung von außen mit einem neuen Projekt zu „überschreiben“, ist bei der Planung und Durchführung zu bedenken. Gewohnte Routinen können zudem die Experimentierfreude hemmen.

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Praxisleitfaden für den Projektstart

Zielgruppenbewusstsein: Die Adressatinnen und Adressaten eines Projekts sollten mit Bedacht gewählt sein. Das heißt, stehen Menschen im Fokus, die bislang wenig präsent, deren Geschichten weitgehend unbekannt sind und die kaum als Gestaltende und Teilhabende im Gemeinwesen auftreten? Oder geht es darum, die möglichst breite Bevölkerung inner-halb einer Gemeinde zu erreichen? Je nach Zielgruppe sind verschiedene Ansprachen nötig. Rollendefinition: Projektteams sollten ihre Rolle und ihren Kommunikationsauftrag vorab klar definieren: Sehen sie sich im Verlauf eher als aktive Gestalterinnen und Gestalter oder begleitende Moderatorinnen und Moderatoren? Flexibilität: Projekte entwickeln sich im Prozess. Es ist es wichtig, anpassungsfähig zu bleiben und auf spontane Entwicklungen ad hoc zu reagieren.

Erwartung:Was genau ist das Ziel?

Bedenken:Was ist der Planung zu beachten?

Zunächst sollte die Frage der Strategie geklärt werden: Geht es darum, ein Leuchtturm-Projekt zu schaffen, das Aufmerksamkeit und Strahlkraft generiert? Oder ist es eher von Interesse, eine Ermächtigung der Bevölkerung in kleinen, alltäglichen Dingen zu erreichen? Darüber hinaus könnten konkrete Projektziele sein: Begegnungsraum schaffen: Ein Treffpunkt fördert die Gemeinschaft und schließt Lücken in der sozialen Infrastruktur, indem Menschen zusammenkommen. Aktivierung der Bevölkerung: Menschen sollen zur Mitgestaltung ihrer Gemeinde motiviert werden, indem ihr Gefühl von Selbstwirksamkeit durch konkrete Projekte, Teilhabe und Mitentscheidung gestärkt wird. Vertrauen in Politik und Verwaltung stärken: Es wird Wissen über demokratische Entscheidungsabläufe und Verfahren vermittelt, um Politikverdrossenheit und Demokratiefeindlichkeit entgegenzuwirken.

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Praxisleitfaden für den Projektstart

Werkzeuge: Welche Methoden sind in der Praxis hilfreich?

Infrastruktur- und Stakeholder-Analyse: Identifikation und Vernetzung mit den relevanten Akteurinnen und Akteuren vor Ort. Das Projekt profitiert kurz- und langfristig von deren Unterstützung. Austausch mit und Einbindung der Verwaltung: Um Partizipation nachhaltig zu gestalten, Reichweite und tatsächliche Entscheidungsmacht aufzubauen, ist es essenziell, die Verwaltung aktiv einzubinden. Denn letztlich wird in kommunalen Amtsstuben darüber entschieden, ob Ideen aus der Bevölkerung konkrete Praxis werden. Wird die Aktivierung der Verwaltung versäumt, besteht die Gefahr, dass Menschen in Beteiligungsprozessen Ohnmachtserfahrungen machen und damit ihr Interesse an Mitgestaltung gebremst wird. Auseinandersetzung mit dem Demokratiebegriff: Vor Projektstart sollte geklärt werden, welche (politischen) Positionen grundsätzlich Raum haben sollen. Es braucht Kriterien, die festlegen, wo die Kommunikation mit bestimmten gesellschaftlichen Gruppen endet. Für konkrete Veranstaltungen sollte zudem ein Kommunikations-rahmen gesetzt werden. Das heißt, es werden vorab Gesprächsregeln definiert, um konstruktive Diskussionen zu ermöglichen. Beziehungsarbeit priorisieren: Dem Aufbau sozialer Beziehungen sowohl zwischen dem Projektteam und den Zielgruppen als auch innerhalb der Zielgruppen sollte von Beginn eine besondere Bedeutung eingeräumt werden.

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Königstein

Aufwind für Königstein – Demokratie verleiht Flügel

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Aufwind für Königstein – Demokratie verleiht Flügel

Wohin gehst du, wenn deine Hose ein Loch hat, dein Toaster kaputt ist oder du jemanden zum Reden brauchst, du aber auch noch eine Hausarbeit fertig schreiben musst? Für Menschen im sächsischen Königstein gibt es in diesen Fällen die Werkstatt 26 des Vereins „weltbewusst“. Die Werkstatt 26 ist sozialer und kultureller Treffpunkt, bietet Lesungen, Kurse, einen Coworking-Space, Ausstellungen und Feste an. Mit dem Kunst-Raum, die Galerie der Werkstatt 26, schafft das Team außerdem Aufmerksamkeit für Künstlerinnen und Künstler aus dem ländlichen Raum, die sonst oft übersehen werden. In Werkschauen können sie hier ihre Kreativität sicht-bar machen. Für die Macherinnen und Macher der Werkstatt 26 ist es spannend, auf diese Weise Sozial- und Kunstraum unter einem Dach zu vereinen.

„So einen Ort wie unseren gibt es hier einfach nirgendwo anders. Wir sind vom misstrauisch beäugten Fremdkörper zu der Anlaufstelle für ein besseres Miteinander in Königstein geworden.“

Königstein

Mitmach-Tipp: Bibliothek der Demokratie

„Bei uns gibt es Menschen, die ohne Berührungsängste zu uns kommen und den ‚Ort der Demokratie‘ als ihren Ort ansehen. Das ist das, was wir erreichen wollen. Menschen sollen selbst Veranstal-tungen planen und organisieren, sich Mitstreiterinnen und Mitstreiter suchen, um hier in Königstein Ideen zu realisieren.“

Die spannendsten Geschichten sind die von Menschen. Mit dieser Überzeugung widmet sich der Ort der Demokratie in Königstein Dialogformaten. In der Bibliothek der Werkstatt 26 können Interessierte sich zu den Themen Demokratie, Biografiearbeit und Integration belesen. Angeboten werden auch „Lebendige Bibliotheken“, Generationendialoge und Biografieworkshops - mit dem Ziel, Menschen in einen persönlichen Austausch zu bringen.

Hier gibt es weiterführende Informationen zum Ort ...

Die Werkstatt 26 in Königstein soll ein versöhnender Ort für alle sein. Dazu gehört eine intensive Nutzung mit eigenen Formaten und Gast-Veranstaltungen.

Auszug aus einem Interview im Rahmen der Begleitforschung

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Krauschwitz

Amboss und Birnen

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Amboss und Birnen

„Oft sind es die kleinen Ergebnisse, die den Erfolg bringen. Wenn die Leute sehen, dass etwas passiert, dann kommt auch etwas zurück.“

Krauschwitz ist ein kleiner Ort in der Oberlausitz - und die zweitöstlichste Gemeinde in Deutschland. Der Strukturwandel ist hier deutlich spürbar, Resignation aber keine Option: Die Gemeinde ist entschlossen, die Beteiligung ihrer Bürgerinnen und Bürger an demokratischen Prozessen zu stärken und die Menschen, die sich engagieren wollen, darin zu unterstützen. Dabei setzt sie vor allem auf Jugendarbeit und Transparenz. Die Anstrengungen, um den jungen Menschen im Ort einen Jugendclub zur Verfügung zu stellen, haben gefruchtet – und das Verhältnis zwischen Jugend und Gemeinde aufgefrischt. Zwölf Jugendliche sind zudem in letzter Zeit in die Freiwillige Feuerwehr eingetreten, wohl auch, weil sie ihrem Ort etwas zurückgeben wollen. Und die regelmäßigen Bürgerdialoge, bei denen klar kommuniziert wird, was die Verwaltung vorhat, werden auch immer besser angenommen.

Krauschwitz

Mitmach-Tipp: Schrauberwerkstatt

Mitten im Ort, im Gebäude des Sportvereins von Stahl Krau-schwitz, haben gleich mehrere Vereine ein Zuhause gefunden. Künftig soll es dort auch eine Schrauberwerkstatt geben – mit Mopedhebebühne, Werkzeugrollwagen und Spezialwerkzeugen.

„Unser Hauptziel ist die Stärkung der Bürger-beteiligung bzw. deren Engagement an den demokratischen Prozessen im Ort und auch darüber hinaus. Weiterhin soll das Zusammenwirken der Generationen gefördert und gefordert werden.“

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Auszug aus einem Interview mit der Vernetzungsstelle (NDK Wurzen)

Die Gemeinde möchte vor allem die Bürgerbeteiligung stärken und ein Verständnis und Zusammen-wirken der Generationen im alltäglichen Leben schaffen.

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Leipzig

Grand Beauty Salon

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Grand Beauty Salon

„Fürsorge und Pflege bilden eine geeignete Basis für eine innovative Demokratiebildung, die mit Entspannung beginnt.“

Let's glow & grow together! So lautet das Motto des GRAND BEAUTY SALON in Leipzig-Grünau. Er möchte ein Raum für intersektionales Lernen und das Erleben von Gemeinschaft sein, in dem sich die Formen des Schönen über Grenzen von Sprache und Kultur hinweg verbinden. Denn (Selbst-)Fürsorge und Schönheit, davon sind die Macherinnen und Macher überzeugt, gehen mit Wohlgefühl und Selbstakzeptanz einher. Im GRAND BEAUTY SALON herrscht eine positive Atmosphäre, die es sehr viel leichter macht, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Hier treffen sie in einem positiven Kontext aufeinander, in dem sie Gemeinsamkeiten entdecken und Neues über individuelle Unterschiede lernen können – all das mit einem Team lokaler und internationaler Schönheitsexpertinnen und -experten. Die Akteurinnen und Akteure sind im eigenen Salon aktiv, ON TOUR auf Stadtfesten, in Schulen, auf Konferenzen.

Leipzig

Mitmach-Tipp: Beauty Exchange

Gute Praxis

Ansätze und Methoden in der Arbeit der „Orte der Demokratie“

Beim BEAUTY EXCHANGE beraten und verwöhnen Expertinnen und Experten des transkulturellen GRAND BEAUTY SALON jeden Freitagnachmittag: Sie schminken und stylen, lackieren Nägel und massieren Gesichter, schneiden Haare und formen Augen-brauen – und gehen mit den Gästen ins Gespräch. Eine Preis-liste gibt es nicht, nur die Bitte nach persönlichem Einsatz.

Jeder Mensch kennt diese Situation: Beim Haare schneiden wird geredet. Mal geht es um Alltägliches, um Neuigkeiten aus der Nachbarschaft, mal um große Politik. Frisiersalons sind Orte des aktiven Dialogs und können zu demokratischen Lernorten weiterentwickelt werden. Beim Beauty Exchange steht nicht die Dienstleistung im Vordergrund, sondern der gemeinsame Austausch von Ideen und Meinungen. Generell eignen sich gemeinschafts-stiftende Themen – beispiels-weise die Schönheit –, um ins Gespräch über Verbindendes und Unterschiede in kulturellen Praktiken zu kommen. Das stärkt das Verständnis für Vielfalt, fördert Begegnungen und vermittelt auch demokratische Prinzipien wie Mitbestimmung.

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GRAND BEAUTY ist ein preisgekrönter transkultureller Salon für Schönes, Diversität und Dialog, in dem BEAUTY EXPERTS mit und ohne Zuwanderungs- geschichte zusammenwirken.

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Begleitforschung

Gleichheit und Pluralität

Text: Dr. Julia Schulze Wessel und Nina Goretzko

Ich erkenne dich als genauso frei und gleich an, wie du mich als frei und gleich anerkennst – das sind die Grundvoraussetzungen gelin-gender, gleichberechtigter Kommunikation. Für die Legitimation jeder demokratischen Ordnung ist diese Form der Gleichheit elementar. Die empirische Erhebung zeigt, dass „Orte der Demokratie“ verschiedene Strategien entwickelt haben, um Ungleichheit zu verringern. Sie bauen Barrieren ab, indem sie zum Beispiel Räumlichkeiten barrierefrei gestalten oder einen nicht-kommerziellen Ort schaffen, an dem alle niedrigschwellig teilhaben können. Eine als illegitim erachtete Ungleichheit hat von jeher Proteste hervorgerufen, die Demokratien stetig verändert haben (Young 2001, 670). Demokratien stehen in diesem Sinne nie still. Sie sind Demokratien in Bewegung, die von der Partizipation und vom Protest gegen illegitime Ungleichheit und Grenzziehungen leben. Das kann bedeuten, sich besonders für Menschen und Gruppen einzusetzen, die diskriminierenden Anfeindungen ausgesetzt sind: Dazu gehöre es, „queere junge Menschen oder Menschen mit Migrationshintergrund oder Menschen, die eben anders sind oder […] was gegen Rechtsextremismus haben“ (Gruppendiskussion 2023), zu schützen, damit auch sie den öffentlichen Ort ohne Anfeindung nutzen können.

Wer wird gehört? Wessen Stimme zählt? Und wer gehört zum „Wir“, das gestalten darf? Diese Fragen sind grundlegend für jede demokratische Ordnung und jede Form der Demokratiebildung. Für demokratische Gemeinwesen sollte es elementar sein, dass darüber weder Machtpositionen noch (Handlungs-)Ressourcen der Einzelnen entscheiden dürfen. Gleichheit zielt vor allem auf politische Gleichheit als auch auf rechtliche. Weil Freiheit die Frei-heit einschließt, den Bedingungen unterworfen zu sein, als deren „Autor“ (Habermas 1999, 298; Benhabib 2008, 51) ich mich verstehen kann, ist die Gleichheit vorausgesetzt. Alle Mitglieder sollten die gleichen Möglichkeiten haben, die Regeln ihrer Gesellschaft zu beeinflussen. Sie entscheiden idealer-weise gleichberechtigt, wie wir miteinander leben wollen. In einem über den Nationalstaat hinausgehenden Gleichheits-verständnis werden dabei die Grenzen nicht entlang des recht-lichen Status (Staatsbürgerschaft) gezogen. Bürgerin oder Bürger wird man durch die politische Praxis (Bürgerschaft) (Isin 2009). In dieser Auseinandersetzung zählen alle Stimmen gleich und die Beteiligten agieren als rechtlich Gleichgestellte (Benhabib 2008: 129-134). Gleichheit verbindet nicht nur die Bürgerinnen und Bürger mit dem Staat, der die Gleichheit aller institutionell absichert, sondern stellt auch ein gegenseitiges Wechselverhältnis zwischen den Bürgerinnen und Bürgern her.

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Begleitforschung

Gleichheit und Pluralität

Sie gestalten ihre Orte so, dass sich viele verschiedene Gruppen der Bevölkerung zugehörig fühlen können. Dass möglichst viele Men-schen an den Angeboten teilhaben und den „Ort der Demokratie“ mitgestalten können. Mit vielen verschiedenen Menschen und Gruppen zu arbeiten, kann für das Team vor Ort herausfordernd sein. Auf die Frage nach dem Demokratischen in den Projekten oder den besonderen Leuchttürmen der praktischen Umsetzung wird oft von Pluralität gesprochen, die jedoch an Gelingensbedingungen gebunden ist. Pluralität stärke die Demokratie nur, wenn ein Miteinander entsteht, das auf Verständigung, Austausch, Zusammenwirken, auf Zuhören, Urteilsbildung und gegenseitigem Lernen basiert. Demokratische Pluralität lebt von Wechselseitigkeit. Statisches Gegeneinander-Stehen wird als demokratieschwächend verstanden. Die Aussagen der „Orte der Demokratie“ betonen, dass sie Auseinandersetzungen, Konflikte und Streit, die aus der Pluralität hervorgehen, an Bedingungen knüpfen, die alle Seiten erfüllen müssen. Dazu zählen zum Beispiel gegenseitiger Respekt, Offenheit für das Gegenüber und sachliche Argumente. Sie wollen in ihren Gemeinden ein friedliches, plurales Miteinander aufbauen, das in den letzten Jahren verloren gegangen zu sein scheint. Sie setzen sich dafür ein, dieses „Miteinander wieder[zu]finden“ (Gruppendiskussion 2023).

Verschiedene „Orte der Demokratie“ berichten von Gruppen in ihren Gemeinden, die sich so stark abgespalten haben, dass kaum ein Gespräch möglich sei. Sie präge ein statisches Freund-Feind-Denken, das als antidemokratisch bezeichnet wird. Bereits in den Antragstexten war oftmals von der Spaltung der Gesellschaft die Rede, die sich darin zeigt, dass Gruppen nicht mehr miteinander kommunizieren. Diese Gegenwartsdiagnose findet sich auch der Erhebung wieder. Dagegen steht die Pluralität in Demokratien, die auf die wechsel-seitige Verständigung und friedliche Konfliktaustragung ausgerich-tet ist. Pluralität gehört zum Lebenselixier von Demokratien; sie ist die Voraussetzung dafür, dass Freiheit überhaupt möglich ist (Arendt 1991, 505). Sie steht mit den Begriffen Freiheit und Gleichheit im engen Wechselverhältnis. Alle Menschen machen unterschiedliche Erfahrungen und blicken mit diversen Perspektiven auf die Welt. Erst das Zusammenspiel dieser Perspektiven schafft eine gemein-same Welt. Diese Vielfalt soll an den „Orten der Demokratie“ ab-gebildet werden. Das Förderprogramm fordert, möglichst breite Bevölkerungsschichten einzubeziehen. Alle „Orte der Demokratie“ erzählen auf verschiedenen Ebenen, wie Pluralität vor Ort gelebt wird. Die Erhebungen verdeutlichen, wie wichtig es ihnen ist, nicht nur eine Zielgruppe anzusprechen.

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Limbach-Oberfrohna

Limbach für Alle

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Limbach für Alle

„Ohne unseren ‚Ort der Demokratie‘ würden viele nur ihr eigenes Süppchen kochen. Aber wir haben von Beginn an bei unseren Veranstaltungen viele fremde Gesichter gesehen, von denen einige nun Teil des Projektes sind. Dies zeigt uns, wie groß der Bedarf ist.“

Manchmal bedeutet Demokratie auch Durchhalten: Das ist eine Erfahrung, die der Verein „Soziale & politische Bildungs-vereinigung Limbach-Oberfrohna“ in den letzten Jahren immer wieder gemacht hat. Seit 15 Jahren sind Mitglieder in Limbach-Oberfrohna aktiv und trotzen den oft widrigen Bedingungen in der ostdeutschen Provinz. Sie erleben ständige Bedrohung und Gewalt – selbst einen Brandanschlag auf das Vereinsdomizil. Die Motivation ist dennoch ungebrochen. In ihrem Ort der Demokratie liegt der Schwerpunkt auf Netzwerkbildung, damit Aktive nicht das Gefühl haben, allein gegen Windmühlen zu kämpfen. Und es geht darum, möglichst alle Menschen und Initiativen einzubeziehen, ihren Perspektiven Raum zu geben und auch einen solidarischen Umgang miteinander zu entwickeln. An drei Standorten werden deshalb Orte des Austauschs betrieben, damit Gruppen, zwischen denen es bisher kaum Kommunikation gibt, in Kontakt kommen.

Limbach-Oberfrohna

Mitmach-Tipp: Doro

„Wir wollen etwas in den Köpfen bewirken, Scheuklappen entfernen. Zwischen einigen gesell-schaftlichen Gruppen findet kaum Kommuni-kation statt. Und wir sind überzeugt, dass Begegnung Solidarität schaffen kann.“

In der Doro, dem Sitz des Vereins „Soziale & politische Bildungsvereinigung Limbach-Oberfrohna“ in der Dorotheen-straße, finden Konzerte, Workshops und Lesungen statt. Und weil all das hungrig macht, gibt es auch eine Küche für alle. Jeden Mittwoch wird hier gemeinsam gegessen.

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Auszug aus einem Interview mit der Vernetzungsstelle (NDK Wurzen)

In Limbach-Oberfrohna entsteht Neues: sei es die gemeinsame Gestaltung eines offenen Gartens, die Gründung einer Elterninitiative oder auch einer Punkband.

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Löbau

Demokratiefabrik Löbau

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Demokratiefabrik Löbau

„Wenn Beziehungsarbeit gelingt, gelingt es auch, konstruktiv mit- einander zu reden. Die Menschen wollen ernstgenommen werden, sie wollen einbezogen werden. Sie wollen keine Pseudo-Teilhabe, sondern aktiv bestimmen.“

LÖBAULEBT: Der Name des Vereins, der hier in der kleinen Stadt bei Görlitz den „Ort der Demokratie“ betreibt, ist Feststellung und Hoffnung zugleich: Löbau soll sein Potenzial entfalten und so attraktiv sein für die, die noch hier sind – und genauso für jene, die in den vergangenen Jahren weggezogen sind. Das helfe dabei, die nötige Infrastruktur zu erhalten – medizinisches Fachpersonal zum Beispiel. Die Aktiven des Vereins haben besonders eine Gruppe in den Blick genommen, die sie bestärken will: Frauen und Mädchen.

Löbau

Gute Praxis

Ansätze und Methoden in der Arbeit der „Orte der Demokratie“

Mitmach-Tipp: Makerspace Geistesblitz

Was hat individuelle Kreativität mit Demokratiebildung zu tun? Die Antwort sind Makerspaces. In diesen offenen Räumen können Menschen Werkzeuge und Technologien nutzen, um eigene Projekte umzusetzen. Zum Beispiel stehen Geräte wie 3D-Drucker oder Lasercutter zur Verfügung, die für gewöhnlich nicht jedem Menschen zugäng-lich sind. Makerspaces fördern damit die Chancengleichheit, indem sie den Austausch von Wissen und Ideen unterstützen. Sie bieten die Chance, Neues zu lernen und helfen dabei, Ideen zu verwirklichen – unabhängig von Vorwissen oder finanziellen Ressourcen. Auf diesem Weg fördern sie die Teilhabe und stärken die Selbstwirksamkeit.

Der Makerspace Geistesblitz ist vor allem für Kinder und Jugendliche gedacht: In der offenen Werkstatt gibt es in Workshops die Chance, kostenlos 3D-Druck, virtuelle Realität, Laserschneiden, Programmieren, Elektrotechnik und Kunst-stoffrecycling mittels Spritzguss auszuprobieren. Das Motto lautet: Wenn wir das können, schafft es jeder.

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Florian Günzel leitet den Makerspace Geistesblitz. Hier können Kinder und Jugendliche eigene Ideen umsetzten – mit Werkzeugen, die ihnen sonst nicht zugänglich wären.

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Mittel-herwigsdorf

Die Meda – Demokratie gemeinsam leben

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Die Meda – Demokratie gemeinsam leben

„Für uns war es überraschend, wie ermutigend und öffnend ein wohl-wollendes, wertschätzendes Klima wirkt, wie sehr Eigeninitiative Dinge ins Rollen bringt und andere aktivieren kann.“

Wo bitte geht es denn hier zum schönen Leben? Das ist die Frage, die sich das Team seit der Gründung der Kulturfabrik Meda Anfang der Neunzigerjahre stellt. Heute bietet das Gründerzeithaus ein Dach für ein Kino, eine Kneipe, einen Co- working-Space, einen großen Garten – und vor allem jede Menge Raum und Platz für Begegnungen. Inzwischen ist die Kulturfabrik Meda ein Knotenpunkt der Bürgerregion Lausitz und bringt sich aktiv im Strukturwandel-prozess ein: mit Kunst-, Kultur- und Bildungsprojekten. Im Mittelpunkt steht dabei der respektvolle Austausch: ob über Filme, Utopien oder Aktivismus. Der gleichnamige Verein, der die Kulturfabrik Meda betreibt, sieht sich selbst als kritische und ermutigende Stimme im Diskurs. Das Team versucht mit Offenheit und Empathie andere Menschen zu ermuntern, sich mit ihren eigenen Fähigkeiten und Themen einzubringen.

Mittelherwigsdorf

Mitmach-Tipp: Kulturfabrik Meda

Lange Zeit war in den Dörfern die Kneipe der Ort des sozialen Lebens – hier kamen Menschen zum Bier und zum Schnack zusammen. Das Team der Kulturfabrik Meda hat darüber nachgedacht, wie ein solcher Ort in Mittelherwigsdorf wieder entstehen könnte und sich gefragt, was eine Kneipe im 21. Jahrhundert überhaupt ausmacht. Mit Männergruppe, Eltern- und Schulleitungsstammtisch, Kino-AG und „Sofagesprächen“ ist die „K21“ so zur Drehscheibe im Ort geworden.

„Wir sitzen alle im selben Boot und können uns auf Augenhöhe begegnen. Für uns ist es wichtig, uns gegenseitig zu sagen, wir probieren hier miteinander etwas aus und scheitern vielleicht auch an manchen Stellen zusammen. Das ist für uns ein anderes Gefühl, miteinander Gesellschaft gestalten zu können.“

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Das Team um Fanny Vildebrand will Menschen ermutigen, eine andere Perspektive einzunehmen, wie ein gutes Leben für alle im Ort und auch in der Oberlausitz aus-sehen könnte.

Auszug aus einem Interview im Rahmen der Begleitforschung

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Begleitforschung

Grenzziehungen

Text: Dr. Julia Schulze Wessel und Nina Goretzko

Einige „Orte der Demokratie“ kooperieren mit Jugendgruppen, weil sie oftmals über wenig eigene Räume verfügen. Andere engagieren sich in Stadtteilen, in denen weniger privilegierte Menschen leben. Manche wenden sich gezielt an Gruppen, die Rassismus erfahren. Für sie kann der „Ort der Demokratie“ ein Schutzraum sein, der zum Empowerment beiträgt. In dieser Perspektive hinterfragen die „Orte der Demokratie“ Grenzziehungen zu marginalisierten und ausgeschlossenen Gruppen. Durch ihre Arbeit, durch das Empowerment und die Schutzräume können sie Grenzen infrage stellen und idealerweise auch verschieben, sodass mehr Gruppen gleichberechtigt an Teilhabe und Gestaltung mitwirken können. Das Thema Grenzziehungen trifft die „Orte der Demokratie“ jedoch noch auf andere Weise. In Demokratien werden Grenzziehungen nicht nur hinterfragt, sondern auch selbst gezogen. Demokratien sind begrenzt durch die Verfassung und die Menschenrechte. Sie sind die Grundlage, auf der überhaupt erst miteinander gesprochen werden kann. Denn sie sichern die gleichberechtigte gesellschaft-liche Teilhabe aller Menschen. „Orte der Demokratie“ fördern Öffnung, Austausch, Gespräch und Aushandlung, doch häufig stellt sich die Frage, welche politischen Positionen an ihrem „Ort der Demokratie“ Platz haben sollten. Einigkeit besteht darin, dass Gespräche mit Menschen mit gefestigten, rechtsextremen Überzeugungen keinen Sinn ergäben. Umstritten bleibt jedoch, wo diese Grenzziehung verläuft und gegen wen sie notwendig ist.

Jede Demokratie beruht auf Grenzziehungen. Das zeigt sich deutlich bei territorialen Grenzen. Grenzen werden aber auch innerhalb von Demokratien durch Rechtsunterschiede der Bevölkerung, durch die ungleiche Gewichtung von Stimmen oder auch Diskriminierungen gezogen. Grenzziehungen führen dazu, dass nicht alle gleicher-maßen teilhaben können. Demokratische Grenzziehungen sind jedoch nicht statisch, sondern zeichnen sich vielmehr dadurch aus, dass sie immer wieder auch infrage gestellt, angefochten und verschoben werden können. Das demokratische Versprechen von Gleichheit, Freiheit, Solidarität und Pluralität hat schon immer ausgeschlossene Gruppen ermutigt, ihre Rechte und ihren Platz in demokratischen Prozessen zu erkämpfen. Auch wenn am Anfang von Demokratien nur einige wenige mit allen demokratischen Rechten ausgestattet waren, so kennzeichnet die Geschichte der Demokratie Kämpfe um Grenzverschiebungen. Davon erzählen zum Beispiel die Proteste der Frauenbewegung oder der Bürgerrechtsbewegung in den USA. Auch ein demokratisches ‚Wir‘ beruht also auf Grenzziehungen und Ausschlüssen, die sich hinterfragen, anfechten und verschieben lassen. Verschiedene „Orte der Demokratie“ zielen darauf ab, auch oder insbesondere mit denjenigen zu arbeiten, die bislang in der Ortsgemeinschaft wenig präsent sind, deren Geschichten unbekannt bleiben und die selten als Gestaltende und Teilhabende auftreten.

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Begleitforschung

Grenzziehungen

Einzelne „Orte der Demokratie“ sehen ihre Aufgabe darin, mit möglichst vielen verschiedenen Menschen ins Gespräch zu kommen. Manche schließen auch diejenigen ein, die sich nur noch in abgeschlossenen Gruppen aufhalten. Sie entwickeln Strategien, um Menschen zu erreichen, die sich nur noch in einem sich selbst bestätigenden Meinungsspektrum aufhalten und nur noch denjenigen Glauben schenken, die ihre eigene Meinung bestärken. Diese „Orte der Demokratie“ beschäftigt weniger die Abgrenzung, als die Frage, wie es gelingt, Menschen zu öffnen und zusammenzubringen. Andere „Orte der Demokratie“ beschäftigen sich wiederum mit der Frage, wie marginalisierte Gruppen erreicht und geschützt werden können. Einige betonen, wie wichtig es sei, diese Gespräche zu moderieren und Regeln festzulegen, um gleichberechtigte Aushandlungen zu ermöglichen. Sie setzen auf die Gleichwertigkeit von Menschen als Basis für Austausch und Begegnung und besetzen so die Grenz-ziehung positiv. In der alltäglichen Arbeit führt dieses Thema immer wieder zu Herausforderungen und situativen Entscheidungen: „Und ich glaube, man muss immer schauen, ob man [mit bestimmten politischen Einstellungen] noch weiterarbeiten kann oder ob man sich nur die Zähne ausbeißt und am Ende noch Leuten Raum bietet, die dann die Möglichkeit haben, ihre Sachen zu reproduzieren und andere Menschen sich dann hier nicht mehr sicher fühlen können.“ (Gruppendiskussion 2023)

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Pirna

Sonnige Aussichten

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Sonnige Aussichten

Plattenbauten, Industriegebäude und eine wechselvolle Geschichte machen den Stadtteil Pirna-Sonnenstein besonders. Einst Heilanstalt, zwischendurch Soldaten- und Flüchtlings-lager, wurden in den Jahren 1940 und 1941 in einer NS-Tötungsanstalt fast 14.000 psychisch kranke und geistig behinderte Menschen ermordet. In der DDR blühte der Stadtteil als Standort der DDR-Luftfahrt- und Rüstungsindustrie wirtschaftlich auf. Mit den Neunziger-jahren folgten dann Abwanderung und Leerstand. Die AG Asylsuchende Sächsische-Schweiz-Osterzgebirge e.V. baut hier einen Ort der Demokratie für das Heute auf, der die Vergangenheit nicht aus dem Blick verliert und die Menschen im Stadtteil enger zusammenrücken lassen soll.

„Dieser Ort wird hier im Stadtteil einfach dringend gebraucht.“

Mitmach-Tipp: DemoSlam

Pirna

Das Team der AG Asylsuchende Sächsische Schweiz-Osterz-gebirge e.V. setzt auf neue, zugängliche und klassismuskritische Bildungsformate und Diskussionsangebote, die einen intensiven Austausch befördern sollen. Beim DemoSlam präsentieren die Teilnehmenden Ausarbeitungen zu strittigen Themen, die in größerer Runde diskutiert werden. Dabei geht es nicht darum, andere mit Argumenten zu besiegen oder Recht zu behalten, sondern darum, Kompromisse zu finden, mit denen alle leben können. Und darum, die Erfahrung zu machen, dass es möglich ist, miteinander zu lachen, auch wenn die Meinungen unterschiedlich sind.

„Wir möchten einen offenen Raum schaffen, in dem die Vielfältigkeit der Erfahrungen, Bedürf-nisse und Perspektiven respektiert und auch gelebt werden. In dem Menschen sich motiviert und ernst genommen fühlen, zu partizipieren.“

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Auszug aus einem Interview mit der Vernetzungsstelle (NDK Wurzen)

Der Stadtteil ist grün, die Wege kurz, die Aussicht atemberaubend. Die Menschen hängen an ihrem Viertel, dessen kulturelle Vielfalt von außen stigmatisiert wird.

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Pödelwitz

Zukunftsforum Pödelwitz

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Zukunftsforum Pödelwitz

„Das Dorf ist keine homogene Gemeinschaft. Aber bei aller Verschiedenheit merken wir, wie stark uns die gemeinsame Geschichte verbindet. Alleine, dass wir hier sind, ist gelebte Demokratie.“

Dass es Pödelwitz überhaupt noch gibt, ist ein kleines Wunder. Denn der Ort bei Leipzig sollte abgebaggert werden - für die Braunkohle und die Interessen von Konzernen. Das Bündnis „Pödelwitz bleibt“ organisierte den Protest - und hatte Erfolg. Der gegründete Verein „Pödelwitz hat Zukunft“ betreibt heute einen „Ort der Demokratie“ quasi direkt an der Abbruchkante. Die Initiatorinnen und Initiatoren sind überzeugt davon, dass der Strukturwandel nicht der Wirtschaft überlassen werden darf, sondern er in Absprache mit den Bewohnerinnen und Bewohnern von Braunkohleregionen und in Beteiligungs-verfahren sozial- und klimagerecht entwickelt werden muss. Das „Zukunftsforum Pödelwitz“ möchte Bildung, demokratische Diskussionen und auch eine gemeinschaftliche Planung über Entwicklungschancen des Ortes und der Region ermöglichen.

Pödelwitz

Mitmach-Tipp: Kuchensonntag

„Wie können wir mit-einander aushandeln, wie sich der Strukturwandel in der Region insgesamt und die Zukunft unseres Dorfs, das abgebaggert werden soll, gestaltet? Wir sind gefragt zu handeln, zu reflektieren und dafür einzustehen, dass wir hier mitentscheiden können.“

Zum monatlichen Kuchensonntag wird bei Selbstgebackenem und Kaffee über die Zukunft des Orts gesprochen – aber auch über den neuesten Klatsch in und um Pödelwitz. Die Gespräche werden vertieft bei Flohmarkt, Pflanzentauschbörse oder einer Fahrradwerkstatt. Der Sonntagstreff ist offen für alle: frühere Bewohnerinnen und Bewohner, Interessierte, Ausflüglerinnen und Ausflügler, Anwohnerinnen und Anwohner aus Groitzsch.

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Auszug aus einem Interview im Rahmen der Begleitforschung

Der Verein „Pödelwitz hat Zukunft“ will den vor der Abbaggerung geretteten Ort wiederbeleben und gleichzeitig ein sozial- und klima-gerechtes Modelldorf aufbauen.

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Rodewisch

ROWI Labor

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ROWI Labor

Vereinsheim, Clubkino, Werkstatt, Workshopraum – das ROWI Labor ist vieles und der Name Programm. Denn hier darf aus-probiert und experimentiert werden, auch Fehler sind erlaubt. So will die Kommune sowohl junge als auch ältere Menschen, Geflüchtete, Rückkehrerinnen und Rückkehrer zum Mitmachen und Mitreden animieren, indem politische Bildung, Bürgerbe-teiligung und Engagement gestärkt werden. Engagierten und Interessierten werden Räume zur Verfügung gestellt. Ins ROWI Stadtbüro kommen Menschen mit Sorgen, Nöten und Ideen; weil sie Skatpartnerinnen und -partner, Mitstreiterinnen und Mitstreiter für einen Flohmarkt suchen oder E-Bike-Touren organisieren möchten. So entstehen im Kleinen viele neue Verbindungen – und gleichzeitig wird die Innenstadt belebt.

„Wir erleben regelmäßig, wie bereichernd es für alle Seiten ist, wenn man sich auf neue Kontakte einlässt und wie schnell Vorurteile über Bord geworfen werden.“

Rodewisch

Mitmach-Tipp: Mediensprechstunde

Regelmäßige Mediensprechstunden sollen Interessierte im Umgang mit Smartphones oder FakeNews schulen: So sollen alle Generationen gut ins digitale Zeitalter und dabei ganz nebenbei mit Menschen ins Gespräch kommen, zu denen sie vorher keinen Kontakt hatten.

„Wir wollen, dass in Rodewisch wieder mehr miteinander gesprochen, gestritten und gelacht wird – mit Respekt. Das Stadtbüro und das ROWI Labor laden dazu ein, sich zu treffen, Neues auszu-probieren und Konflikt-themen zu verhandeln.“

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Auszug aus einem Interview mit der Vernetzungsstelle (NDK Wurzen)

Das Stadtbüro und das ROWI Labor laden zur Begegnung ein. Denn in Rodewisch soll wieder mehr miteinander gesprochen, gestritten und gelacht werden.

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Wurzen

D5 – das Haus, in dem Demokratie gearbeitet wird

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D5 – das Haus, in dem Demokratie gearbeitet wird

„Wir haben festgestellt, dass die Menschen in Wurzen sich tatsächlich wieder mehr Orte der Begegnung und Vernetzung wünschen, die in den letzten Jahren weggefallen sind.“

Das Netzwerk für Demokratische Kultur (NDK) ist in ganz Sachsen bekannt: Für viele zivilgesellschaftliche Akteurinnen und Akteure ist es ein wichtiger und geschätzter Netzwerk-partner. Logisch, dass das NDK auch einen „Ort der Demokratie“ betreibt. Das Team sagt, manchmal sei es in der Kleinstadt bei Leipzig schwer, gegen die allgemeine Passivität anzukommen. Das NDK will zeigen, dass die Realität eine andere ist – und stellt deshalb am Domplatz Räume zur Verfügung, die ohne kommerzielle Interessen für die Umsetzung eigener Wünsche genutzt werden können. In der Stadt werden Räume für Dialog geschaffen, der Verein organisiert und moderiert Vernetzung – und führt Open Spaces an Schulen durch, damit die Schüler-innen und Schüler in den Klassen 8 und 9 sich mit Demokratie und ihren eigenen Themen auseinandersetzen und so mehr über Beteiligungsprozesse und politische Mitbestimmung lernen.

Wurzen

Mitmach-Tipp: Kritzelheft

Die „Kritzelheft Erfinder*innenwerkstatt“, die vom Netzwerk Demokratische Kultur entwickelt wurde, ist eine „Gebrauchs-anleitung zur Patentbaustelle für visionäre Gesellschaftsideen“ und stellt autodidaktisches Material für eine visionäre Gesell-schaft zur Verfügung. Hier gibt es Szenarien, Handlungsvor-schläge, Argumente und Informationen – und natürlich jede Menge Platz für eigene Überlegungen.

„Eines unserer Ziele ist es, einen ‚Ort der Demokratie‘ zu schaffen, an den Menschen kommen, sich begegnen können und über gesellschaftspolitische Themen ins Gespräch kommen.“

Hier gibt es weiterführende Informationen zum Ort ...

Das Netzwerk für Demokratie Kultur möchte unterschiedlichste Menschen zusammenbringen und sie ermächtigen, sich gemeinsam und demokratisch für Themen einzusetzen.

Auszug aus einem Interview im Rahmen der Begleitforschung

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Evaluation

Fazit

Text: Juliane Döschner und Friederike Günther

Die Förderrichtlinie trifft einen tatsächlichen Bedarf. Das zeigt sich daran, dass erstens mehr Interesse vorhanden ist als Mittel zur Verfügung stehen; zweitens die Träger kaum alternative Finanzierungen im Vorfeld der Förderung fanden; drittens die Anschlussfinanzierung unsicher ist; viertens 89 Prozent der Sozialen Orte eine Verlängerung beantragen wollen oder es bereits haben; und fünftens Geförderte und Expertinnen und Experten übereinstimmend meinen, dass das Programm alternativlos sei und eine Förderlücke schließe. Viele Aspekte der Förderung werden positiv bewertet, es zeigt sich jedoch auch eine Abhängigkeit von ihr und eine unsichere Zukunft für die Orte. Gleichwohl wünschen sich die meisten Projektträger und Stakeholder eine Verstetigung ihres „Ortes der Demokratie“. Begegnungsräume, in denen gesellschaftlicher Zusammenhalt gefördert und Engagement gestärkt wird, sind insbesondere im ländlichen Raum rar. Beide Förderprogramme ermöglichen den (Wieder-)Aufbau von solchen Begegnungsräumen sowie von Strukturen zu deren Nutzung. Diese werden von den Projektträgern und deren Stakeholdern als wirk-sam erlebt und bieten einen Mehrwert für die Gemeinden. Auf den nachfolgenden Seiten formulieren wir Handlungsempfehlungen, um dieses Wirken zielgerichteter unterstützen zu können. Mit der vor-liegenden Evaluation konnten wir einige, jedoch nicht alle Aspekte der Förderrichtlinie detailliert analysieren.

Im Rahmen der Evaluation der Förderrichtlinie untersuchten wir den Umsetzungsstand des Förderkonzepts, die Ressourcen und die Finanzierung der Orte des Gemeinwesens, ihre Unterstützung durch die Förderung sowie ihre Zukunftsaussichten. Die Ergebnisse zeigen, dass die Projektträger in ihren Gemeinden auf einem guten Weg zur Erreichung der mit der Richtlinie angestrebten Förderziele sind. In Übereinstimmung mit dem Zuwendungszweck und den Förder-gegenständen sind alle Orte des Gemeinwesens lebendige zivil-gesellschaftliche Treffpunkte, die wöchentlich von verschiedenen Zielgruppen, unter anderem auch selbstorganisiert, genutzt werden. Sie unterstützen lokales Engagement und regen dazu an. Entsprechend den Schwerpunkten der Förderprogramme bieten die Sozialen Orte ein breites Spektrum an Gemeinwesenarbeit an, was auch einen Teil der Aktivitäten der „Orte der Demokratie“ darstellt. Deren Fokus liegt jedoch auf der Ermöglichung von Debatten und Meinungsaustausch sowie auf Demokratieförderung. Die Projektträger verfügen über (zum Teil sehr) unterschiedliche organisationale und räumliche Kapazitäten. Dennoch stellt das jeweilige Förderprogramm für alle den zentralen Gelingensfaktor für die Realisierung ihrer Projektziele dar.

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Evaluation

Fazit

Es ist eine offene Frage, ob eine Festlegung der Rolle der Kommunen auf der Ebene der Förderrichtlinie (zum Beispiel durch eine verpflich-tende Ko-Finanzierung) für alle Projekte die passende Lösung darstellt. Möglicherweise erweisen sich projektspezifische Strategien als ziel-führender: Übernimmt ein Ort des Gemeinwesens kommunale Auf-gaben, ist eine an eine Leistungsvereinbarung geknüpfte kommunale Förderung angemessen. Ein anderer Ort kann von der Möglichkeit profitieren, kommunale Räume mietfrei zu nutzen. Für manche Orte mag sogar die bewusste Unabhängigkeit von lokalpolitischen Entscheidungen von essenzieller Bedeutung sein. Grundsätzlich ist eine Kooperation mit der Kommune in den meisten Fällen ratsam. Die Unterstützung durch die Förderprogramme ist für den Aufbau und die Etablierung der Orte entscheidend. Daher sollte auf dieser Ebene weiter diskutiert werden, wie solche Kooperationen projektspezifisch gelingen können. Dies ist insbesondere im Hinblick auf die Nachhaltigkeitsstrategien empfehlenswert. Als Untersuchungsgegenstände für zukünftige Evaluationen können beispielsweise die individuellen Wirkungen der Orte auf deren Nutzende oder die Rolle der Orte in lokalen und regionalen Netzwerken der Engagement- und Demokratieförderung betrachtet werden. Eine systematische Analyse der Sachberichte der Projektträger sowie ein gezielter, an Evaluationsfragen orientierter Austausch zwischen den Expertinnen und Experten der Förderprogramme (etwa die Mitglieder der Fachbeiräte) verspricht diesbezüglich weitere Erkenntnisse.

Im Laufe der Evaluation kristallisierten sich zwei Themen heraus, die für die Weiterentwicklung der Förderrichtlinie relevant sind. Jedoch sind in beiden Bereichen zentrale Fragen offen: Erstens: Ein (in der Förderrichtlinie verankertes) Ziel kann es sein, ein landesweites Netz von Orten des Gemeinwesens zu initiieren und zu fördern, sodass alle Bürgerinnen und Bürger die Chance haben, von deren Aktivitäten und Angeboten zu profitieren. Um dieses Ziel zu konkretisieren, sind grundlegende Diskussionen erforderlich: Welche Leistungen muss ein Ort für das Gemeinwesen erbringen, die allen Bürgerinnen und Bürgern verfügbar sein sollen? Gibt es bereits Orte mit vergleichbaren Angeboten, die für ein solches Netz gewonnen werden können? Nach welchem Schlüssel lässt sich die notwendige Anzahl und Verteilung der Orte ermitteln (nach der Anzahl der Einwohnenden oder nach der Größe eines Gebietes)? Zur Beantwortung dieser Fragen sind weitere Definitionen, Verein-barungen über wünschenswerte Soll-Zustände sowie landesweite Analysen notwendig. Zweitens: Welche Rolle spielen die Kommunen in der Förderung? Die Evaluationsergebnisse zeigen, dass nahezu alle Projektträger mit ihren jeweiligen Kommunen kooperieren und regelmäßig zusammen- arbeiten. Es finden sich in manchen Fällen jedoch auch Hinweise auf mangelnde Unterstützung der Orte.

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Evaluation

Handlungsempfehlungen

Text: Juliane Döschner und Friederike Günther

Aufgrund der Ergebnisse der Evaluation empfehlen wir die Fortführung des Programms sowie die Entwicklung einer Nachhaltigkeitsstrategie auf Programm- und Projektebene. Die Evaluation verdeutlicht, dass das Programm „Orte der Demokratie“ eine wichtige Förderlücke schließt, für die es keine oder kaum alter-native Fördermöglichkeiten gibt. Die Nachfrage nach Förderung über-steigt die zur Verfügung stehenden Mittel. Die Ergebnisse zeigen unter anderem, dass bereits eine geringe Anzahl von Hauptamtlichen das Engagement einer Vielzahl Ehrenamtlicher ermöglicht, beziehungsweise vorhandenes Engagement unterstützt. Außerdem belegt die Befragung, dass in den „Orten der Demokratie“ wertvolle Beziehungsarbeit geleistet wird, die eine Grundlage für die Aktivierung und Stärkung des demokratischen Engagements darstellt. Diese Beziehungsarbeit kann jeweils durch eine koordinierende Personalstelle kontinuierlich abgesichert werden. Die aus Sicht der Befragten fehlenden alternativen Finanzierungs-möglichkeiten führen zu einer großen Unsicherheit hinsichtlich der Fortführung der „Orte der Demokratie“ und des Erhalts der Fachkräfte.

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Evaluation

Handlungsempfehlungen

Empfehlungen auf Programmebene: Es empfiehlt sich, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine Verstetigung der Aktivitäten der „Orte der Demokratie“ begünstigen. Dazu gehört die Anpassung der Förderrichtlinie bzw. des Förderkonzeptes im Hinblick auf eine nach-haltige Finanzierungsperspektive. Hierfür ist eine Zieldiskussion not-wendig: Soll die Förderung vor allem neue Projekte durch eine Anschub-finanzierung realisieren, zielt sie auf die langfristige Etablierung von Strukturen und Räumen ab oder will sie beides ermöglichen? Je nach Beantwortung der Frage ergeben sich mehrere denkbare Optionen, die Förderung nachhaltig auszurichten: a) Prüfung der Möglichkeit, die Projektlaufzeit von drei auf fünf Jahre zu verlängern. Denn die Evaluation zeigt, dass ein Zeitraum von drei Jahren für den Aufbau von Strukturen und für die gleichzeitige Implementierung einer Nachhaltigkeitsstrategie für die Projektträger sehr herausfordernd ist. Denkbar wäre, dass die zu Förderbeginn ver-einbarten, projektspezifischen Erfolgskriterien nach einer dreijährigen Projektlaufzeit, einer „Aufbauphase“, überprüft werden. Werden die Kriterien erfüllt und besteht weiterhin Förderbedarf, könnte sich eine zweijährige „Verstetigungsphase“ anschließen. Diese sollte mit einem immer geringer werdenden Anteil der Förderung durch das Programm „Orte der Demokratie“ am Projektbudget enden.

Zu diskutieren ist, ob ein solcher Prozess (die gemeinsame Erarbeitung der Erfolgskriterien, die kontinuierliche gemeinsame Reflexion mit Projektträgern und die Aufbereitung der Daten für die Einschätzung durch das Ministerium) von einer empfohlenen externen Begleitung übernommen werden kann. Erwogen werden sollte auch, ob und an welcher Stelle eine Einbindung des fachlichen Beirats sinnvoll wäre. b) Prüfung, ob bereits Geförderte die Möglichkeit erhalten sollten, Folgeanträge auf Programmmittel zu stellen. c) Prüfung einer langfristigen, planbaren Unterstützung der Aktivitäten vor Ort in Form einer institutionellen Förderung. Die Vorschläge sind mögliche Szenarien einer Verstetigungsstrategie, über die auf Programmebene entschieden werden müsste. Die Szena-rien schließen sich nicht gegenseitig aus, es ist auch eine Kombina-tion denkbar. Eine initiierende Förderung (a), durch die der Aufbau neuer Orte ermöglicht wird, steht nicht im Widerspruch zu einer anschließenden wiederholten (b) oder langfristigen Förderung (c). Wir empfehlen trotz degressiver Förderung – wo benötigt – einen Sockelbetrag, mit dem die für die Aufrechterhaltung des Betriebs notwendigen Mittel bereitgestellt werden. So kann zum Beispiel eine kontinuierliche Personalstelle ehrenamtliches Engagement, zusätzliche Projektförderungen und die Nachhaltigkeitsstrategie sichern.

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Evaluation

Handlungsempfehlungen

Empfehlungen auf Projektebene: Für eine nachhaltige Perspektive, die aus Sicht der Projektträger zu einer größeren Unabhängigkeit vom Förderprogramm führt, bedarf es projektspezifischer Verstetigungs-strategien. Dazu gehören Antworten auf die Fragen, welche Ressourcen jeder Projektträger in welchem Umfang für die Verstetigung benötigt und welches Konzept der Weiterführung des jeweiligen „Ortes der Demokratie“ zugrunde liegt. So kann es Projektträger geben, die sich auf die Akquise privater Mittel für den Erhalt einer hauptamtlichen Koordinierungsstelle konzentrieren, während andere darauf abzielen, langfristige Kooperationspartner zu gewinnen (z.B. die Kommune, um Räume mietfrei nutzen zu können). Die Erarbeitung einer solchen Strategie erfolgt nicht eigeninitiativ abseits des „normalen Projektalltags“. Dafür fehlen Ressourcen und teilweise auch das Know-how aufseiten der Projektträger. Für die Verankerung einer projektspezifischen Ver-stetigungsstrategie als programmatischer Bestandteil des Förder-programms empfehlen sich folgende Schritte: 1. Erarbeitung einer im Zuwendungsvertrag festgelegten Nachhaltig-keitsstrategie auf Projektebene (zum Beispiel mittels eines Logframes). Dies beginnt bereits durch entsprechende Fragestellungen im Antrags-verfahren und sollte über den gesamten Förderzeitraum begleitet und zum Beispiel im Rahmen von Berichtsbesprechungen geprüft und ggf. angepasst werden.

2. Erstellung eines Konzeptes seitens des Ministeriums für eine Weiterentwicklung der externen fachlichen Beratung/Begleitung. Hier sollte geprüft werden, welcher Verfahrensmodus am besten geeignet ist. Eine relevante Frage ist dabei, ob es sinnvoll ist, die Beauftragung der Begleitung in die Verantwortung der Träger zu legen (zum Beispiel, indem die Träger ein eigenes Budget erhalten) oder zentral durch das Ministerium zu vergeben. Ebenso sollte diskutiert werden, ob es einen festen, vom Ministerium geprüften Pool von Anbietern geben sollte oder ob die Träger frei in der Wahl der Begleitung sind. Inspirierend ist hierzu die Organisation der Programmbegleitung beim Bundesprogramm „Aller.Land“. 3. Bereitstellung von Ressourcen für die individuelle Begleitung der Organisationsentwicklung und Entwicklung einer Verstetigungsstrategie (in Form von personellen Ressourcen aufseiten der Projektträger und finanziellen Ressourcen für externe Expertinnen und Experten).

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Literaturverzeichnis

Allen, Danielle S. 2020. Politische Gleichheit: Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2017. Übersetzt von Christine Pries. Erste Auflage. Berlin: Suhrkamp. Arendt, Hannah. 1991. Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. I. Antisemitismus. II. Imperialismus. III. Totale Herrschaft (1951). München: Piper. ————. 1994. „Freiheit und Politik (1958)“. In Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im politischen Denken, 201–26. 1. München: Piper. Benhabib, Şeyla. 2008. Die Rechte der Anderen. Ausländer, Migranten, Bürger. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. Döschner, J. und Günther, F. 2024. Bericht zur Evaluation der Förderrichtlinie Orte des Gemeinwesens. In Prof. Dr. Stephan Beetz, Bericht zur Evaluation der Förderrichtlinie Orte des Gemeinwesens. https://www.demokratie.sachsen.de/orte-der-demokratie-3971.html Goretzko, Nina; Kopitz, Juliane; Schulze Wessel, Julia; Voigt, Paula. 2024. Wissenschaftliche Begleitung des Förderprogramms „Orte der Demokratie“ Sachsen. Abschlussbericht. Studie im Auftrag des Sächsischen Staatsministeriums der Justiz und für Demokratie, Europa und Gleichstellung. https://www.demokratie.sachsen.de/orte-der-demokratie-3971.html Habermas, Jürgen. 1999. „Über den internen Zusammenhang zwischen Rechtsstaat und Demokratie“. In Die Einbeziehung des Anderen. Studien zur politischen Theorie, von Jürgen Habermas, 293–305. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. Isin, Engin F. 2009. „Citizenship in Flux. The Figure of the Activist Citizen“. Subjectivity 29 (1): 367–88. https://doi.org/10.1057/sub.2009.25. Selle, Klaus. 2014. Über Bürgerbeteiligung hinaus: Stadtentwicklung als Gemeinschaftsaufgabe? Analysen und Konzepte. Verlag Dorothea Rohn. Young, Iris Marion. 2001. „Activist Challenges to Deliberative Democracy“. Political Theory 29 (5): 670–90. https://doi.org/10.1177/0090591701029005004.

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Impressum

Herausgeber Sächsisches Staatsministerium der Justiz und für Demokratie, Europa und Gleichstellung Hansastraße 4 01097 Dresden Redaktion, Gestaltung und Satz Die Rederei gUG www.rederei-agentur.de Bildnachweis Anne Hufnagl (Seite 3) Benjamin Jenak und Karla Schröder, Die Rederei gUG Redaktionsschluss November 2024 Hinweis Diese Publikation wird im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit vom Sächsischen Staatsministerium der Justiz und für Demokratie, Europa und Gleichstellung kostenlos herausgegeben. Sie ist nicht zum Verkauf bestimmt und darf nicht zur Wahlwerbung ­ politischer Parteien oder Gruppen eingesetzt ­werden. Diese Maßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des vom Sächsischen Landtag ­ beschlossenen Haushaltes.

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