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Erfahrungsbericht: Fotoalbum Guadeloupe

Stiftung der Deutschen Wirtschaft (sdw) gGmbH

Created on June 4, 2024

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Erfahrungsbericht Erasmus in Guadeloupe

Ein Auslandssemester in der Karibik

Als ich die Adresse der Erasmus-Partner-Uni bei Google Maps eingebe, sehe ich erstmal nur Wasser. Wo bin ich denn da gelandet? Die „Université des Antilles“ liegt auf der karibischen Insel Guadeloupe, die zu Frankreich gehört, auch wenn sie tausende Kilometer von Frankreich entfernt vor Brasilien liegt.

Bei Auslandsaufenthalten im Studium gilt: Man sollte frühzeitig mit der Planung beginnen. Ich habe mich am Ende des 2. Semester informiert und bin im 4. Semester ins Ausland gegangen.

Die Möglichkeit, mit dem europäischen Austauschprogramm Erasmus+ ein halbes Jahr in der Karibik zu studieren, ist so verlockend, dass ich mich bewerbe.

So ein Antrag ist viel Papierkram und oft wartet man auf die Antwort der Partner-Uni, aber jede Uni hat ein International Office, das einem mit Rat und Tat zur Seite steht. Nach 6 Monaten Vorbereitung flog ich im Januar über Paris nach Guadeloupe. Von 1 Grad und Schneeregen zu 30 Grad und 90% Luftfeuchtigkeit.

Da ich unter anderem französische Literatur studiert habe, habe ich mich auch in Guadeloupe für französische Literatur eingeschrieben. Ich fand es besonders spannend, einen anderen Blick auf Frankreichs Kolonialgeschichte bekommen. Nachdem die Franzosen im 17. Jahrhundert die Insel militärisch erobert haben, verschifften sie Sklaven und Sklavinnen aus Afrika nach Guadeloupe.

Ein Großteil der Inselbewohner/innen stammt von diesen versklavten Menschen ab und die Insel gehört zu Frankreich, wie ein Bundesland in Übersee sozusagen. Besonders eingeprägt haben sich die Seminare, in denen ich die einzige Weiße im Raum war, als über Kolonialismus und Sklaverei gesprochen wurde. Ich denke, so ein Perspektivwechsel tut jedem gut.

So verbesserten sich meine Französisch-Kenntnisse zwangs-läufig und ich lernte auch französische Flüche und Vokabeln wie „Kakerlake“ und „Wasserfall“.

Alle Seminare fanden auf Französisch statt und ich war die einzige Deutsche auf dem Campus.

Anders als im Studium an meiner deutschen Uni wurden keine Seminararbeiten von 15 Seiten als Prüfungsleistung gefordert, viel mehr ging es ums Auswendiglernen von Lebensdaten bedeutender Schriftsteller und Schriftstellerinnen und Gedichtanalysen. Sich anders auf Prüfungen vorzubereiten, fiel mir am Anfang schwer.

Das Studium in Frankreich ist generell viel verschulter als in Deutschland. Ich hatte eine vorgegebene Liste an Seminaren, die ich im Semester belegen sollte. Neben den Seminaren habe ich oft Ausflüge gemacht. So bin ich zweimal auf den Schwefelvulkan Soufrière gestiegen – nur um in 1500 Metern Höhe vor lauter Nebel kaum meine eigene Hand zu erkennen.

Auch Besuche auf Zuckerrohr- und Kakaoplantagen, in Rum-Distillerien und kleinen Museum zur Geschichte der Insel habe ich in meiner Freizeit gemacht.

Meistens hat es etwa fünf Mal am Tag geregnet – aber zwischen den Schauern war es warm und sonnig.

Auch Anschluss zu finden, war zu Beginn nicht einfach. Um neue Freundschaften zu schließen, musste ich aktiv auf Menschen zugehen und meine Schüchternheit überwinden.

Einerseits könnte man denken, im Auslandssemester kann man sich neu erfinden: Niemand kennt dich und hat ein vorgefertigtes Bild von dir. Aber gemeinsame Interessen herauszufinden, ist dann erstmal auch viel Arbeit. Mit meiner Nachbarin unterhielt ich mich über mein feministisches Engagement an meiner Heim-Uni, so kamen wir ins Gespräch darüber, wie wenig LGBTQ-freundlich die meisten Kommilitoninnen und Kommilitonen an der Uni waren.

Denn jeder kleine Ort hat einen eigenen Karnevals-verein und arbeitet monatelang an Umzugs-wagen, Kostümen und Choreographien.

Der Karneval in Guadeloupe ist sehr farbenbunt und opulent, die ganze Insel ist auf den Beinen.

Eine andere Freundin lernte ich per Anhalter kennen. Sie nahm mich mit zum großen Karnevalsumzug.

Ein Auslandssemester zu machen, habe ich nie bereut – auch wenn es meine gesamten Ersparnisse aufgebraucht hat. Im Studium habe ich mich frei gefühlt und Erfahrungen gemacht, die ich nicht missen möchte. Über die Geschichte einer Insel zu lesen, eine Sprache zu lernen oder geografische Daten zu kennen ist nicht vergleichbar damit, alles selbst zu sehen und zu erleben.

Du hast Fernweh bekommen?weitere Erfahrungsberichte findest du beim podcast "Raus in die welt"